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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-09-25 · Heft 39 (25.9.1896) · p. Seite 465

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 39 (25.9.1896)
Date
1896-09-25
Page
Seite 465 (sequence 9)
Language
German
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465 Gottes bestehen, sondern auch in der Unterlassung dessen, was uns geboten wurde. Gott hat, den Menschen geschaffen, das; er im jenseitigen Leben die Glückseligkeit erreiche, dieser wird er aber nur nach der Erfüllung des Willens Gottes tbeilhaftig. Bis hierher bewegt sich Josef Jbn Zaddik in‘ einem Kreise von Vorstellungen, welche seit alter Zeit die Elemente einer religiösen Weltanschauung gebildet haben. Er ist auch der Ansicht, daß nur Derjenige wahrhaft sittlich sein kann, wer Gott erkannt hat, ebenfalls eine Anschauung, welche auch seinen Zeitgenossen als eine sehr gewöhnliche erschienen sein mag. Weniger gewöhnlich muß uns aber erscheinen folgende Aeußernng, welche allerdings auch in Bemerkungen der heiligen Schrift und der alten Gesetzeslehrer*) begründet ist: „Der Zweck der Philosophie ist, daß der Mensch erkenne, daß der Schöpfer der wahre Gott ist, einzig, ewig, gerecht, barmherzig und gnädig gegenüber seinen Geschöpfen.' Das ist die Erkenutniß, welche in der Philosophie erstrebt wird, dies ist die Frucht der Philosophie. Die Werke aber, welche aus dieser Erkenntniß folgen, sind, daß wir bestrebt sind, ihm ähnlich zu werden in unseren Thaten. Wie der Vater seinen Sohn erziehen und züchtigen läßt, also schickte Gott die Menschen in diese Welt, daß sie, nachdem sie in der Zucht und den Leiden des Lebens geläutert worden, im Jenseits des herrlichsten Lohnes theilhaftig werden. Gott wird aber gerecht genannt, weil seine Thaten gerecht sind, aus demselben Grunde werden die gerechten Menschen also genannt, er wird gnädig genannt, weil seine Thaten gütig sind, dasselbe ist der Fall bei den gütigen Menschen, und aus diesem Grunde befahl er uns, daß wir ihm ähnlich seien, wie es in der Schrift heißt: „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, der Ewige, euer Gott." Josef Jbn Zaddik spricht wohl von gerechten und gütigen Menschen, aber nicht von Heiligen, eine bemerkenswerthe Thatsache. Die Tugend ist also in der Gottesebenbildlichkeit, welche erstrebt werden soll, begründet. Die Haupttugenden sind aber: die Weisheit, Gerechtigkeit, Gottvertrauen und Demuth. Die ersten zwei hat schon Platon als Kardinaltugenden betrachtet, und daß wir ihnen bei Josef Jbn Zaddik begegnen, hat seinen Grund darin, daß er unter dem Einfluß neuplatonischer Schriften steht; Gottvertrauen und Demuth konnten aber nur in einer monotheistischen Religion zu den Haupttugenden gezählt werden. Ein pessimistischer Zug charakterisirt die Weltanschauung Jbn Zaddiks. In dieser Welt sieht er keine Spur einer sittlichen Weltordnung, hier ist alles Don oberst zu unterst gekehrt, darum ist er der Ansicht, das nur im Jenseits eine Vergeltung stattfinden könne. Wer vermöchte es zu entscheiden, durch welche Lebenserfahrung, durch welche Zeitverhältnisse in ihm diese Ansicht gereift ist? Weil er aber in dieser Welt den Lohn der Tugend nicht gesehen, darum hebt er es zu wiederholten Malen nachdrücklich hervor, daß man das Gute nur um seiner selbst willen lieben solle. Derjenige Philosoph, der mit seinen Grundanschauungen dem Maimonides am nächsten steht, ist Abraham Jbn Dawud aus Toledo, der im Jahre 1180 als Märtyrer starb. Wir würden uns sehr irren, wenn wir die Lebensauffassung und das Wesen der Toledaner Juden nach dem Bilde beurtheilen würden, welches Grillparzer in einem seiner Werke von einer Jndenfamilie von Toledo entworfen hat. Der Jude Grillparzers ist nicht der Typus, sondern eine Karrikatur eines Toledaner Inden. Noch sind vorhanden Schriften von Juden in Toledo, welche uns einen Einblick in ihr Seelenleben gewähren und aus denen wir ihre sittlichen Ideale kennen lernen. In der jüdischen Gemeinde von Toledo sind im 12. Jahrhundert drei Männer erstanden, die man ohne Uebertreibung als große Individualitäten bezeichnen kann: Abraham Jbn Ezra, der große Bibelerklärer, Jehuda Halewi und Abraham Jbn Dawud. In der Zeit, in welcher diese Männer aufgetreten sind, hat es noch keine spanische Litteratur gegeben, denn unl diese Zeit erst ist das Gedicht vom Cid erstanden, die kirchliche Litteratur war auch nicht reich, während die Schriften des kenntnißreichen Abraham Jbn Ezra noch heute ein wichtiges Hilfsmittel der Auslegung der heiligen Schrift sind und Abraham Jbn Dawud theologische Probleme in einer Weise behandelte, welche von einer hohen Stufe des religiösen Denkens zeugt. Abraham Jbn Dawud kennt die Schriften der arabischen Philosophen al-Farabi, al-Gazali, Avicenna, er ist Anhänger der muhammedanischen Aristoteliker und giebt seiner Schrift den Titel: „Das Buch vom erhabenen Glauben, welches die Uebereinstimmnng der Philosophie mit der Religion beweist", und erörtert darin die höchsten Probleme der Religionsphilosophie. Das Werk war arabisch geschrieben, ebenso wie das theologische Werk Inda Halewls, weil die Juden von Toledo wohl Unterthanen des Königs von Castilien waren, aber sie standen innerhalb der arabischen Kultur, da die christlich-spanische eine um vieles niedrigere war. Für die Schrift Jbn Dawuds muß ein 53ebürfniB vorhanden gewesen sein, denn eine solche Arbeit schreibt man nicht für sich selber. Ans alledem folgt, daß die Lebensauffassung und Bildung der Toledaner Juden nicht unter, sondern über dem Niveau ihrer Umgebung gestanden hat. Sie werden auch nicht furchtsam und feige gewesen sein, denn den Lebensmuts) und die Lebensfrendigkeit, die sie unter muhammedanischer Herrschaft gewonnen haben, konnten sie erst dann Deriicven, nachdem spanischer Fanatismus sie drei Jahrhunderte zu unterdrücken bestrebt war. Abraham Jbn Dawud tvidmet in seinem Buche den ethischen Fragen ein besonderes Kapitel. Auch für ihn war die Lehre von der Willensfreiheit sehr wichtig, er geht so weit, daß er die Allrvissenheit Gottes einschränkt, um nur die Lehre von der Willensfreiheit zu wahren. Seine ethischen Anschauungen sind bon aristotelischen Elementen stark durchsetzt. Der Zweck der praktischen Philosophie ist nach ihm.die Glückseligkeit. Diese wird erreicht, wenil die Menschen ihr Leben den Forderungen gemäß einrichten, welche die Wissenschaften der Ethik, der Oekonomie und der Politik ausstellen. Alle diese Forderungen finden sich aber in einer möglichst vollkommenen Weise in der Gotteslehre. — Jbn Dawud huldigt der Lehre von dem goldenen Mittelweg, nach welcher alle Kräfte der Seele weder im Uebermaße befriedigt, noch aber ganz vernachlässigt werden dürfen. Den richtigen Weg zeigt aber die Tugend der Gerechtigkeit, die nicht nur in den gegenseitigen Beziehungen der Menschen, sondern auch in der Befriedigung der Kräfte der Seele zur Geltung kommen muß. Es füllt dem Abraham Jbn Dawud nicht schwer, seine ethischen Ideale in der heiligen Schrift nachzutveisen. Er findet auch die Forderungen in ihr, welche Aristoteles und die arabischen Philosophen in der Oekonomie behandelten und welche die häuslichen Institutionen betreffen. Die heilige Schrift hat Bestimmungen, welche sich auf das eheliche Leben beziehen, welche von den Gesetzeslehrern erllärt worden sind. Zn diesen gehört auch das Wort der Alten, bem Manne solle die Ehre seiner Frau höher stehen als die eigene, die Bestimmung, daß Jedermann verpflichtet, seinen Sohn in der Gotteslehre zu unterweisen und ein Handwerk zu lehren. 0 Sifre, ed. Friedmann 85 a.

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