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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1906-09-07 · Heft 36 (7.9.1906) · p. Seite 432

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
70 (1906)
Issue
Heft 36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 432 (sequence 12)
Language
German
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- 432 - Als sie in dasselbe eingetreten waren, schloß Diego die Türe ab und zog die Fenstervorhänge dicht zusammen, nachdem er sich die Ueberzeugnng verschafft hatte) daß sich niemand im Hofe befinde. Juanita folgte mit wachsendem Erstaunen dem geheimnisvollen Gebühren ihres Vaters, eine unerklärliche Unruhe hatte sich ihrer bemächtigt. Die Mitteilungen, die ihr bevorstanden, mußten nach de» Vorsichtsmaßregeln, die sie treffen sah, von größter Wichtigkeit sein. Während sich Juanita ganz ihren Gedanken überließ, näherte sich Diego; er ergriff ihre Hand und zog sie sanft an sich. Einige Augenblicke betrachtete er sie schweigend, dann begann er mit fester Stimme: „Juanita, mein Kind, liebst Du mich?" „Ob ich Dich liebe? Vater!" antwortete das Mädchen, durch diese Frage ganz überrascht, „ob ich Dich liebe? Es ist ja doch mein einziges Glück, Dich zu lieben, Vater!" „Und ihn — Fernando?" warf Diego halb ernst, halb schmerzlich ein. „Guter, böser Vater," antwortete Juanita, lieblich errötend, „hast Du mich nicht ihn schätzen gelehrt? Ich gehorche Dir, denke ich, am besten dadurch, daß ich ihn liebe. Du selbst sagtest mir oft genug, daß er das großmütigste, daß er das edelste Herz ist ..." „Ja, mein Kind," unterbrach sie Diego, „er ist allein würdig, einst meine Juanita zu besitzen, und wenn ich Dich heute frage, ob Tu mich liebst, so tue ich das nicht deshalb, weil ich jemals hieran zweifelte, sondern weil ich gerade heute einen großen Beweis Deiner Zärtlichkeit erwarte." „Einen Liebesbeweis von mir? O sprich," rief das junge Mädchen, dessen Unruhe immer lebhafter geworden war, „sprich, lieber Vater . . „Ruhe, Kind," antwortete Diego. „Ruhe um des Himmels nullen! Was ich Dir zu sagen habe, verlangt das tiefste Geheimnis; ein Wort von dem, was ich Dir anvertrauen will, was ich Dir anvertrauen muß, und es ersteht vor mir ein erbitterter, unversöhnlicher Feind, ein Ankläger ohne Gnade und Barmherzigkeit." „Du mein Vater, und ein Feind!" antwortete Juanita, deren Unruhe sich in Schrecken verwandelt hatte. „Wer könnte Dich hassen, warum sollte Dich einer anklagen. Du guter, gerechter . . ." „Sei still, Kind, Du brauchst Dich Deines Vaters nicht zu schämen. Was ich getan habe, muß ich nur dem Blicke der Menschen entziehen. Vor Gott stehe ich rein da. Mein ganzes Vergehen besteht nur in der Erfüllung der heiligsten Pflichten, im Gehorsam gegen eine höhere Stimme . . . Und dennoch gibt es Menschen, die mich verfolgen, die mich töten würden, wenn sie mein Geheimnis erführen, wenn sie es nur ahnten durch eine Unvorsichtigkeit, die Du begehen könntest, durch ein Wort, das Dir vielleicht entschlüpfte." „Niemals, mein Vater," erwiderte Juanita leise und bebend, „niemals, was Du mir auch zu sagen habest und was immer geschehe .... Aber was hättest Du zu befürchten. Du, den jedermann schätzt und achtet. Du, der so treu an unserem König, so ergeben an unserer heiligen Kirche hält?" „Meine Tochter," entgegnete Diego ebenfalls mit gedämpfter Stimme, „Du bist jung und hast keine Ahnung davon, welche heißen Kämpfe die kälteste Stirn, der ruhigste Blick verbergen kann. . . . Ohne Zweifel," setzte er mit einem unsäglich ironischen Blick auf die Heiligenbilder, welche die Wände seines Gemaches buchstäblich bedeckten, hinzu, „ohne Zweifel kann das katholischste Haus in Saragoffa kein schöneres Kruzifix oder mehr Heiligenbilder und Reliquien aufweisen. als das meinige. Und dennoch, mein Kind, — — kennst Du mein Gebet, wenn ich vor dem gekreuzigten Gotte, dem Werk sterblicher Hände, niederkniee? Weißt Du, welche Gedanken sich aus meiner Brust emporringen zum Höchsten, während meine Lippen mechanisch die Worte des Glaubens und der Anbetung hersagen?" „Mein Vater!" rief Juanita, schreckensbleich. . . „Run denn, ich bitte Gott, den allliebenden Vater, tausendmal um Vergebung wegen der Entweihung seines heiligen und hochgebenedeiten Namens, ich flehe ihn täglich an, mir zu verzeihen, daß ich mich niederwerfe vor Bildern von Holz und Stein. — — Und doch ist dieser Gott eines Tages herabgestiegen auf den Berg Sinai und hat der ganzen Welt verkündet: Du sollst keine andern Götter haben neben mir. Du sollst Dir kein Götzenbild machen! Ich flehe diesen Gott um Gnade an, daß er mich einst leben lasse in der Beobachtung des währen Gesetzes und der heiligen Gebote, die er auf dem flammenden Berge gegeben! — — Weißt Du jetzt, was meine Schuld ist? Kennst Du jetzt meine Feinde? ...£>, meine teure Juanita, ich bin — — ein Maranne, ich bin ein — Jude! Und die Inquisition wacht!" Bei dem schrecklichen Worte Inquisition war Juanita unwillkürlich einen Schritt zurückgewichen. Sie ließ Diegos Hände los und blieb eine Zeitlang starr und unbeweglich stehen. Bleich und zitternd sah sie bald ihren Vater, bald die Gegenstände, die ihn umgaben, an, als ob sie sich fragte, ob alles, was sie eben gehört, wahr sei, ob sie nicht in einem schweren Traume befangen sei. iFortsetzung folgt.) Literarische Mitteilungen. — Dr. Adolf Blumenthal: Festpredigten, aus seinem Nachlasse herausgegeben von Dr. S. Freund. Breslau 1906, Jakob V. Brandeis. Am 15. Januar 1903 starb nach zweitägiger Krankheit, mitten in seiner schönsten Schaffenskraft, im Alter von 40 Jahren Dr. Adolf Blumenthal, Rabbiner in Ratibor, der ob seiner eminenten Nednerbegabung und seiner edlen Persönlichkeit weit über die Grenzen seines Heimatlandes Schlesien bekannt war. Der Witwe des Verstorbenen, Frau Rosa Blumenthal geb. Feilchenfeld, sowie dem Schwager des Verstorbenen, Rabbiner Dr. Freund in Ostrowo, gebührt besonderer Dank für die Herausgabe vorliegender 50 Festpredigten, aus denen die Persönlichkeit sowie die Beredsamkeit des Verblichenen zu uns spricht. Die Reden, welche an den schalosch regalim und dem Neujahrs- und Versöhnungsfeste gehalten wurden, zeichnen sich aus durch logischen Aufbau, blühende Diktion, ohne in Phrasenschwulst zu verfallen, Kürze, Klarheit, leichte Verständlichkeit und durch die geschickte Beleuchtung aktueller Verhältnisse. Auch der gereifte Redner wird sich an der Schönheit der Sprache erfreuen, insbesondere aber werden vorliegende Reden Lehrern und Gemeinden, die des Predigers ermangeln, vorzügliche Dienste leisten. Brüx. Professor Dr. Brach. SxrrHsgÄ. Herr Red akteur! Ihrem geschätzten Blatte vom 3. August, Gemeindebote, Sp. 1, findet sich die Notiz, daß Herr Professor Oppert ein Nachkomme des Wiener Hofjuden Samuel Oppenheimer ist. Das mag sein, da die Oppenheims verwandtschaftliche Beziehungen in Hamburg, der Geburtsstadt Opperts, hatten. Diese Beziehungen ermöglichten seinerzeit die Benutzung der Oppenyeimerschen Bibliothek durch den Bibliographen I. Chr. Wolf. Hingegen ist es unrichtig, daß der Oberlandesrabbiner David Oppenheimer ein Sohn des Hofjuden Samuel Oppenheimer war. Er war vielmehr dessen Neffe, Sohn seines Bruders Abraham. Cincinnati, im August 1906. Prof. G. Deutsch. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin. m

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