Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 45 (4.11.1904)
- Date
- 1904-11-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021593--14019-3038704- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 722 Dr. Mocb's Mlocbenscbrttt. Sir. 45 in jedem Revier der Stadt wohnen. „Er durfte keine Profession oder bürgerliches Gewerbe treiben, war blos zum Handeln verurteilt unter nachteiligen Beschränkungen, durste keinen offenen Laden halten, mußte abwarten, bis Käufer, von keinem ankündigenden Zeichen eingeladen, ihn mühsam aufsuchten, blos augelockt durch wohlfeilere Preise". In die Zünfte wurden Juden nicht ausgenommen und sie durften daher auch in Privathäusern keine Maaren feilbieten. Christliche Makler weigerten sich, mit jüdischen zugleich Auktion zu halten. Selbst von der Börseuhalle waren die Juden ausgeschlossen, ebenso wie von den besseren Kaffeehäusern und und Vergnügnngslvkalen. Grunwald erwähnt einige jüdische Tätigkeit auf dem Gebiete der Industrie im siebzehnten Jahrhundert; aber sie scheint später, wohl in Folge der auferlegten Beschränkungen, aufgehört zu haben, denn in den Steuerlisten von 1725 finden wir nur Kaufleute, Rentiers und Hausierer. Leider zeigten sich die Juden selbst mitunter intolerant gegen eiuwanderude Glaubensgenossen. Dies kommt besonders in einer von ihnen deshalb au die Regierung gerichteten Petition, deren Datum nicht angegeben ist, die aber wohl aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts stammt, zum Ausdruck. Besonders interessant ist der „Das Leben in der Gemeinde" betitelte Abschnitt. Ich muß mich hier begnügen, auf die Verfügungen über Schriftsteller, Dedikationeu, Bücherzeusur und Dieustmägde (S. 43) zu verweisen. Auch die Mitteilungen über jüdische Rheder, Seefahrer und Buchdrucker sind interessant. So bildet Grunwald's Werk, trotz kleiner Mängel, einen wertvollen Beitrag zur Geschichte der Juden und wir können nur mit dem Wunsche nach einer Fortsetzung für die Zeit nach 1811 schließen. M. Das Werk hat auch bei der Fachkritik eine freundliche Aufnahme gefunden. Die Besprechungen in der Fachpresse sind durchwegs anerkennend. „The Jewish Chronicle“ in London vom 14. Oktober 1904 bringt aus der Feder des bekannten Professor Abrahams folgendes Referat: Der Tüel dieses gelehrten Werkes muß auf den ersten Blick den Leser befremden. „Was veranlaßt Dr. Grunwald, die Helden feiner Geschichte als „deutsche" Juden einzuführen?" Die Antwort auf diese leicht erklärliche Frage gibt der Verfasser in den einleitenden Worten mit einem Hinweis auf den ganz' anormalen Entwicklungsgang der Geschichte der Juden Hamburgs. Wir wissen von dem Bestände einer Judengemeinde in Hamburg seit dem Beginn des sechzehnten Jahrhunderts; deutsche Juden werden jedoch als rechtmäßige Ansiedler erst etwa ein Jahrhundert später zugelassen. Lange Zeit hindurch duldet man sie nur unter dem Patronat der portugiesischen Juden als deren „Dienstboten". Eine Fremden kolonie nimmt die Ansiedlung Einheimischer in ihre Obhut! Wenn sodann Dr. Grunwald sogleich mit den Memoiren der Glückel von Hameln cinsetzt, welche von '1645 bis 1719 reichen, so könnte es scheinen, daß der Verfasser die an.sich so hoch bedeutsame Periode der Hamburger Juden bis zu diesem Datum stillschweigend übergehe. Ein solches Urteil verriete aber nur ein all zn kurzes Gedächtnis bei den Lesern der Schriften Dr. Grunwald's. Denn eist vor 2 Jahren veröffentlichte er über diese älteste Hamburger Judengemeinde, die der Portugiesen, ein treffliches Buch unter dem Titel „Portugiesengräber auf deutscher Erde", und das nun vorliegende n uifangreichere Werk ist gewissermaßen die Fortsetzung und Ergänzung jenes früheren. Diese beiden Bücher zusammen liefern uns eitle vollständige Geschichte der Juden Hamburgs von ihren Anfängen bis zum Jahre 1811, bis zur Auflösung der „Dreigemeinden" (Altona, Hamburg und Wandsbek) durch Napoleon I. In den Grundzügen bietet diese Geschichte etwa das folgende Bild. Die jüdische Gemeinde in Hamburg ist von portugiesischen Maranen (Scheinchristen) gegründet worden. Diese erfreuten sich bis zu einem gewissen Grade der Duldsamkeit der Behörde. Sie waren zum größten Teil Großhändler, während die deutschen Juden, die nach und nach sich angesiedelt hatten, den Stand der Kleinhändler und Hausierer vertraten. Hierin ist es zum Teil auch begründet, daß, wie der Hamburger Seuat, auch die Behörden ariderer Städte in der Behandlung der Portugiesen und der deutschen Juden im 17. Jahrhundert einen erheblichen Ullterschied machten. Die Hamburger Sephardim trugen wesentlich zur Hebung des Handels der heute bedeutendsten Hansastadt vei, sie importierten Kolonialprodukte und beteiligten sich in beträchtlichem Maße an der Gründung der Hamburger Bank (1619). Einige unter diesen Sephardim, so die de Castros, Rosates, Frances, Mussafia, Abudiente und andere mehr, haben sich in Künsten und Wissenschaften einen klangvollen Namen erworben. Manche gelangten, wie die Texeira, Vater und Sohn, zu einer hervorragenden politischen Bedeut ng. Als seit dem Jahre 1697 die Behörde sich immer unduldsamer zeigte, wurde die Hamburger Gemeinde durch Auswanderung der reicheren und auch sonst leistungsfähigeren Mitglieder nach dem benachbarten dänischen Altona mehr und mehr geschwächt. Nun erst, da der Flor der Sephardim zu erbleichen begann, gewann, seltsam genug, die deutsche Gemeinde an Ansehen und Macht. Die Sephardim sahen sich bestimmt, von Hamburg nach Altona zu überstedeln; die Deutschen gerade in umgekehrter Richtung. 1657 zwang die Schwedennot diese deutschen Juden, aus Altona nach Hamburg zn flüchten, und etwa 20 Jahre später bilden sich die „Dreigemeinden", die sich, dank dem Zusammenwirken günstiger Umstände, zu einem der blühendsten jüdischen Gemeinwesen entwickelten. 1814 zählt die jüdische Bevölkerung Hamburgs 7000, heute mehr als 17.000 Seelen. Dies bildet ungefähr den Kern der Darstellung in den beiden Grnnwald'schen Werken. Allein es hieße Dr. Grunwald's neuestem Werk durchaus nicht gerecht werden, wenn man sich mit einem so obenhin gefällten Urteil begnügen wollte. Die Art, wie hier ein gigantisches Material von Details verarbeitet ist, sichert dem Werke seinen Wert als eine staunenswerte Probe modern - wissenschaftlicher Geschichtsschreibung, ohne daß es etwa an „populär" Interessantem Mangel litte. Die Illustrationen allein müssen ihm auch für weitere Kreise Anziehungskraft verleihen. Eine dieser Illustrationen zeigt uns einen Hausierer, der „Raare englische Bleehsticken" feilbietet. Dr. Grunwald gibt eine ganze Reihe solcher Bilder von Hausierern nach „Suhr, Der Hamburger Ausruf". Sie handeln mit Seidenbändern, Bier- und Weingläsern, Wachstuch, Töpfen, Spazierstöcken, Lotterielosen, Löffeln, alten Hüten rc. rc. Man gewinnt aus diesen Bildern, welche erfreulicherweise jeden judenfeindlichen Zug vermissen lassen, einen ausgezeichneten Eindruck von den jüdischen Hausierern des achtzehnten Jahrhunderts. Dr. Grunwald gibt außerdem eine lange Liste von „Hamburgs Juden in Bild und Karikatur", eine wertvolle Fundgrube für künftige Forschungen. Ein Bild stellt ferner Jonathan Eybeschütz, ein anderes Michael Heine dar. Dem ersteren widmet Dr. Grunwald mehr Raum, als unbedingt nötig erscheint. Eybeschütz litt ohne Zweifel an Selbstüberhebung, ohne jedoch der Charlatan zu sein, zu dem ihn Jacob Emden stempelt. Besonders wichtig sind die Bilder der von oder auf Hamburger Juden geprägten Medaillen. Dr. Grunwald holt sein Material aus allen nur erdenkbaren Quellen: aus Synagogen- und Gemeindearchiven, aus ungedruckter und gedruckter Literatur, z. B. den Memoiren der Glückel von Hameln. Die Herausgabe dieser Memoiren zählt zu den größten Verdiensten des seligen David Kaufmann. Glückel ist ein prächtiger Charakter. Sie wurde 1646 in Hamburg geboren und starb 1724 in Metz. Für ihre Zeit hat sie eine gute Erziehung genossen. Im Alter von 14 Jahren verheiratet, wurde sie 1689 Witwe. Nicht allein ihre acht Kinder hat sie mit außergewöhnlicher Tatkraft auf sich selbst gestellt großgezogen, auch das Geschäft ihres Mannes hat sie mit großem Erfolge fortgeführt, um schließlich doch die Vergänglichkeit alles irdischen Gutes an sich selbst zu erfahren. Ihre Autobiographie ist ungemein kesselnd. Eine englische Uebersetzung des jüdisch-deutschen Originales wird zur Zeit für die American Jewish Publication Society vorbereitet. Diese Uebertragung dürfte eine begeisterte Aufnahme finden. Von allen diesen Quellen abgesehen, widmet Dr. Grunwald sein Augenmerk den Daten, welche uns die Grabschriften liefern. Es ist geradezu überraschend, welch' eine Fülle neuer Erkenntnis uns von diesen stummen Zeugen des Friedhofes in den letzten Jahren gekommen ist. Auf diesen Friedhöfen ist so manches außer den Gebeinen der Verstorbenen zu finden. Dr. Grunwald bietet die Hamburger und andere Grabschriften, die seinen Gegenstand berühren. Er gibt eine vollständige Liste der Namen mit interessanten Details. Die Bedeutung dieser Sammlungen in genealogischer Hinsicht ist leicht zu ermessen. Für den Forscher der englisch-jüdischen Geschichte enthält der Band eine Fülle des Wissenswerten, zumal eine ganze Anzahl in England bekannter Familien ans Hamburg und Altona eingewandert ist. Ein weiterer wertvoller Teil des Dr. Grunwald'schen Buches ist die Bibliographie der Hamburger, Altonaer und Wandsbecker Drucke auf dem Gebiete der jüdischen Literatur und Geschichte. Der älteste Hamburger Druck war ein Pentateuch (1581); das älteste jüdische Buch, das in Wandsbeck erschienen ist, war der „Kizzur resehit chochma“ (1688); Altona eröffnet seine Tätigkeit mit „Sheerith Jaakob“ (1727). Eine lange Reihe von Beilagen gibt Originaldokumente wieder, welche die Beziehungen der Juden zu den Behörden, kulturgeschichtliche Erscheinungen u. s. w. zum Gegenstände haben. Gerade für die Kenntnis des inneren Lebens der Juden hat das Buch einen hohen Wert. Was wir an dem Buche gern gesehen hätten, ist ein umfassendes Inhaltsverzeichnis oder eine orientierende Aufschrift an den Kopfleisten der Seiten. Doch ermöglichen die Jndices am Ende des Werkes die Auffindung jedes beliebigen Stoffes ohne Schwierigkeit. Dr. Grunwald's Buch ist, im besten Sinne, ein glänzender Beitrag zur jüdischen Lökalgeschichte. Lokalgeschichte schafft aber allgemeine Geschichte. Jede gut geschriebene Darstellung einer einzelnen jüdischen Gemeinde verbreitet Licht über die Schicksale der Juden im Allgemeinen. Somit beschränkt sich die Zahl derer, die allen Grund haben, Dr. Grunwald zn danken, nicht auf — Hamburgs deutsche Juden. Israel Abrahams.