Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 51 (1887)
- Issue
- Heft 48 (1.12.1887)
- Date
- 1887-12-01
- Page
- Seite 762 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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762 Hoffentlich wird die Homberger Bürgerschaft zeigen, daß sie sich als „Bearbeitungsobjekt" der Herren Antisemitenführer denn doch für zu gut hält. Breslau, 18. Nov. (Privatmitth.) Betreffs des in der letzten Nr. d. Z. ausgesprochenen Wunsches: es möge Jemand die Chronik der bereits gefallenen Antisemitenhäuptlinge schreiben, bemerke ich, daß ich bereits viel Material dazu gesammelt habe. Selbstverständlich darf hier nur das völlig Sichere und Richtige verwendet werden. Indem ich daher bekannt gebe, daß ich diese Sache unternehme, bitte ich allseits beglaubigte und sichere Mittheilungen mir zukommen zu lassen. W. H. Jacobsohn, Buchhändler in Breslau (Kupferschmiedestr. 49.) Oesterreich-Ungaru. Wien, 16. November. (Privatmitth.) Im Aufträge des Herrn Baron Hirsch befindet sich Herr Veneziani hier, um mit hervorragenden Männern zu berathen, in welcher Weise die trostlosen jüdischen Verhältnisse in Galizien zu saniren wären. Herr Baron Hirsch soll die Absicht haben, in Galizien auf eigene Kosten mehrere jüdische Volksschulen zu errichten, um die Heranwachsende Generation in die allgemeine Zeitströmung hineinzubringen. Dagegen wird jedoch eingewendet, daß es das Ersprießlichste wäre, wenn man dieses Ziel erreichen will, die Kinder in die allgemeinen Schulen zu schicken Z. Ich kenne die jüdischen Verhältnisse in Galizien nicht aus eigener Anschauung und sind sie mir vollständig unverständlich. Man sagte sonst von Galizien, als dort das Talmudstudium sehr gepflegt wurde, es habe ein 3'zno tin. Diese Atmosphäre scheint ganz verschwunden zu sein. Es ist bekannt, welches Aufsehen das Handschreiben Hartwig Wessely's an alle österreichischen Juden (31^2» nuw) machte, in welchem er auseinandersetzte, wie glücklich sie sich schätzen sollten, daß statt detz herkömmlichen zwecklosen und verderblichen Unterrichtes die Negierung es ihnen zur Pflicht macht, einen wohlgeordneten Bildungsgang ein- 1) Wir theilen diese Ansicht nicht. Ueberall hat die jüdische Elementarschule die wesentlichste Förderung der Cultur gebracht, war und ist in vielen Gegenden die Bedingung des Cuitnrfortschrittes sür die Masse der Juden. So auch in Deutschland, und z. B in Berlin wird noch heute neben den Religionsschulen der Gemeinde die jüdische Gemeinde-Elementarschule sür nothwendig erachtet, und ist mit dieser ein Lehrerseminar verbunden. Hieran reihen sich dann die beiden Rabbinerseminare, welche zwar nicht aus Gemeindemitteln erhallen werden, doch aber zumeist durch die Spenden der Berliner Juden existiren. In Wien ist man in den maßgebenden Kreisen anderer Meinung und außer dem Religionsunterricht besteht keine Lehranstalt, welche von der Gemeinde subventionirt würde. Selbst das Beth-Midrasch wird durch private Spenden erhalten. Ob dies bei dem außerordentlichen Zufluß von Juden aus der Provinz das Richtige sei, zu entscheiden, ist nicht unsere Sache. In Galizien aber erscheint uns die Err chtung jüdischer Schulen nach dem System der Wiener Allianz der richtige Weg, um aus dem Chederwesen zu geordnetem Schulunterrichte zu gelangen. Die Redaction. zuführen. Man lveiß ferner, daß die Juden anfänglich nur zögernd diesem Rufe folgten, bald aber förderten sie mit wahrem Feuereifer dieses Vorhaben. In Galizien jedoch steht man heute noch da, wo man vor hundert Jahren stand. Ja, es scheint förmlich, als lebten die Leute dort ganz außer der Welt. Der Procentsatz der unehelichen jüdischen Kinder daselbst ist nämlich sehr groß. Nun sind aber die Leute rite nach jüdischem Gesetze getraut. Sie meinen jedoch, sie müssen, wie ehedem nach § 124 des bürgerlichen Gesetzbuches, die Ehebewilligung von Seiten des Kreisamtes einholen, und da dieser Vorgang etwas weitläufig ist und Kosten verursacht, so lassen sie sich bloß nach jüdischem Ritus trauen. Es ist schwer zu sagen, wie den Leuten zu helfen wäre. Soviel scheint mir jedoch gewiß, wenn sie selbst nichts dazu thun, um aus dem Schlamme heraus zu kommen, so läßt sich schwer etwas thun. Wenn je, so gilt hier: ,Liäs-toi st visu t'aiäsra. Allerdings müßte man bei der Lösung dieser Frage auch die Rabbiner und Vorstände der Gemeinden ins Auge fassen. Dies würde mich jedoch hier zu weit führen. — Bor einigen Tagen starb hier der Rabbinatsassessor Herr Jsak Tonelis-Handl im 80. Lebensjahre; derselbe war ein Schüler des verewigten mährischen Landrabbiners Marcus Benedikt, in dessen Fußstapfen er ging. Durch und durch vom Geiste der Frömmigkeit erfüllt, wandelte er bescheiden seines Weges und war im besten Sinne tolerant, wie er dies in seinem Werke nny bewiesen hat. Die Leiche wurde nach Nikolsburg überführt und sprachen an seinem Sarge Herr Rabbiner Or. Güdeman, dessen Sohn Dr. Handl, Rabbiner in Eibenschütz und der Rabbinats- Assessor Fleißig. — Ich schrieb jüngst, daß Professor Lang der erste jüdische Primarius im allgemeinen Krankenhause sei; dies war jedoch ein lapsus nasmorias. Der erste jüd. Primarius war der vor einigen Jahren verstorbene Professor Zeisel. Soeben kommt mir ein Circular des Guberniums in Galizien vom 28. Juni 1826 zur Hand, in welchem es heißt: Gesetzwidrige Judenehen sollen nicht zugelassen werden. Im Militärjahre 1825 sollen in ganz Galizien und der Bukowina nicht mehr als 137 Judenpaare getraut worden sein. Ein solches Mißverhältniß läßt auf die überwiegende Anzahl ungiltiger Ehen schließen. Es ist nothwendig, dem daraus hervorgehenden Sittenverderbniß- und in der unabsehbaren Verwirrung in den bürgerlichen Verhältnissen, den in diesen Ehen erzeugten Kindern Schranken zu setzen. Diejenigen, die sich nicht den deutschen Schulunterricht (worüber zu jener Zeit ein Nachweis gefordert wurde,) zu eigen gemacht haben, sollen um Dispens einkommen. Sechzig Jahre und darüber sind verflossen, seitdem jenes Circular ergangen, ist und wie haben sich seitdem die Dinge