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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1915-05-07 · Heft 19 (7.5.1915) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
79 (1915)
Issue
Heft 19 (7.5.1915)
Date
1915-05-07
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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220 Unendliche verlängern kann, und das seinen finanziellen Willen noch durchsetzen wird, wenn alle anderen kriegführenden Völker längst mit ihrem Geld zu Ende sind. (??) Wie denkt dieser wimmelnde Haufe von Hmnpstead über den Krieg? Hat er ein Verständnis für ihn, folgt er seiner Entwicklung, ist er von vaterländischer Begeisterung erfüllt? All diese Fragen sind Unsinn. Denn ehe man ans Vaterland und an den Krieg denkt, muß nran Luft genug zum Atmen und Brot geling gegen den Hunger haben; sonst hat man an ganz anderes zu denken, das einem näher steht als der Krieg. Und das ist die Lage dieser Leute, die sich tagtäglich. Stunde für Stunde im Kampf um das bißchen Brot, das ihren Hunger stillt, und das bißchell Luft, das ihnen das Leben ermöglicht, abguülen. Aber der satte Londoner Bürger kounnt auch ohne den Patriotismus des East End aus. Es genügt ihm vollständig, daß ihm dieses Ghetto keine Verlegenheiten bereitet. yosus horowitz. Bv» Rabbiner Dr. Rosenberg in Thor». mit dem am Sonnabend, 11. April, in Charlottenburg verstorbenen Professor Dr. Jvsua Horowitz ist ein Mann dahingegangen, auf den man mit vollem Recht den Ausspruch anwenden darf: Ein edler Sproß aus edlem Stamm. Denn der Stamm, ans dem er hervorgewachsen, nnd dessen weitverzweigte Aeste sich bald Horwitz, Hanrwitz, Hurwitz oder Horowitz nennen, war Jahrhunderte hindurch in der jüdischen Geisteswelt durch eine große Anzahl hervorragender Männer vertreten, denen sich der Heimgegangene als würdiger Sprößling anschlvß. Josna Horowitz war sich dieser edlen Abstammung gar wohl bewußt, wenn er auch nicht mit ihr nach außen hin zu prunken suchte. Besonders gern erinnerte er sich unter seinen gelehrten Vorfahren des Joseph Abraham Hvrwitz, der während des Dreißigjährigen Krieges in Posen, Krakau, Frankfurt a. M. nnd Prag als Rabbiner fungierte und schließlich nach Jerusalem answanderte, und dessen berühmtes kabbalistisches Werk „Die beiden Bundestafeln" die weitestgehende Verbreitung und Anerkennung erlangte. — Auch mütterlicherseits gehörten die Vorfahren des Verstorbenen seit Generationen dem rabbinischen Berufe an. Sein Vater Simon Horowitz war zwar Kaufinann, doch hatte er sich eine ansehnliche Kenntnis des jüdischen Schrifttums angeeignet. Seine Mutter war eine geborene Frankel, und ihr allzu früher Tod warf die ersten trüben Schatten ans das Leben des am 10. Juli 1846 in Plonsk, Gonvernement Plock, geborenen Knaben. Die Kindheit verlebte er in Warschau, wo er zuerst das „Cheder" besuchte und dann in das Gymnasium eintrat. Mit 16 Jahren begab er sich nach Breslau, um sich ans dem dortigen Seminar für den rabbinischen Beruf vvrzubereiten. Er gehörte zunächst der Gymnasialabteilung dieser Anstalt an nnd legte im Jahre 1866 das Abiturientenexamen ab. In diese Zeit fällt sein Entschluß, das theologische Studium mit dem der klassischen Sprachen zu vertauschen. Die folgenden Semester studierte er noch in Breslau weiter, begab sich dann für ein Semester nach Berlin und kam 1869 nach Königsberg. Die Königsberger Studienzeit war für seine weitere Geistesentwicklung von entscheidender Bedeutung; einmal durch die philosophischen Studien bei seinem bis zuletzt von ihm hochverehrten Lehrer Ueberweg, die seine ausgeprägte Zuneigung zur Kantschen Philosophie begründeten, und ferner durch den erlesenen Freundeskreis, den er in der „Freien studentischen Vereinigung" fand. — Im Februar 1870 errang er bei der Kant- Feier der Philosophischen Fakultät auf Grund einer lateinischen Arbeit, die ein Thema aus der Nikomachischen Ethik des Aristoteles zum Gegenstand hatte, den ersten Preis. Zwei Jahre später promovierte er mit der Dissertation „De prioritatis Kantii in philosopliia principio“. — Zur Vorbereitung für das Staatsexamen begab er sich darauf nach Berlin, woselbst er auch vertretungsweise seine erste Lehrtätigkeit an der Knabenschule der jüdischen Gemeinde für kurze Zeit entfaltet >. Im Jahre 1874 bestand er in Königsberg das Staatsexamen, und am 1. Oktober desselben Jahres wurde er am Thornn Gymnasium zur Ablegung des Probejahres zugelafsen. Sei:? feste Anstellung erfolgte 1878. Fünfunddreißig Jahre Hindur,) hat er an der genannten Anstalt eine allgemein anerkannt , segensreiche Tätigkeit entfaltet, bis er am 1. Oktober 1909 in den Ruhestand trat und seinen Wohnsitz nach Eharlottenbm: verlegte. — Horowitz war also einer der wenigen jüdische, Oberlehrer, die im Staatsdienste Verwendung fanden, und i : erachtete es stets als eine Ehrenpflicht, in dieser Stellung au zuharren, wenn ihm auch von anderer Seite weit glänze: - dere Anerbietungen gemacht wurden. Im Jahre 1881 be mahlte er sich mit der ihm geistesverwandten Laura Baerwal, einer Thornerin, die ihm bei all feinen Arbeiten und in feinen Streben eine verständnisinnige Genossin ward und die ihm ei, wahrhaft beglückendes Familienheim zu verschaffen verstau!. Ihrer Ehe sind drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, erb sprossen. Der älteste Sohn wurde ihm im Jahre 1909 leid: durch den Tod entrissen, während der zweite als Anwalt i Berlin lebt und die Tochter dort ihren medizinischen Studie obliegt. Mit Professor Horowitz ist ein Manu dahingegangen, de als Zierde des Judentums bezeichnet zu werden verdient un der allda, wo er hervortrat, allgemeine Anerkennung un Wertschätzung sich zu verschaffen wußte. Dies gilt zunäch von seiner Lehrtätigkeitam Thorner Gymnasium. Ausgerüst. * mit umfassendem philosophischen und philologischen Wisse: hegte er nicht nur selbst die hingebendste Begeisterung für de:! Geist des klassischen Altertums, sondern er verstand es au, i vortrefflich, den bedeutsamen Einfluß desselben auf d. . moderne Geistesleben seinen Schülern zum Verständnis? > bringen. Seine Interpretation der griechischen Dichter ui:'> Denker, seine Einführung in die Schönheiten Horazischer Die' tnngen boten Stunden wahrhaft geistigen Genusses und küni lcrischer Erhebung dar. In geistsprühender Weise wußte , immer von neuem das Interesse seiner Schüler zu erwecke und die Liebe zur Antike ihnen in das Herz zu pflanzen. Ab, wenn er auch in seinem Berufe webte und lebte und in ih: anfging, so ging er doch nicht in ihm unter. Entsprechen seinem Bildungsgang hat er auch außerhalb seines Lehre: beruses sich vielfach betätigt und sowohl jüdischen wie philo sophischen Fragen ein dauerndes Interesse entgegengebrach In erster Linie nahm er an allen Bestrebungen der Thorne Shnagogengemeinde den lebhaftesten Anteil, und sein ideal- Sinn, sein umfangreiches jüdisches Wissen und sein auf d höchsten Ziele gerichtetes Bemühen ließen ihn bald zu der: - hervorragendsten Vertreter werden. Anfangs als Repräsenta, - und schließlich als zweiter Vorsitzender des Vorstandes svw als Vorsitzender der Schulkommission und Vorstandsmitgli-1 mehrerer Vereine hatte er reichliche Gelegenheit, sich nach i> verschiedenen Seiten segensreich zu betätigen. Ganz besonder Jnteresse brachte er dem Literatur- und Kulturverein entgege den er zugleich zu einem Verein zur Förderung des Handwer unter den Juden ausgestaltete, und den er durch eine Reie von ihm selbst gehaltener Vorträge zur Blüte bringen ha:i Und so sehr war ihm das Wohl der Thorner Gemein!: und ihrer Einrichtungen an das Herz gewachsen, de! er auch nach seinem Fortzug das lebhafteste Interesse für je und ihre Entwicklung hegte und stets in reger, geistiger Ve bindung mit ihr blieb. Nicht minder geschätzt wie in der Verwaltung der Gemein! ' war seine Mitarbeit im „Kopernikus-Verein für Kunst uiw Wissenschaft", mit dem er auch nach seinem Scheiden aus Thor: die Verbindung aufrechthielt. In den ersten Jahren sein:'. Thorner Wirksamkeit verband ihn die innigste Freundschal

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