Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1855-02-19 · Heft 8 (19.2.1855) · p. Seite 97

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
19 (1855)
Issue
Heft 8 (19.2.1855)
Date
1855-02-19
Page
Seite 97 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3225931-3225940--14418-3300053
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

3 entity mentions

97 gen. Es ist bekannt, welche gewaltige Revolution im jüdischen Geistesleben MoseS Mendelssohn hervorrief. Zn die engen Grenzen deS talmudischen Studiums, wie es damals betrieben wurde, ohne alle historischen und linguistischen Kenntnisse, geistig eingezwängt; in die ängstliche Uebung deS minutiösesten Formenglaubens daS höchste Ziel deS Lebens fetzend, ein Studium und eine Uebung, die für Gedanke und Thal, von denen sie in allen andern Kreisen ab- und ausgeschlossen waren, den Geächteten Trost und Ersatz boten, mußte daS Licht, daS Moses Mendelssohn auf den neuen Bahnen, die er in der philosophischen und sprachlichen Wissenschaft und dadurch auch in dem talmudischen Studiunr, wie in der Auffassung der heiligen Schrift selbst unter den Juden angezündet. in vielen Geistern sich zu einem Feuer entwickeln, dar sie verzehrte. Die von ihm und seinen Freunden auSgestreuten Saaten fanden in der Zugend empfänglichen Boden. Mit Ungestüm ergriff fie die neue Strömung, ohne immer die Kraft zu besitzen, sich über ihr zu erhalten und ihren Verhältnissen, wie Staat und Gesellschaft, die noch in den alten Gleisen sich bewegten, fie einmal boten, fie anzupaffen. Sie mußte fich daher überall beengt fühlen; fie wollte in dem Allgemeinen aufgehen, fühlte fich als einen Theil der Menschheit, und ihre Religionsgesetze, besonders wie fie damals gehandhabt wurden, isolirten fie vielfach, wie Staat und Gesellschaft eS ganz thaten. Der Widerspruch ihrer religiösen Ansicht mit dem alten Leben, der Widerspruch ihres Bewußtseins von ihren Menschenrechten mit den Gesetzen deS Staates und ihres innern WertheS mit der Engherzigkeit der Gesellschaft; der Widerspruch ihres geistigen StrebenS mit der zufälligen äußern Stellung, wie hier des Dichters und deS Kaufmannes, wozu noch die krankhafte Sentimentalität der Zeit überhaupt kam, welche die Liebe als Göttin verehrte, und die gefühlvollsten Jünglinge zerknirscht und ohnmächtig zu ihren Füßen warf, wie dies Göthe in Werther'S Leiden so herrlich auSführt: allcS dies zusammcngenommen mußte bei-Dielen einen zerstörenden, innern Zwiespalt Hervorrufen und der Dichter, bei dem er fteilich gewaltiger hervortritt, konnte um so mehr die Staffage bilden, daS Zeitgemälde in dieser Hinsicht an ihm aufzurollen. Aber eS ist dies doch nicht der allgemeine, selbst nicht der hervorragende Charakter jener in vieler Hinsicht für Juden und Judenthum großen und schönen Zeit; eS ist dies am allerwenigsten ein Bild deS gerade damals so lebendig hervvrtretenden StrebenS unter den Juden, „in die völkergeschichtliche Strömung vom Geiste aus einzumünden," wie der Verfasser selbst die Zeichnung eines solchen Bildes in der Vorrede seines Buches sich zur Aufgabe stellt, und eS hätte daher der Charakter deS Helden ganz anders aufgefaßt und zur Darstellung gebracht werden müssen, wenn er nicht nur ein Bild jenes allerdings natürlichen und historisch wahren Zwiespaltes, jener bloßen Negation des Bisherigen, sondern auch des wirklich gesunden und positiven KernS des für die Wissenschaft ohne Abfall von dem Wesen deS Glaubens, ja für den letzteren und seine Versöhnung mit dem Leben mit wahrhafter Begeisterung hervvrtretenden StrebenS und der vielfach auch errungenen Thatsachen, abgeben sollte. Was will das Buch? ES will ein Lebensgemälde aus der Zeit MoseS Mendelssohns liefern. Aber es liefert uns nur die Auswüchse, durchaus nichts von dem wirklich Großen, was jene Zeit hcrvorgebracht; nichtS von dem Umschwünge in Bezug auf den CultuS, wie er später in einem Jakvbsohn hervortrat, seine Wurzeln aber in jener Zeit hat; nichts von dem mächtigen Ringen nach Umgestaltung und Hebung deS Jugend-Unterrichts, wozu ihm ein Hartwig Wessely einen so herrlichen Charakter härte liefern können, und alles dies gehört gewiß in ein Lebensgemälde, da nichts mehr, als gerade Kirche und Schule das Leben abzuspiegeln vermag, ja wir finden in dem Buche nicht einmal etwas von dem lebendigen Streben gerade zur „AuSmündung der allgemeinen, wissenschaftlichen Strömung unter die Juden," wozu die Männer der Zeitschrift: „Der Sammler" ihm so reichen Stoff boten. Mendelssohn selbst wird nur als Philosoph, deren es zu allen Zeiten unter den Juden gegeben, nicht in seinem praktischen Wirken für seine Zeit, durch welches er nicht minder glänzend hervortritt, wie das schon seine Uebersetzung des Pentateuchs und der Psalmen beweist, uns vorgeführt. Wer daher das LebenSgemälde der Juden jener Zeit aus diesem Buche will kennen lernen, der muß einen sonderbaren Begriff von Juden und Judenthum bekommen: er lernt die Juden nur entweder in völliger Negation alles Positiven, oder als Formen» menschen kennen, deren Gott daS Geld, und deren Religion eine starre Mumie ist, die bei dem ersten Lufthauche deS Geistes in Staub zerfällt. Doch selbst bloS künstlerisch betrachtet, scheint uns die Charakterzeichnung deS Helden vielfach verfehlt. Der Held muß vor Allem Interesse erwecken. WaS kann aber ein Mensch für Interesse in Anspruch nehmen, der nicht etwa im Kampfe mit äußern Verhältnissen bei innerer Gediegenheit, bei hohem, heiligem Streben, sondern vorzüg- 8**

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.