Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1891-07-06 · Heft 53 (6.7.1891) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 53 (6.7.1891)
Date
1891-07-06
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2448122-2448171--32380-2480223
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

980 Ich bin wahrlich kein Gegner der ausländischen Amtsgenossen. Wer will eS ihnen verdenken, wenn sie sich bemühten, die Theilnahme ihrer Vorgesetzten zu erwerben? Ihre Jugend war unendlich trübe und traurig, ihre Erziehung, wenn überhaupt die Rede davon sein kann, so mangelhaft, daß ein vernünftiger Mensch ihnen keinen Borwurf machen kann, wenn sie sich das Paradies selbst mit etwas Kriecherei und Heuchelei um jeden Preis zu erhalten suchen; denn ein Paradies ist ihnen die kleinste Stelle in Deutschland, wo sie außer von den paar Machthabenden in der Gemeinde von keiner Behörde wie in Rußland gepeinigt werden. Abgesehen davon zieht es unter den slavischen Kantoren Männer von großem Wissen und lauterem Charakter. Wer den Lehrer- und Kantoren-Versammlungen in den letzten Jahren beigekizhnt hat, konnte die Erfahrung machen, daß nicht wenige ein^n zwanzigjährigen Aufenthalt in Deutschland mit Erfolg benutzt haben. Diese Herren haben sich nicht allein fast amalgamirt, sie sind heute die größten Gegner eines vermehrten Imports aus Rußland. Sie am besten kennen die Gefahr, die ihnen aus einer Konkurrenz ihrer Landsleute entsteht. Seite 18 heißt es weiter: Sie sind keine Pädagogen, aber sie haben die besten Erziehungsresultate. Die deutsche Sprache bleibt ihnen fremd, aber ihre Söhne werden gewandte Redner. So niedrig die Stellung der Väter war, so hoch steigen ihre Söhne. Sie selbst waren und bleiben, so lange sie im Amte sind, mittellos, aber trotzdem besuchen ihre Söhne Gymnasien und Universitäten, und diese unterstützen wohl «och gar ihre Ellern von den Stipendien; die Töchter besuchen die Konservatorien und bilden kein geringes Kontingent der deutschen Oper. Das haben die Fremdlinge in Deutschland erreicht und geschaffen! Die verachteten polnischen Kantoren haben eine intensive, aber doch edle Rache an ihren Peinigern genommen. Aus den Knechten sind Beherrscher geworden! Bei dem Personen- und Titelkultus unserer heutigen Juden ist es nicht zu verwundern, wenn sie mit Furcht und Achtung zu dem Herrn Doktor oder Rechtsanwalt emporsehen, obwohl er aus dem Hause desjenigen hervorgegangen, der einst ihr — Knecht gewesen. Wir erkennen bedingungslos an, daß die geschilderten nichtdeutschen Brüder in der That Großes erreicht haben. Aber es bleibt doch ein Stachel in unserem Herzen zurück, denn wir müssen es mitansehen, wie das Gewonnene illusorisch gemacht wird. Gerade die Söhne dieser frommen Gottesdiener sind keine begeisterte Juden, wenden wohl der Judenheit verächtlich den Rücken, wollen von dem Ceremonialgesetz und dem Kultus, in dem sie großgezogen wurden, am allerwenigsten von der Gemeinde als solcher, etwas wissen. Und nun kommt der eigentliche Zweck meiner Arbeit, die sich gegen den Jndifferentismus unserer Glaubensgenossen richtet und dann in dem Satze gipfelt: daß heute eine Judenheit großgezogen wird, die ihre eigene, erhabene Geschichte nicht kennt. Mehrere Seiten sind den Seminarien gewidmet, worin ich Vorschläge mache, daß man den Zöglingen eine tüchtige Ausbildung auch in dem Hebräischen und rabbinischen Wissenschaften geben soll. Hier nur eine Stelle: Die Seminarien suchen ihren Stolz darin, ihren Zöglingen eine wiffenschaftlich-pädagogische Ausbildung zu geben, womit die Ausgetretenen wenig genug anzufangen wissen. Anstatt Pestalozzis und Dkesterwegs Lehren zu memorieren, sollen die Schüler den Text der Thora gründlich durchnehmen, damit sie diese Lehren kennen und nebenbei auch eine „Sidra leinen" lernen. Die Lehren des „Emil" von I. I. Rousseau sind gewiß sehr schön, aber eine Mischna einzuüben, ist doch wohl für einen jüdischen Kultusbeamten praktischer. So wichtig die Mathematik für das Leben sein mag, ein Stückchen Jore dea ist für den heutigen Kultusbeamten, inmitten des Gemeindelebens noch wichtiger. Das ist mein antisemitischer Standpunkt in der Brochüre und ich glaube, daß viele Leser des „Israelit" diese Anschauungen theilen. Auf das Gebiet meiner persönlichen Verhältnisse kann ich dem Schreiber unmöglich folgen, er „verfolgt erröthend meine Spuren", die in der That bis nach meiner altehrwürdigen Hetmathgemeinde Emden (1845) zurückgehen und mich schließlich nach der Vaterstadt meines Großvaters (ein Neffe David Friedländer's) nach Berlin zurückführten. Der Schreiber macht es mir zum Vorwurf, daß ich einst ein „simpler ero»" war. Ich habe nicht gewußt, daß das eine Schande ist und betrachte heute noch die Ausübung der ntyn» als das wichtigste Vertrauensamt, welches die Gemeinde zu vergeben hat. Auch habe ich einmal chemische Experimente mit einer Essenz gemacht, auch diese Thätigkeit ist gerade keine allzugroße Schande. Ferner war ich in der That Redacteur mehrerer Zeitungen und bin heute noch Schriftsteller. Zu einer Zeit, als der Schreiber vielleicht noch nicht geboren, wurde mein Name schon genannt. Die ultramontanen Zeitungen in Süddeutschland wissen von meiner Thätigkeit ein Liedchen zu singen, „man" sprach damals wirklich Tag für Tag von mir und wären alle die Wünsche der frommen Herren der Kurie in Erfüllung gegangen, ich würde wahrlich dem jüdischen Schreiber keinen Stoff zu Schmähungen geben. Ich nenne nur drei Brochüren gegen die damalige antisemitische Bewegung: 1. Handel, Schacher und Wucher, gegen Alban Stolz, Carlsruhe 1873. 2. Judenthum und Patriotismus, Saarlouis 1875, 3. Auflg. 3. Gegen die Verdächtigungen des Judenthums, 1876 u. s. w. Die Aufzählung meiner Werke (circa 30 Bände), Recensionen angesehener Blätter, Dankadressen von Gemeinden und Vereinen, selbst Dankschreiben von gekröntenHäuptern, die ich nie veröffentlicht habe, würden den Raum dieses Blattes überschreiten; man wird es mir nachfühlen, daß ich bei diesem Thema ungern verweile. Ich nenne dem Herrn Schreiber nur noch einige Werke auf dem Gebiete der pädagogischen, liturgischen und homiletischen Literatur, z. B. 'n npio, Agende für Prediger, für den Gottesdienst, für Trauungen u. s. w. lieber alle diese Allotria dachten meine früheren Gemein-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.