Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 30 (1913)
- Issue
- 1 (3.1.1913)
- Date
- 1913-01-03
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1 i ©r, wofctmm Seite 7 UeberwunÄMe PVgromgefuhr in Gatizren. Aus Lemberg schreibt man uns: Mit der Ueberwindung der Kriegsgefahr, welche besonders für Galizien von furchtbaren krisenhaften Erscheinungen begleitet war, haben die Juden Galiziens auch eine andere Gefahr überwunden, die für sie bereits schreckliche Formen angenommen hatte, obgleich bisher darüber in der breiten Oeffentlichkeit noch wenig bekannt wurde. In den Tagen, da eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Oe.sterreich-Ungarn und Rußland in den Bereich der Möglichkeit gerückt war, haben die russophilen Fraktionen der Ruthenen in Galizien gegen die dortigen Juden eine wahre Pogromhetze in Szene gesetzt. Teils durch Pogromslugschriften, die zumeist aus Rußland herübergeschlnuggelt waren, teils durch aufrührerische Reden wurde die ruthenische Bevölkerung in eine Erregung versetzt, die in einzelnen Gegenden zu Zusammenstößen zwischen Ruthenen einerseits und Juden und Polen andererseits geführt haben. Besonders in der Stadt Rimanow kam es anläßlich eines Marktes zu blutigen Schlägereien, welche von ruthenischen Bauern, unter dem Schlachtrufe: „Wir müssen die Juden und Polen niedermetzeln". inszeniert wurde. Diese allgemeine Erregung hatte eine Massenflucht polnischer Bauern und Juden zur Folge, so daß die Statthalterei sich schließlich veranlaßt sah, durch eine öffentliche Erklärung auf die Bevölkerung beruhigend einzuwirken. BezaW-iAusKllung in Prag. Am 15. v. M. wurde im Festfaale des jüdischen Rathauses in Prüft eine große Ausstellung von Erzeugnissen der Kunstgewerbeschule ..Bezalel" in Jerusalem, verbunden mit einer Au-^ellung graphischer Werke jüdischer Künstler, veranstaltet vom Praaer Kunstgewerbeverein , Bezalel". feierlich eröffnet. Der Obmann des Vereines, Dr. Theodor Weltsck. begrüßte das erschienene erleiene Publikum, insbesondere auch die Präsidenten der Kultusgemeinde Dr. Rosenbacher und Dr. Bendiener, die Delegierten der Vereine und wies auf die große Bedeutung hin, die der ..Bezalel" heute schon für das 'Gesamtjudentum hat: gerade jetzt bedürfe der ..Bezalel" energischer Förderung, da der Betrieb — insbesondere auch wegen der Masseneinwanderung jemenitischer Juden - stark vergrößert werden soll. Den Eröffnungsakt selbst nahm namens der Kultusgemeinderepräsentanz deren Vizepräsident Herr Dr. Ludwig Bendiener vor, der in längerer Ansprache das Wesen und die rasche Entwicklung der Bezalelschule darlegte. Die Ausstellung war schon in den ersten Tagen ungemein stark besucht und erregte großes Interesse und bewundernde Anerkennung. Es wurden auch um mehrere lausend Kronen Gegenstände verkauft. Vor kurzem waren Bezalelerzeugnisse auch in einer vom Verein patriotischer Kunstfreunde in Prag im Künstlerbaus , Rudolfinum" veranstalteten Ausstellung aufgenommen worden. Am 21. d. M. hielt im Rahmen der Ausstellung der Berliner junge Maler Ernst Pickardt, der auch Radierungen ausgestellt hat, einen Vortrag über ..Rembrandt", in dem er das Werk des großen holländischen Meisters mit verständnisvoller Liebe schilderte und auch an Rembrandts Beziehungen zum Judentum nicht vorbeiging. Im ganzen darf die Bezalelausstellung als eine erfreuliche Bereicherung des jüdischen Lebens Prags angesehen werden, an dem sich alle Gesellschaftsschichten mit warmem Interesse beteiligten: insbesondere machte sich um den materiellen Erfolg ein den besten jüdischen Kreisen angehörendes Damenkomitee, unter Führung der Frau Professor Irma Münzer, verdient. Der Erzbischof hinter dem Sarge des Rabbiners. Das Leichenbegängnis des in Czernowitz verstorbenen Rabbiners Benjamin Weiß gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung aller Gesellschaftskreise, welche dem Verblichenen bei dessen Lebzeiten die höchste Verehrung entgegengebracht hatten. Der Bahre voran schritt der Fahnenträger der Stadtgemeinde, deren Ehrenbürger Rabbiner Weiß war. Sämtliche Zöglinge der jüdischen Schulen und des Waisenhauses waren ausgerückt. Der Bahre folgte Erzbischof Repta, ein Vertreter der Landesregierung, der Bürgermeister der Stadt, Baron Fürth, der evangelische Pastor, der gesamte Kultusvorstand, sowie das Präsidium der Advokatenkammer, eine große Anzahl Eemeinderäte, Landlagsabgeordnete, Magistratsbeamte, die jüdisch-akademischen Verbindungen und eine unabsehbare Menschenmenge, in welcher man sehr viele Mitglieder der nichtjüdischen Intelligenz bemerkte. In den Straßen, die der Leichenzug passierte, brannten die Gasflammen und die Geschäfte waren zum Zeichen der Trauer gesperrt. Im Vorhofe der großen Synagoge hielt der Oberrabbiner Dr. Rosenfeld den Nachruf, am Grabe hielten mehrere Redner tiefempfundene Abschiedsreden. Dr. Heinrich Brody — Oberrabbmer von Prag. In die Reihe der Führer, die den Prager Rabbinatssitz zierten, ist ein neues Glied eingefügt. Auf David Oppenheimer. Ez. Landau, 3. L. Rappaport, Markus Hirsch und Nathan Ehrenfeld folgt Dr. Heinrich Brody. Während die Ersteren durch ihre wissenschaftliche Tätigkeit auf talmudischem und literarhistorischem Gebiete den Ruhm der Prager jüd. Gemeinde in alle Richtungen der Windrose hinaustrugen rmd die letzten beiden Größen auf dem Prager Rabbinatssrtz es verstanden, ihr tiefgründiges Wissen auf dem Gebiete des Talmud und des Midrasch in Predigt und Homilie?ju verwerten, vereint Dr. Brody alle die Vorzüge der alten Meister in seiner Person. Schon in jüngen Jahren erwarb er sich einen Namen auf dem Gebiete der hebräischen Literatur, spez. der spanischen Periode: ein bedeutender Talmudist und vorzüglicher Redner mit klangvollem Organ, vereint er alle Bedingungen in sich, die man an den Nachfolger der obgenannten geistigen Heroen stellen kann. Dr. Heinrich Brody wurde am 21. Mai 1868 (29. Jjar 5628) in Ungvar geboren, besuchte daselbst! das Gymnasium, ging dann nach Preßburg und von dort an das Rabbinerseminar nach Berlin. In Berlin wirkte er mehrere Jahre als Sekretär des Vereines „Mekize Nirdamim", unternahm dann eine längere Studienreise nach England (London und Orsort). woselbst er im British-Museum und in der Vodleiana wertvolle Handschriften bearbeitete. Im Jahre 1896 begründete er die noch erscheinende „Zeitschrift für hebräische Bibliographie". 1898 folgte er einem Rufe als Rabbiner in Nachod und heiratete die Tochter des Prager Oberrabbiners Dr. Ehrenfeld. 1905 wurde er nach Prag berufen, woselbst er die Direktion der Gemeindeschule „Talmud Thora" übernahm, welche Anstalt er nach modernen Prinzipien um- und ausgestaltete. 1911 erhielt Dr. Brody einen Ruf an das Berliner Rabbinerseminar. Die Prager Kultusgeineinde- Repräsentanz hatte jedoch die Bedeutung Dr. Brodys erkannt, und es gelang ihr, denselben für Prag zu erhalten. Als vor ungefähr zwei Jahren Oberrabbiner Dr. Ehrenfeld schwer erkrankte, wurde Dr. Brody zu seinem Stellvertreter und Donnerstag, den 26. Dezember 1912, definitiv zum Prager Oberrabbiner ernannt. Möge sein Wirken in der Prager Gemeinde von langer und segensreicher Dauer sein. Wie ein Ritualmärchen entsteht. Aus Nelfchetin in Westböhmen, 25. d., wird uns geschrieben: Vor kurzer Zeit ereignete sich hier folgend.r Fall: Das dem Bräuhauskutscher Habla im nahen Preitenstein gehörige, etwa fünfzehnjährige Mädchen ging Sonntags in die Kirche nach Netschetin. Da das Mädchen abends noch nicht zurückgekehrt war, ging man cs suchen; trotz eifriger Nachforschungen konnte es jedoch nirgends gefunden werden. Die Fama sprach gleich von einem „Ritualmord", und es wollten Leute sogar gesehen haben, daß das Mädchen in das Haus des hiesigen Schnittwarenhändlers Siegmund Bergmann gegangen, es aber nicht mehr verlassen habe. Nach fünf Tagen kehrte das Mädchen zurück. Es hatte sich während dieser Zeit bei ihrer Schwester in Kripau bei Chiesch aufgehalten, dev es ohne Wissen und Einwilligung der Eltern einen Besuch abgeplattet hatte.