Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 43 (21.10.1892)
- Date
- 1892-10-21
- Page
- Seite 511 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Tode war der Ansturm der Aufklärung völlig abgeschlagen, die einzige Frucht der zwei Jahrzehnte des Habsburgischen Itegiments die Hebung der materiellen Verhältnisse. Noch herrschten, vie vor 1772, einige chassidischc Familien über ein Volk von Unwissenden, noch immer war nirgendwo auch nur ein deutsches Buch zu ehe». Aber Eines, was freilich nach außen hin nur sehr wenig sichtbar wurde, war doch anders und besser geworden. Nun fanden sich nänrlich, besonders in Lemberg und Tarnopol, mmer mehr Männer und Jünglinge, die sich mit der hebräischen ütteratur unendlich eifriger beschäftigten, als früher üblich gewesen. Hier achte, da ja weltliches Wissen verpönt war, der Durst nach Bildung seine Zesriedigung; man studirte historische und philosophische, mathematische and medizinische Werke in der heiligen Sprache. Auch ein anderer Fortschritt machte sich in diesem Kreise bemerkbar. Es war bisher hergebracht gewesen, daß der Gelehrte sich sein Brod höchstens durch lnterricht erwerben dürfe, nicht durch Handel, Handwerk oder Gewerbe; .'er Eine lebte von der Mitgift seiner Frau, der Andere vom Almosen rommer Stiftungen, der Dritte sammelte Spenden der Wohlhabenden in. Ties schien diesen Männern nicht würdig, sie wurden Kanfleute oder Handwerker nnd widmeten nur die Mußestunden und einen Theil icc Nacht den Studien. Nach außen führten sie sich streng, wie alle .'luderen, ließen auch nicht viel von ihrem geistigen Streben verlauten. konnte gefährlich werden. .. Hier interessirt uns zunächst der Lemberger Kreis. Er war anangs nicht zahlreich, aber er hatte von vornherein das Glück, drei Nitglieder einer nngelnein angesehenen Familie zu den Seinen zu ählen. Nicht um ihres Reichthums willen standen die Drei in so inbedingtem Respekt, sie gehörten kaum zu den Wohlhabenden. Auch uicht ihrer geistigen Bedeutung wegen, nur der Jüngste war hervorageud. Aber sie waren wirkliche und echte Abkömmlinge von Chaim dakohen, sic waren Rappaports. Also uralter hierarchischer Erbdel, der seinen Stammbaum bis ins vierzehnte Jahrhundert zurück 'erfolgen konnte; lauter arme Leute, aber fast lauter Rabbiner von iefer Gelehrsamkeit und nüchternem, wissenschaftlichem Sinn, daher vt'iribe der Schwärmerei. Wie das talmudische.Wissen war auch die Abneigung gegen die Chassidim in der Familie erblich, die einmal ein Jahrhundert lang alle Rabbinerstühle im Königreich Polen im Besitz gehabt, von Oberschlesien bis in die Ukraine hinein. ES mag dahingestellt bleiben, ob den Dreien die historischen Daten über ihr Geschlecht eläufig gewesen; erst Salonion Löb Rappaport hat sich mit der Gechichte seiner — zweifellos ursprünglich sephardischen — Ahnen wissenschaftlich beschäftigt und auf Grund dieser Studien für sich und seine direkten Nachkommen die Schreibweise Rapoport gewählt, weil er anlahm, daß die Etymologie „Rose d'Oporto" oder „Rof Porto" sei, also lrzt oder Priester aus Oporto in Portugal, oder aus Porto, einem oberlalieuischen Marktflecken.') Aber was diese Drei, die Brüder Chaim 'Aaron und Mortche Löb Rappaport und ihr bedeutend jüngerer Vetter takob von ihrem Geschlecht tvußteu, genügte, um ihr eigenes Leben und '! Bor einiger Zeit hat ein bedenkender hebräischer Gelehrter der Gegenwart, Carmoly, eine Monographie über die Familie veröffentlicht; 'cider war mir seine Schrift nicht zugänglich. Meine Darstellung baut 'ich hier nnd in der Folge theils auf mündlichen Mittheilungen der Familie, r Heils auf den Arbeiten von Setteri§ nnd Krochmal auf. Streben zu bestininieu; sie waren überaus fromm, aber Freunde der Wiffenschaft, Gegner der chassidischen Richtung. Wie unbändig ihr Familienstolz war, dafür hat die Tradition einen lustigen Beweis aufbewahrt. Als einst der General-Kommandirende von Lemberg, Fürst Lobkotvitz mit seiner Gemahlin, einer geborenen Fürstin Schwarzenberg. in einem neuen prächtigen Biercrzug durch die Straße fuhr, wo Chaim Aaron seinen bescheidenen Kramladen hatte, folgten ihnen Rufe des Staunens und der Bewunderung; auch Chaims Weib, Zirl Ettl, stimmte laut mit ein. Da wandte sich der arme Kramer zürnend zu ihr: „Du hast zu schweigen," rief er. „Enkel von Chaim Hakohen sind sie doch nicht!" Man sicht, nichts tväre irriger, als in diesem Kreise etwas voraussetzen zu wollen, was an Fortschrittsideen in unserem Sinne auch mir erinnerte. Denkt man sich diese Männer in ihrer Tracht und äußeren Lebensführung, in ihrer ängstlichen Befolgung aller, der größten tvie der unbedeutendsten Gebote des „Schulchan Aruch", in ihrer ängstlichen Scheu vor jedem deutschen Brichstabeu etwa in die Gegenwart und auf den Boden des deutschen Reichs versetzt, so würde ihr Auftauchen selbst in der orthodoxesten Gemeinde des Ostens, als unerhörter Anachronismus bestaunt und verhöhnt werden. Aber relativ waren sie doch Fortschrittler und Bahnbrecher, nur eben deshalb, u>eil sie sich wieder ernsthaft wissenschaftlicher Forschung Hingaben. Das trug dreifache Frucht. Erstlich weckte es auch in Anderen die Erkenntnis;, daß Wissen Segen ist nnd Unwissenheit Sünde. Ferner mußte mindestens in Einigen von ihnen, je tiefer sie in die Wissensschätze der Ahnen eindrangen, immer deutlicher die Erkenntniß anfdänunern: „Diese Mediziner, Mathematiker und Geschichtsschreiber, Astronomen und Philosophen haben die Werke der Andersgläubigen, der Christen und Muselmänner gekannt, denn sie citiren rmd kritisiren sie — sollte gerade nur für uns die Erlernung des Deutschen Todsünde sein?!" Endlich aber wurde ihr Kreis der Boden, ans dem ein eben heimgekehrter Landsmann seine Saat ausstrenen konnte. Es war dies Reb Mendel Levin, nach seinem Gebnrtsstädtchen auch „Satanow" genannt, ein Mann von hochstrebendem Geist und eigenthümlichem Wesen. Ein Autodidaktreinsten Wassers, von glühendem! Wissensdrang getrieben, war er früh nach Deutschland gegangen und i hatte sich dort so viel Bildung angclesen, daß er, heüngekehrt, j seinerseits den Bildungsdurst eines gleich sonderbaren Schülers, eines Fürsten Czartoryski, befriedigen konnte; er unterrichtete ihn j nach der sokratischen Methode in der „Weltweisheit". Das war uni erhört und wrirde denn auch von den Chassidim wie ein Verbrechen j gestraft. | Mendel Satanow flüchtete nach Deutschland zurück und! wurde in Berlin ein Jünger Moses Mendelssohns. Durch ihn kam j er auch mit Lessing rmd Engel, mit Teller und Nikolai iit Verkehr. Als er nun nach einigen Jahren abermals hcimkehrte, stellte er es vorsichtiger an; ängstlich kam er allen Geboten nach nnd sprach mit Niemand unverhohlen von seinen eigenen Ucberzeugtingen. Zögernd, j vorsichtig, und nach seinem antike» Vorbild nicht durch Reden, sondern I durch Fragen nnd Antworten begann er die Ideen zu verbreiten,! mit denen er sich gesättigt. Jenem Lemberger Kreis, den ich eben geschildert, und den anderen Männern im Lande, die etwa auf gleicher Stufe standen, Günzburg und Krochmal in Brody, Josef Perl in i Tarnopol, trat er freundschaftlich näher, ohne sich ihnen ganz zu eri schließen. Das Arbeitsgebiet des Satanowers war die junge Genera-! tion: die Söhne und Neffen seiner eigenen Altersgenossen. Als i die hervorragendsten oder für die Zwecke dieser Darstellung wichtigsten Jä