Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 13 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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Seite 348 Dr. Bloch's WochrnlchriN- Nr. 17 und als Anhänger der fabbathianifchen Partei verdächtigt wurde, keinesfalls der „Kamen" eine überirdische, wunderwirkende Kraft zuzuschreiben geneigt war. In Metz entfaltete Jonathan eine überaus segensreiche Thätigkeir. Sowohl feine scharfsinnigen talmudischen Vorträge in der von ihm gegründeten, stark frequentirten Hochschule, als feine geistreichen Predigten in der Synagoge erfreuten sich stets eines ungewöhnlichen Beifalls und gewannen ihm die Herzen Aller, die ihn hörten. In feiner väterlichen Fürsorge für das geistige Heil und Wohl feiner Gemeindemitglieder ging er so weit, daß er, der weltberühmte Pilpulist (Dialectikeri es nicht verschmähte, einen Auszug aus dem „Orach Chajim" in deutscher Sprache für das ungebildete Publicum zu verfassen und denselben in feinem ganzen Rabbinatsfprengel verbreitert zu lassen. Eine solche wahrhaft priesterliche Thätigkeit mußte Anerkennung finden und Jonathan genoß in der That in Metz nicht nur allgemeine Hochachtung und Verehrung, sondern auch die wahre Liebe und das Vertrarlerr aller seiner Gemeindemitglieder. Als im Jahre 1746 die große und angesehene Gemeinde zu Fürth das daselbst durch den Tod des Rabbiners Baruch Kohn vacant gewordene Oberrabbinat R. Jonathan übertragen hatte, sah sich dieser gezwungen, diesen höchst ehrenvollerr Ruf, so gern er ihm sonst Folge geleistet haben würde, dankend abzulehnen, weil die Metzer Gemeinde, die sich gelegentlich seiner Ausnahme ausdrücklich bedungen hatte, daß er einen Zeitraum von so und so vielen Jahren bei ihr verbleiben müsse, durchaus nicht geneigt war, ihm das Wort zu erlassen und ihn von der mit ihm bedungenen Frist, die damals noch nicht verstrichen war, von seinem Amte zu entheben. Jedenfalls erhellt aus diesem Umstande zur Genüge, daß Jonathan sich in Metz einer ungewöhnlichen Popularität zu erfreuen hatte. Im Jahre 1750 wurde Jonathan, dessen Ruf in die weiteste Gegend gedrungen, von beit drei vereinigten Gemeinden Altona, Hamburg und Wandsbeck zum Oberrabbiner ernannt. Jonathan war ob der ihm gewordenen ehrenvollen Vvcativn erstellt und glaubte der angenehmen Erwartung Raum geben zu dürfen, daß es ihm jetzt umsomehr gegönnt sein werde, ein ruhiges, friedliches, kummer- und sorgenloses Leben stihren zu können, als er einerseits einen äußerst glänzenden Posten erlangt und andererseits in Hamburg viele Verwandte und Verehrer aus stühereu Zeiten hatte. Mit großem Jubel, ungewöhnlichem Enthusiasmus wurde Jonathan bei seinem Einzuge — Anfangs Tischri 1750 — in Altona, Hamburg und Wandsbeck empfangen. Als er die Schwelle seiner in Altona prachtvoll geschmückten und reich ausgeftatteten Wohnung zum ersten Male betrat, ries er in Gegenwart der Gemeinderepräsentanz und vieler anderer Honoratioren aus: „Tiefes sei mein Wohnsitz für immer, hier will ich verbleiben, da ich mich nach dieser Stätte gesehnt." (Psal. 132.14.) Dieser Herzenswunsch hat sich jedoch nicht bewährt, denn gerade hier verlebte er äußerst kummer- und leidenvolle Tage; gerade hier wurde ihm das Leben verbittert und vergällt, und zwar von einem Manne, von dem man es am allerwenigsten erivartet hätte, da er durch Gelehrsamkeit und Bildung hervörragte. In Mona wohnte um jene Zeit R. Jakob Emden, Sohn des Chacham Zebi, ein Mann, der sich durch gründliche talmudische Gelehrsamkeit, wie durch einen scharfsichtigen, kritischen Geist vortheilhaft auszeichnete. Als das Rabbinat daselbst durch das Hinscheiden des R. I. Katzenellenbvgen in Erledigung gekommen war, glaubte Emden, der ans Stolz es unter seiner Würde hielt, öffentlich ans dasselbe zu reflectiren, der Erwartung Raum geben zu dürfen, daß die Gemeinde ihn, dessen Vater und Großvater ebenfalls dieses Amt innehatten, per Acclamation zum Oberrabiner ernennen werde. Allein Emden war trotz seiner großen Gelehrsamkeit eine durchaus unbeliebte Persönlichkeit, denn Herrschsucht, Unverträglichkeit und Rücksichtslosigkeit waren die Untugenden, die ihn verunzierten, daher die Majorität der drei Gemeinden sich nicht stir ihn, sondern für den menschensteundlichen, leutseligen, schmiegsamen, geselligen und sanstmüthigen Jonathan Eibenschitz begeisterte. Als nun Emden sich in seinen Erwartungen bitter getäuscht sah, hegte er in seinem Herzen einen unversöhnlichen Haß und Groll gegen den allgemein gefeierten Jonathan, aus den er übrigens schon von jeher nicht gut zu sprechen war. Jonathan gab sich, wie es von einem friedliebenden Priester nicht anders zu erwarten war, wohl alle erdenkliche Mühe, um mit Emden aus stiedlichem Fuße leben zu können, sprach in seinen ersten Borträgen aus der Kanzel von ihm mit besonderer Hochachtung, allein Emden blieb starr, unbeugsam und kühl bis an's Herz hinan und wünschte nur sehnlichst die Gelegenheit herbei, Jonathan niederschmettern zu können. Diese ließ aber nicht lange aus sich warten.tz In Altona und Umgebung grassirten zur Zeit, als Jonathan dahinkam, gefährliche Krankheiten, die zumeist Wöchnerinnen hinrafften. Etwa 18 junge Frauen sind innerhalb eines Jahres daselbst in Kindesnöthen gestorben. Angst, Furcht, Bangen und Grauen bemächtigten sich aller Gemüther, und jede Frau, die in gesegneten Umständen sich besand, sah mit Schrecken der heranrückenden Stunde entgegen. Kaum hatte Jonathan sein neues Rabbinat angetreten, als man an ihn, den berühmten Kabbalisten, appellirte, den Würgengel zu bannen. Jonathan, der bereits in Prag und Metz „Kemevt" ertheilte, nahm auch hier keinen Anstand, dem dringenden Wunsche der Bittsteller zu entsprechen und Amulette zu vertheilen. Der Zufall aber wollte, daß ein solches Schutzblättchen, das er einem vom hitzigen Fieber gequälten Menschen verliehen hatte, in Verlust gerathen ist. Ein feiler Söldling der Gegner Jonathans soll diesen Umstand benützt haben, um Jonathan verdächtigen und compromittiren zu können. Er schrieb nämlich auf einen Pergamentstreisen einige Worte aus Schemvt, die Anspielungen aus Sabbatai Zewi's Messianiät machten und verbreitete überall das Gerücht, daß er in den Besitz des von Jonathan angeferiigten Schutzblättchens „Kamen" gelangt sei. Kaum wurde, dieses famose Amulet Jakob Emden zur Benrtheilung vorgelegt, als dieser sich sofort beeilte, Jonathan als Sabbathianer und Häretiker zu erklären und zu brandmarken. Alle Versuche Jonathans, mit Emden eine Aussöhnung zu erzielen, scheiterten an dem Starrsinn und der Hartnäckigkeit Emden's. Da Emden von der Schwierigkeit seines Vorhabens, Jonathan moralisch zu vernichten, durchdrungen war, so sah er sich bald um Bundes- und Gesinnungsgenossen um, die er in den Rabbinern Jakob Josua aus Krakau, Oberrabbiner zu Frankfurt a. M., einem Vorgänger Jonathans in Metz, Arjeh Löw, Oberrabbiner der deutschen Gemeinde zu Amsterdam, einem Schwager Emden's und Salomon Helmann, dem Nachfolger Jonathans im Rabbinate zu Metz, gefunden hatte. Der Altonaer Gemeindevorstaud nahm sich seines allverehrten Rabbiners Jonathan wärmstens an, und es entstand nicht blvs in den drei Gemeinden, sondern auch innerhalb der ganzen Judenschaft eine furchtbare Zerklüftung, die heillosen Schaden anrichtete. Emden wurde von dem Vorstand der drei Gemeinden in den Bann gelegt, Alles mied ihn wie einen Aussätzigen, infolge dessen sah er sich genöthigt, Altona bei Nacht und Nebel zu verlassen. Er floh nach Amsterdam, wo er längere Zeit verblieb, bis ihm die dänische Regierung die Rückkehr gestattete. Der Kampf hörte aber noch lange nicht aus, er nahm vielmehr größere Dimensionen an. Die hervorragendsten Rabbiner der damaligen Zeit betheiligten sich an demselben, die Einen stimmten pro und die Andern contra Eibenschitz. In den meisten Gemeinden Mährens, wie Nikolsburg, Proßnitz, Holleschau, Kremsier, Eibenschitz, Kanitz re., wurde aus Veranlassung des damaligen Nikolsburger Oberrabbiners Gerson Pullitz gegen I. Emden der Bann geschlendert. Als endlich die dänische Regierung in die Situation recht thätig eingriff, wurden die Gegner Jonathans zum Schweigen gebracht. Die polemischen Schriften, die dieser schmähliche Kamps hervorgerufen hatte, beweisen zur Genüge, wie weit selbst die edelsten und würdigsten Menschen von der Bahn der Moral, Tugend, Humanität und Brüderlichkeit ableuken können, wenn sie sich von Vvrurtheilen und Fanatismus bestimmen lassen. Am 20. September 1764 hatte Jonathan im Alter von 74 Jahren seine irdische Laufbahn vollendet. Sein Tod hatte allgemein Sensation hervorgerusen. Ueberall wurden Trauerseierlichreiten veranstaltet und Jonathans Verdienste, wie seine ungewöhnlich große Gelehrsamkeit in den üblichen Trauerreden gewürdigt und gefeiert. Sein Antagonist R. Jacob Emden überlebte ihn um zwölf Jahre. Er starb am 19. April 1776. Auch sein Hinscheiden wurde von seinen Freunden und Gesinnungsgenossen tief betrauert und bedauert. Dr. M. H. F r i e d l ä n d e r, Pisek.