Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 35 (31.8.1900)
- Date
- 1900-08-31
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 636 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 35 den letzten zwanzig Jahren fünf aus Deschna (Bezirk Pilgram) gebürtige Mädchen, Namens Marie Vojta, Marie Noväk, Johanna Tesinskv, Marie Pan und Julie EliäZ, welche sämmtlich in Wien bei israelitischen Familien bedienstet waren, seinerzeit spurlos verschwunden sind. Das Verschwinden der Mädchen wird auf den „Menschenhandel", beziehungsweise auf einen Mord zurückgeführt. In dem Artikel wird ferner das Leidwesen der Eltern der verschollenen Mädchen, sowie das vergebliche Suchen nach den letzteren geschildert. Nun hatte in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 8. Jänner 1837 der Abgeordnete Dr. S l ä m a eine Interpellation eingebracht, welche - die gleiche Angelegenheit, beziehungsweise das Verschwinden von vier ans Deschna gebürtigen, in Wien bedienstet gewesenen Mädchen zum Gegenstand hatte. Diese Interpellation konnte vor Abschluß der hierüber eingeleitetcu Erhebungen nicht beantwortet werden, zumal inzwischen das Abgeordnetenhaus aufgelöst worden war. Die anläßlich der erwähnten Interpellation eiugeleiteten eingehenden Erhebungen haben jedoch folgendes Resultat ergeben: Von den fünf genannten Mädchen ist thatsachlich nur eines, Marie Vojta, spurlos verschwunden. Sie hatte sich am 8. Juli 1896 nach 9 Uhr Abends, ohne irgendwelchen Auftrag von Seite ihrer Dienstgeber, aus der Wohnung, in der sie allein anwesend war, entfernt, nachdem sie vorher ihre besten Kleider angelegt und den Wohnungsschlüssel bei der Nachbarin deponirt hatte. Ihr'Dienstgeber hat tagsdarauf beim zuständigen Polizei connniffariate die Anzeige von dem Verschwinden des Dienstmädchens erstattet. Die Polizeibehörde pflog auch sofort die umfassendsten Nachforschungen, die jedoch erfolglos blieben. Was jedoch die übrigen obgenannten vier Mädchen betrifft, so haben die eingeleiteten Nachforschungen folgendes Ergebniß geliefert: Johanna TösinskF ist am 7. Juni 1879 in der Wiener Landes-Gebäranstalt an den Folgen einer Entbindung gestorben. Marie Novük ist im October 18-0 nach Verübung eines Diebstahls aus Wien flüchtig geworden und wird seither currenoirt. Marie Pan und Julie Elias waren überhaupt in Wien niemals polizeilich gemeldet." Antisemitismus bei Seidenfabrikanten. Das „Neue Wiener Tagblatt" veröffentlicht unter dem 19. August 1900 folgende Annonce: LebeussteUung. Für ein erstes Fabrikshaus der Seidcnwaarenbranche wird ein tüchtiger, gebildeter, repräsentatiousfähiger Mann, der den Wiener Platz genau kennt und gründliche Weberei- und Waareukenutuisse besitzt, als Vertreter sofort ausgenommen. — Deutsche Christen, welche über allererste Referenzen verfügen, wollen ihre ganz, ausführlichen Offerte an Haasenstein & Vogler, Wien, I. unter der Chiffre „Soieries S. H. lk94"'einsenden. Diese Firma, welche nur „Deutsche Christen" zur Bewerbung einladet, — sie meint: deutschnationale Antisemiten — soll, wie uns von einer Seite, welche um diese Stelle petitionirte, versichert wird — die Firma G. Reichert Söhne, Wien, VII., Schottenfeldgaffe 27, sein; die frühere Firma, F. Reichert Söhne, hat einen ehrenhaften Ruf in jeder Hinsicht genossen; sie hatte zwei Eigenthümer, die Herren Gustav und Rudolf Reichert. Herr Gustav Reichert verstarb vor zwei Jahren und feine Söhne haben einen Haß gegen ihren Onkel und dessen Söhne zu Tage gefördert, wie er bei gebildeten Menschen kaum glaublich ist! An ein Fortbestehender Firma war nicht zu denken, und so trat eine reinliche Scheidung ein, es entstand die Firma G. Reichert Söhne und Rudolf Reichert & Söhne. Rudolf Reichert gilt als ein durchwegs liberaler Mann — die andere Firma bethätigt ihre dem „Deutschen Volksblatt", das offen, jeden jüdischen Käufer beleidigend, auf dem Schreibtische dieser Chefs liegt, entnommene Gesinnung so offenkundig, daß sogar mit einer solchen Annonce an die Oeffentlichkeit sich hervorwagt. Die Firma Reichert verdankt ihr großes Vermögen zum weitaus größten Theile der jüdischen Kundschaft.. Wann endlich werden unsere Glaubensgenossen sich aufraffen, solch einen frechen Faustschlag, der ihnen versetzt wird, zu erwidern? Wo sind sie, diese hervorragenden Kausleute — welche diese maßlose Beleidigung nicht auf sich sitzen lassen und dem neu engagirten deutschnational-antisemitischen Vertreter der-Firma G. Reichert's Söhne die Thüre weisen? So lange sie Juden sind, haben sie dem Judcuthume gegenüber Pflichten, und diese Pflicht besteht vorerst darin, zu erweisen, daß man ohne die Firma Gustav Reichert's Söhne sehr gut arbeiten kann! Hoffentlich wird der Franz Josefs- Quai dieser seiner Pflichten eingedenk sein, hoffentlich werden die großen Vorstadtfirmen ihre Pflicht kennen und zweifellos werden die hervorragenden Budapester Firmen, welche in dieser Hinsicht keinen Spaß verstehen, ihnen als treffliche Wegweiser dienen. Samuel David LuMtto. (Aus dem Berliner „Börsencourier".) Am 22. August waren es hundert Jahre, seitdem der berühmte Orientalist und Bibelforscher Samuel David Luzzatto das Licht der Welt erblickt hat. Die Familie Luzzatto, zum Theil auch Luzzatti genannt, soll aus Deutschland, und zwar aus der Lausitz stammen; sie blüht aber seit Jahrhunderten in Italien, wo sie eine große Zahl Gelehrte, Forscher, Aerzte und Dichter hervorgebracht hat. Samuel David Luzzatto selbst ward am 22. August 1800 als das Kind eines armen jüdischen Handwerkers in Triest geboren. Sein Vater war ein einfacher Drechsler, der jedoch wegen seiner strengen Rechtlichkeit und Wahrhaftigkeit in seinem Wohnorte hoch in Ehren stand. Von seinem kärglichen Einkommen pflegte er stets gewissenhaft den zehnten Theil als Almosen zu verwenden. Seine einzige Lectüre war die heilige Schrift, die er in der Ursprache lesen konnte und mit großem Verständniß beherrschte. Im Hause Luzza'to's war es üblich, täglich nach dem frugalen Mittagsmahl einige Capitel aus der Bibel „zum Dessert" zu lesen. Seine fromme Gattin glich ihm an Frömmigkeit und Herzensgute. In solcher Umgebung wuchs der begabte Knabe Samuel David heran. Frühzeitig wurde er in die jüdische Knabenschule geschickt, die an sich ein Stück Culturgeschichte repräsentirte, bei der auch Berlin keine unwesentliche Rolle spielte. Die jüdische Gemeindeschule in Triest ist eine der ersten dieser Art, sie wurde durch die bekannten humanen Bestrebungen Kaiser Josef II. ins Leben gerufen. Indessen wurde sie in der Zeit ihrer Gründung von den Altfcommen heftig angefeindet, bei welcher Gelegenheit Hartwig Wessely in Berlin, ein Freund und Mitarbeiter Moses' Mendelssohn's, an die gebildeten Juden in Triest ein offenes Sendschreiben richtete, sich ja nicht von ihrem culturfreundlichen Vorhaben abschrecken zu lassen. Der Erfolg jenes Schreibens war aber, daß Wessely selbst der Gegenstand erbitterter Anfeindung seitens der Altfrommen wurde, so daß der freisinnige preußische Cultusminister Freiherr von Zedlitz, der Verehrer des Philosophen der reinen Vernunft, es für nöthig fand, Wessely kräftig in Schutz zu nehmen. Auch Moses Mendelssohn trat damals für ihn ein. In jener Schule, die damals durch den bekannten Bibliographen Saraval geleitet wurde, fand S. D. Luzzatto den Anfangsunterricht. Sonst war er Autodidact, deffen spätere wissenschaftliche Reife jedoch den Mangel an Schulung nicht verräth. Luzzatto war im Gegentheil in Allem gründlich,, und systematisch. Er beherrschte von den modernen Sprachen das Italienische und Französische mit vollendeter Meisterschaft; aber ebenso schrieb'er vorzüglich hebräisch, syrisch und lateinisch. In allen diesen Sprachen schrieb er Verse von tadellosem Rhythmus und von großer Correctheit. Sein dichterisches Talent war ein außerordentliches. Im Alter von fünfzehn Jahren schrieb er bereits hebräische Gedichte, die kein Geringerer als Franz Delitzsch als „grandios" bezeichnet. Es mag noch erwähnt werden, daß Luzzatto die erste Anregung zur hebräischen Dichtung von einer älteren Cousine, Rahel Luzzatto, erhielt. Dieses reich begabte Mädchen dichtete ebenfalls in der Sprache Jesaias mit großer Meisterschaft; sie heiratete später den wohlhabenden Morburgo, und unter dem Namen Rahel Morburgo nimmt sie in der Geschichte der hebräischen Poesie einen rühmlichen Platz ein. Samuel David studirte, seitdem er die Knabenschule verlassen hatte, ohne Hilfe eines Lehrers eifrig und unermüdlich. Mit vierzehn Jahren hatte er seine Mutter verloren, und der unbemittelte Vater mußte dem lernbegierigen Sohn auch die Führung des kleinen Haushaltes übertragen, da außer ihm nur noch ein um fünf Jahre jüngeres Schwesterchen vorhanden war. Insbesondere hatte S. D. Luzzatto auch für die Bereitung des Mittagmahles zu sorgen. Mit dem Buche in der Hand, pflegte der fleißige Knabe zum Essen zu sehen, freilich konnte es oft passiren, daß, während er sich in Locke's Schriften vertiefte, das Holz nicht recht brennen wollte und die Wohnung sich mit Rauch, füllte. Da kamen die Nachbarinnen und schalten den ungeschickten Philosophen tüchtig aus. Der Vater Luzzatto wollte aus religiösen Rücksichten den begabten Sohn zum Handwerk bestimmen. Als aber letzterer sich nicht von seinen Büchern trennen wollte, da gab der fromme Vater sein Vorhaben unter der Bedingung auf, daß ihm der