Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 26 (1909)
- Issue
- 49 (3.12.1909)
- Date
- 1909-12-03
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 49 Jokl war tief betrübt über die Veränderung,, die mit Benjamin vorging. „Mein Bocherl" ist meschugge geworden", sagte er zu vertrauten Freunden,' er verkehrt mit Malochim und Schedim, bleibt nächtelang auf und läuft ums „Kwores" herum: er itzt nicht, trinkt nicht, .schläft nicht. Jokl war klug, genug, an Zauberei nicht zu glauben. Es wurde ihm aber doch unheimlich, als er bemerkte, dah Benjamin keine „Gemoreh" mehr lernte, in unverständlichen - Büchern las: krause Zeichnungen, aus Buchstaben zusammengesetzt, zeichnete: rätselhafte, zwar hebräisch klingende, aber doch nicht hebräische Worte vor sich hinmurmelte und die heiligsten Pflichten zu vernachlässigen begann. Nach und nach bemerkten es viele, bis es alle zu wissen glaubten. „Reb Jokl Hofnarrs Bocherl" ist meschugge: ein Schedd ist ihm": so sprach es sich herum. Zuerst leise, dann immer lauter und lauter. Die Leute wichen ihm aus. Und je mehr der Aermste merkte, dah man >ihn meide, um so schlimmer würde das Uebel. Er suchte es selber durch Fasten und Buhen zu bannen, doch er war tatsächlich darin seiner nicht mehr mächtig. Die Kabbalah hatte es ihm angetan. Unvorbereitet war er in ihr Gebiet eingetreten und suchte mehr in ihr, als er fand: auch blieb ihm vieles unerkennbar und unerklärt. Iokl versuchte es mit Scherz und Ernst. „Benjaminleben, mein Kind", sagte er zu seinem geliebten „Bocherl", „mit der Kabbalah wird es nicht gehen, du wirst ihr treu bleiben, aber sie nicht dir: sie macht dir das Herz schwer und den Kopf mewulbel: mein Zipperl ist mir lieber, sie wird dir treu bleiben und dir nur das Herz mewulbel machen: das läht sich aber heilen. Sei ein Chochem und steig vom „Wagen" herunter: womit er auf die „Merkabah" anspielen wollte, ryas eine Bezeichnung. für mystische.Studien ist und auch „Wagen" bedeutet: er wollte aber auch im Wortspiele sagen, er sollte nicht zuviel „wagen". Es half aber nichts. Das Bocherl war „verfallen", wie die Leute fügten. Ein „Ruach" war in ihm. ein böser Geist. Alle glaubten daran, nur Iokl nicht. Er wuhte, dah Benjamin durch übereifriges Studium unverstandener Lehren konfus und physisch erkrankt war. „Gebt's dem Ruach a gut Futter", sagte er zu den Leuten, „dann wird er sein Maul halten: die Ruches haben gute Mägen: das Bocherl ist krank und Reb Moisches Kabbalah hat ihm den Kopf verdreht". Der Rebbe soll ihm Muster sagen: er legt keine Tefillin zur Zeit und macht chassidische Schmonzes; was e rechter Choffid ist, hat mit den Malochim nur von Weitem zu tun." Iokls Reden verhallten im Rate der eifrigen Khillegenossen. Es war abgemacht, ein „Ruach" war in dem Bocher. Das Verlangen nach Austreibung des „Schedd" wurde immer lauter. Moses ben Menachem sträubte sich lange genug, dem Drängen nachzugeben. Aber Benjamin selber glaubte schließlich daran, dah ein böser Geist ihn erfülle und flehte den „Mekubbal" an, ihn zu bannen. Er ruhte nicht mehr, nun drohte ihm wirklich Verderben: es fehlte wenig zum Wahnsinn. Das Rabhinatskollegium, besonders Rabbi David Oppenheimer, gab unwillig seine Zustimmung zur Vornahme der Austreibung." Der Erew tischo beob, der Vorabend des neunten Ab, wurde dafür gewählt. Just die rechte Zeit für eine so traurige Sache. — Die Trauer um das zerstörte Jerusalem war der wichtige Hintergrund. In den Gassen war bewegtes Leben: man hätte glauben können, es beginne ein fröhliches Fest. Zwar wühlen viele, dah heute der „Ruach" aus Benjamin gebannt werden solle, aber doch nur Eingeweihte. Die Gemeindejugend, die eben vom „Abschiedsmahle" gekommen war, das sie gewiß mit den Eltern in geziemend ernster Stimmung genommen hatte, hatte Veite 847 so ihre eigene Art. den „Tischo beob" einzuleiten. Den Mädchen wurden von übermütigen Jungen die Röcke mit Nadeln zusammengesteckt und eine Schlacht begann, ein gegenseitiges Bewerfen mit Kletten, die im „Judengarten" gesammelt waren. Den ganzen Vormittag verbrachte man damit, die „Sri'cherln" vorzubereiten. Viele Mädchen gingen mit Tüchern über den Kopf, um ihr Haar vor den zudringlichen Kletten zu schützen. Aber viele liehen es gerne zu, dah man sie aus ihrem schönen Haar entfernte. — Das ging so, bis zum Beginn des Abendgebetes. Mit einem Schlage änderte sich da die Stimmung. Alles war ernst und gedrückt. Die Tifchebowstimmung war da. Eine Stunde vor Schul hatte sich ein Teil der Gemeinde in der „Neuschul" versammelt. Benjamin sah mit verhülltem Haupte und völlig gebrochen da. Reb Moses ben Menachem begann durch Psalmen und Prophctenverse, Anrufung der Engel und Nennung der heiligen Schemas den „Ruach" zu beschwören. Benjamin wurde harte Tochochoh iZurechtweisung) gesagt: er vergeh bittere Tränen. Als nun gar auf einem Schofar, es war ein schwarzer Schofar. geblasen wurde, da war er so erschüttert, dah er wie ohnmächtig hinfiel. Die anwesende Gemeinde murmelte die Gebete mit: durch den brausenden Ruf. der dreimal erscholl, wurde Benjamin wach: er blickte um sich und staunte über alles: wie ein Nebelschleier fiel es von seinen Augen. Jokl sah versteckt in einer Ecke, über ihm war ein kleines Fenster, das offen stand. Er sah den ganzen Vorgang mit an. In den Händen aber hielt er einen Gegenstand verborgen. Im Augenblick, da Benjamin zu sich kam, lieh er los und — eine schwarze Katze sprang in einem Satze durchs Fenster hinaus. Der „Ruach!" schrie er: entsetzt starrte alles auf die Stelle. Und es stand fest, der „Ruach" war in Gestalt einer schwarzen Katze aus dem Fenster entwichen. Jokl kannte seine Leute. Wenn man den „Ruach" nicht leibhaftig entweichen sah. war er noch im „Bocherl". In größter Freude verlieh alles die ..Neuschul". So guter Dinge war man noch nie zu den „Kinnoth" gegangen. Als aber die Leute hinausgingen, stand Jokl an der Tür und sagte: „Wjht's ihr. wieso der „Ruach" herausgegangen is, weil er nir drinnen gewesen is." Das Bocherl aber bekam mit der Zeit sein - Zipperl. Literatur. Unter dem Titel „Die Medizin im Talmud" hat Dr. Stern in Frankfurt a. M. eine Broschüre erscheinen lasten, die. ohne Anspruch auf Vollständigkeit zu machen, doch die hauptsächlich in Betracht kommenden Punkte bringt und ein genaues Vertrautsein mir der einschlägigen Literatur zeigt. Nach einleitenden Bemerkungen über die Entstehungszeit des Talmuds und einer Kennzeichnung der angesehenen Stellung der Aerzte im Judentume jener Zeit, gibt Stern ein Bild der ärztlichen Wistenschaft jener Periode. Er verweist auf den Einfluß, den die alten Kulturvölker Asiens, Afrikas und Europas auf die jüdische Wistenschaft ausgeübt, verweilt in erster Linie bei den Egyptern, wo er unter unter Anderem interessante Stellen aus dem „Papyrus Ebers" erwähnt, um dann zur Medizin der Griechen überzugehen, die den hervorragendsten Einfluß auf die medizinische Wissenschaft der Juden jener Zeit gehabt hat. Speziell wird die Wirksamkeit des Hippokrates und seiner Schule, sowie die GalenS erwähnt. Stern ist weit davon entfernt, die Spuren fremder Einflüffe zu leugnen, versucht jedoch, unleugbar mit Erfolg, nachzuweisen, daß von einem einfachen Herübernehmen der fremden medizinischen Wistenschaft keine Rede sein kann. Er weist zum Beispiel nach, daß von den '-Verfassern des Talmud bereits pathologisch-anatomische Studien, wenn auch vorzugsweise am Tiere, gemacht worden sein müffen als Vorbedingung für die Trephagesetze, bei denen schon nachweisbar auf Bronchetkafien, tuberkulöse Eavernen und Pneumothorax hingewiesen wird. Auch die Gefahr einer Durchlöcherung des Darmes oder der Gallenblase mit nachfolgender Bauchfellentzündung wird genau beschrieben. Stern bringt eine Anzahl im Talmud angeführter Anschauungen, dort geschadeter Erkrankungen und Heilverfahren, bei denen er darauf hinweist, wie sehr verschieden die doch geäußerten Schilderungen von den Anschauungen der anderen Völker jener Zeit Dr. Blochs Wochenschrift.