Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 57 (1893)
- Issue
- Heft 35 (1.9.1893)
- Date
- 1893-09-01
- Page
- Seite 413 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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In ihm verkörpert sich am bedeutsamsten ne Strömung, welche Humanität und Aufklärung auf ihre Fahne hrieb und sich ernstlich und redlich bemühte, das Glück des Menschen t befördern. Das Jahr 1786 ist aber auch das Geburtsjahr i. Grimms, I. Kerners und L. Börnes, denen wir mit einer kleinen ngenauigkeit auch noch I. Grimm und L. Uhland zugesellen dürfen. » ihnen haben wir die Vertreter einer ganz andern, neuen Zeit, e Vertreter ebensowohl der romantischen Schwärmerei für eine ntergegangene Herrlichkeit, wie der besonnenen, liebevollen Erforschung nserer deutschen Sprache und Vorzeit, die Vertreter der berechtigten orderung politischer Selbstständigkeit nicht minder wie die Repräntanten des jungen Deutschland mit seinen Umstnrzideen. Deutlich berühren sich also im Jahre 1786 zwei große Zeit- »rioden, die zum Theil einander völlig entgegensetzt sind. Und doch »hören sie zusammen, und die eine ist nicht zu denken ohne die adere. Jene ist die Vorstufe; sie hat die Geister frei gemacht und »durch die Fortschritte vorbereitet, welche wir gegen Ende des origen und Anfang dieses Jahrhunderts auf den verschiedenen Gelesen wahrnehmen können. Früher zeigen sich ihre Wirkungen auf »in Felde der Poesie, der Wissenschaft und der Erziehung, später nf dem politischen und sozialen Gebiete. Da mußte erst noch jener »waltige Sturm Hera»brausen, der, von Frankreich ausgehend, gar »el des Unheils mit sich führte, aber auch gar manches Morsche »d Veraltete hinwegfegte und nach allen Seiten hin auch fruchtbare taamenkörner ausstreute. An dem Erscheinen dieser neuen Zeit mitgearbeitet zu haben, ist »ch das Verdienst Moses Mendelssohns, den wir als einen der!»rvorragendsten Vertreter der Zeit der Aufklärung anznsehen haben, treten wir seinem Leben, seiner Persönlichkeit und seiner Bedeutung twas näher. Moses Mendelssohn gehört nicht zu reuen Lieblingen des Glücks, eite» alle Früchte, nach denen sie ihre Hände ausstrecken, ohne onderliche Mühe in den Schooß fallen. Ans den dürftigsten und »engendsten Verhältnissen hat er sich emporarbeiten müssen. Sein later Mendel, ein armer Elementarlehrer, konnte ihm nichts weiter 1s die Kenntniß des Hebräischen und den immer regen Trieb zum lernen und Studiren mittheilen. Er genoß weiterhin de» Unterricht es Rabbi David Fränkel, der den 14 jährigen Moses so zu begeistern vnßte, daß er seinem nach Berlin berufenen Lehrer zu folgen bechloß. Daß Hunger und Entbehrungen hier seiner warteten, das chreckte ihn nicht. Eine armselige Dachkammer war seine Wohnung, 'oit einigen Freitischen und den wenigen Groschen, die er sich mit 'lbschreiben verdiente, lebte er. Größer aber als der leibliche Hunger, er ihn manchmal quälte, war sein Hunger nach Wissen, und den n stillen war seine einzige Sorge. Vor Allem ivünschte er, sich die tenntniß der deutschen Sprache anzneignen. Seine Muttersprache oar das Hebräische oder vielmehr eine jüdisch-deutsche Mischsprache, oelche mehr als alles Andere die Juden voit dem deutschen Geistcscbeu abschloß. Jiidischen Eiferern lag allerdings Alles an der Er- »altung dieses Kauderwelsches, und sie hielten sich im Jntereffe ihrer Iteligion für verpflichtet, mit unnachsichtiger Strenge gegen die Renerer und Ketzer einzuschreiten, welche die deutsche Sprache zu ihrer Mutter- und Umgangssprache zu machen wünschten. Diese Gefahre», doppelt drohend für Mendelssohn, den Fremdling, den Mittellose», vermochten ihn jedoch nicht abzuhalten, alle deutschen Bücher, deren er nur habhaft werden konnte, mit unersättlichem Eifer zu verschlingen. Wahrhaft bewundernswerth ist der Wissensdrang, der den Jüngling beseelte, wahrhaft bewundernswerth der Opfermuth und die Willenskraft, mit der er alle ihm entgegenstehenden Hindernisie überwand. Mathematik und Lateinisch lernte er fast ohne Unterricht, ein Dr. Gumperz vermittelte ihm die Kenntniß der neueren Sprachen, machte ihn mit den Häuptern der neueren philosophischen Schule, mit Leibnitz und Wolsf, bekannt und wußte ihm überhaupt Geschmack an den Wissenschaften einzuflöße». Das Jahr 175V bezeichnet einen Wendepunkt in dem äußern Leben Mendelssohns. Zwar sind die Lehrjahre noch nicht vorüber, aber doch die Jahre der Noth und der Entbehrung. Der Seidenwaarenfabrikant Isaak Bernhard nimmt ihn als Lehrer seiner Kinder in sein Haus, und damit ist wenigstens seine Existenz sicher gestellt. Sein äußeres Leben verfließt von jetzt ab still und ruhig und ohne besonders bemerkenswerthe Ereignisse. 1754 wurde er Bernhards Buchhalter, sieben Jahre später schloß er mit ihm einen festen Kontrakt und durfte es nun wagen, sich einen eigenen Hausstand zu gründen. Auf einer Reise nach Hamburg hatte er (1761) Frontet Gngenheim kennen gelernt, die zwar kein Vermögen hatte, weder schön noch gelehrt war, mit der er aber doch glaubte glücklich leben zu können. Sie wurde ihm in der Thal seit 1762 die treueste Lebensgefährtin und beschenkte ihn mit nenn Kindern, von denen ihn sechs überlebten. Reichthümer sammelte er nicht, cs war auch durchaus nicht Neigung, was ihn zu den kaufmännischen Geschäften Hintrieb. Hätte er nicht leben müssen, wie viel lieber würde er sich ausschließlich den Wissenschaften gewidmet haben, denen so nur seine Mußestnuden gehörten. Mit dem Jahre 1754 wurde Lessing sein littcrarischer Führer und Berather. Mendelssohn verdankte seine Bekanntschaft, aus der gar bald eine Freundschaft bis zum Tode werden sollte, wie so manches Andere dem Dr. Gumperz. Keineswegs in allen Stücken waren die beiden Charaktere einander ähnlich. Lessing, mnthig und unerschrocken, bangt vor keiitem Gegner und fühlt sich wohl in Kampf und Streit. Mendelssohn, eine bescheidene, friedliche, zaghafte, ja fast ängstliche Natur, wagt sich nur nothgedrungen auf den Kampfplatz und geht religiösen Fehden zumal gern aus dem Wege. Lessing, unruhig und unstüt, bald hier, bald da, ist zu dauerndem Verweilen nicht geschaffen; seinem rastlos arbeitenden Innern müssen wohl auch Zerstreuungen, muß wohl auch das Spiel einmal als Gegengewicht dienen; Mendelssohn dagegen liebt Ruhe j und Stetigkeit, hat für die gesellschaftlichen Zerstreuungen kein Verj ständniß und würde glücklich sein, wenn er, ohne durch die lästigen! Geschäfte zerstreut zu werden, feilte ganze Kraft dem emsigen, stillen j Forschen widmen könnte. Während Lessing die Beobachtung der äußern Formen lästig, ja zuwider ist, und er sich manchmal zu seinem Schaden über dieselben hinwegsetzt, können wir an Mendelssohn eine fast übertriebene Höflichkeit und Zuvorkommenheit beobachten. Treibt Lessing der Eifer für die Wahrheit bis zu den äußersten Konsequenzen, so ist Mendelssohn im Grunde eine durchaus konservative i Natur, die zwar überall Klarheit liebt, aber auch das Ueberlieferte j und Bestehende so viel als möglich erhalten will. Jhreut innersten j Wesen nach aber stimmen die Freunde völlig überein: nämlich in! der Reinheit ihres Herzens und ihres Willens und in dein nnablässigen Drange nach Wahrheit. Die Wahrheit ist das Ziel ihres Lebens und Strebens, sie zu suchen, macht das Glück ihres Daseins atis. Beide Freunde sind auch darüber völlig derselben Meinung, daß das Ziel ein unendliches ist und niemals völlig erreicht werden wird. „Erschaffene Naturen", spricht Sokrates im „Phädon",