Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 73 (1909)
- Issue
- Heft 28 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 331 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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-- 331 -- r~*t •'•»>v75^Jv5w 5srvj<^,;>'^'»-’-.«»~'»"-*'-1» *vv*jtfsf£5i»*»*■ Traditionelle Freundschaft durch fast ein. halbes Jahrhundert! Wahrlich eine Seltenheit in unserer schnell lebenden, hastenden Zeit! Die unbegrenzte Verehrung, die das junge Mädchen für die „alten Rosensteins" einst erfüllte, übertrug die gereifte Frau auf deren Schwiegersohn und Tochter, Rabbiner Dr. David Frankel und Frau Julie gesegneten Andenkens, und ließ sie deren hochbegabte Kinder- und nun auch schon Enkelschar mit dem höchsten freundschaftlichen Interesse umfassen. Wer vor 25 Jahren des Vorzuges teilhaftig wurde, in das Fränkelsche Haus Einblicke zu gewinnen, der empfand den tiefsten, ergreifendsten Eindruck eines unendlich glücklichen, patriarchalischen, gottgesegneten Familienlebens! Mein unbeirrbarer Glaube an Vererbung hat kaum jemals weitgehendere Bestätigung erfahren als dort; kaum jemals haben sich glänzende Eigenschaften des Geistes und : Gemütes in so hohem Maße von Geschlecht zu Geschlecht vererbt, wie dort. Eine an Anbetung grenzende vergötternde Liebe erfüllte, ja beherrschte den Gatten und die Kinder für den Mittelpunkt des Hauses, die Frau und Mutter; ein wahrhaft ideales Eheleben der Eltern, zu denen die Kinder in rührender seltener Verehrung ausblickten, das Band innigster Geschwisterliebe, das die hochstrebenden Brüder, die ihnen nacheisernden Schwestern einte und das sich nach dem Tode der Eltern wenn möglich noch vertiefte, dies alles verlieh dem bescheidenen Hause einen eigenartigen Zauber, und ist mir eine unvergänglich liebe Erinnerung. In schwerer Leidenszeit, die die hingebungsvolle Aufopferung ihres Mannes und ihrer Kinder mit verklärendem Schimmer umstrahlte, sagte mir Frau Dr. Fränkel mit Tränen im Auge und bebender Stimme: „In meinem Hause bin ich reicher als eine Königin; denn diese wird von ihrer bezahlten Dienerschaft gepstegt und ich nur von meinem Manne'und meinen Kindern", und der Liebesblick, mit dem sie ihrem Manne dabei die Hand reichte, ließ sie noch jugendschön erscheinen. „Mein Bruder Siegmund!" Man muß es erlebt haben, wie das treffliche Schwesterndreiblatt mit einem Gemisch von stolzem freudigen Hochgefühl, inniger Liebe und nicht frei von Besorgnis damals und bis in die jüngste Vergangenheit von dem teuren Heimgegangenen sprach! Und in der Tat gab seine zarte Gesundheit wohl stets Anlaß zur Sorge, so tapfer er auch sich zusammennahm, der starke Geist besiegte den zarten. Körper. Wie die Freunde Rahels stets fürchteten, der Fenergeist würde und müsse die zarte Hülle sprengen, so hatte ich die gleiche Empfindung bei jeder. Begegnung mit dem Verewigten. In den letzten Jahren haben wir uns nur sehr selten gesehen, aber seines treuen wohlwollenden Interesses für mich und die Meinen war ich unentwegt sicher; sein letztes Schristzeichen in kleinen seinen zierlichen Zügen, das vor mir liegt, schließt: „Möge es Ihnen vergönnt sein, noch lange in Wort und Schrift 'segensreich zu wirken." Tränen verdunkeln meinen Blick. Wie er/ der einsam geblieben war, des Familienglückes seiner Geschwister sich erfreutein der jungen heranblühenden Generation sich sonnte, wie er die treue Liebe und Fürsorge seiner Geschwister dankbar anerkannte und erwiderte, das wird ihm in seiner Familie unvergessen bleiben! Alle Ehren, die Staat und Wissenschaft nur verleihen können, sind ihm zuteil geworden, er ist dem Glauben seiner Väter treu geblieben bis zum Ende und ist, somit ein herrliches leuchtendes Beispiel für Gegenwart und Zukunft! Wie jener Feldherr des Altertums, der keine Söhne hinterließ, der in seinen Taten sich jedoch ein unvergängliches Denkmal errichtete, so wird der Name Siegmund Fränkel in den Annalen der Wissenschaft wie in der Geschichte der' deutschen Judenheit insbesondere mit goldenen Lettern eingezeichnet werden, und. in den Herzen aller, die ihm jemals nahe getreten, in dankbarer Erinnerung fortleben. „Das Andenken des Gerechten bleibt zum Segen!" Breslau- 13. Juni 1909. Im Anschluß an diese persönlichen Erinnerungen wird uns zur allgemeinen und wissenschaftlichen Charakteristik des Heimgegangenen Gelehrten noch folgendes aus Breslau geschrieben: Mit dem Heimgang Siegmund Frankels zieht wieder in die ewige Heimat einer der hervorragenden Männer, welche der philosophischen Fakultät der Universität Breslau angehörten. Der Botaniker Ferdinand Cohn, der Mathematiker Jakob Rosanes, der Historiker Jakob Caro, der Philosoph Jakob Freudenthal, der Orientalist Siegmund Fränkel gereichten als Ordinarien unserer alma mater zur Zierde. Rosanes ist als „der letzte der Mohikaner" geblieben. Seit Jahrzehnten ist kein Jude mehr hier in ein Ordinariat berufen worden. Siegmund Fränkel, mütterlicherseits ein Enkel des R. Elchanan Roseustein, Rabbiners in Berlin, ist den religiösen Traditionen des Elternhauses, wie in seiner Lebensführung, so auch in seinen wissenschaftlichen Arbeiten unwandelbar treu geblieben. Sein Tod bedeutet nicht nur einen schweren Verlust für die hiesige Universität, sondern auch eine unersetzliche Lücke für die gesamte Wissenschaft. Als Hochschullehrer wirkte er unvergleichlich anregend und befruchtend. Von den Schülern, die er herangebildet, wirkt jetzt eine große Anzahl selber als Dozenten an deutschen und ausländischen Fakultäten, so unter anderen Professor Jacob in Erlangen, Professor Brockelmann in Königsberg, Professor Dr. Nickel in Breslau und Professor Dr. Jastrow in Philadelphia. Unserer Alma mater gehörte der Verstorbene fast drei Jahrzehnte als Lehrer an und davon nahezu 17 Jahre als Ordinarius. Er galt in Fachkreisen als bester Kenner der arabischen Sprache und der ihr verwandten Sprachidiome. Von seinen Werken feien hier bloß folgende erwähnt: 1879 erschien „die syrische Uebersetzung zu den Büchern der Chronik" — Jahrbücher für protestantische Theologie —, sowie Beiträge zur Erklärung der mehrlautigen Bildungen im Arabischen. 1880: De vocabulis in anliquis arabum carminibus et in Corano peregrinis. 1885 nahm er int Aufträge der königlichen Akademie der Wissenschaften in Berlin die Revision des arabischen Textes vor zu Freudenthals Arbeit über die durch Averroes erhaltenen Fragmente des Alexander von Aphrosidias zur Aristotelischen Metaphysik — Abhandlungen der Berliner- Akademie. 1886 erschien sein Haupt- und Lebenswerk: „Die aramäischen Fremdwörter im Arabischen" — Leiden —; es war eine von der Utrechter Akademie der Künste und Wissenschaften gestellte Preisarbeit. Die Akademie krönte dieses hervorragende Werk mit dem vollen Preise und ernannte ihn zu ihrem Mitglieds. Die Universalgeschichte des Tabari — ein zwölfbändiges Werk — edierte er in Gemeinschaft mit M. I. de Goije — Th. Nöldeke, D. H. Müller, speziell Serie 2. Mit Jgnazio Guidi bearbeitete Professor Fränkel: „lables alphabetiques de Kitäb al Agäni“. Von kleineren Schriften erschienen andauernd in den Abhandlungen der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft seine Beiträge, die durchweg eine ungemeine Schärfe des Geistes und wissenschaftliche Gründlichkeit bekundeten und von den Fachgenossen besonders geschätzt wurden. Professor Fränkel hat indessen auch auf ihm und seinen Studien sernliegenden Gebieten hervorragende Arbeiten geliefert: so zu der Festschrift zum Jubiläum Karl Weinholds 1896 — Beitrag zur Volkskunde — eine Untersuchung aus dem Gebiete der vergleichenden Literaturgeschichte, betitelt: „Die tugendhafte und kluge Witwe". Zu den von Siebs herausgegebenen Studien zur schlesischen Volkskunde lieferte er eine Reihe von trefflichen und eigenartig interessanten Beiträgen. Kurz vor seinem Tode erschien noch von ihm eine interessante Studie zur vergleichenden Literaturgeschichte (herausgegeben von Max Koch), betitelt: „Zu einem Briefe Lessings und den Wanderanekdoten". Im hiesigen und im