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Der Israelit · 1935-09-26 · Heft 39 (26.9.1935) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
76 (1935)
Issue
Heft 39 (26.9.1935)
Date
1935-09-26
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 39 D e r . 1 'S r a e I i t 26. September 1935 Das Lichl der Ewigkeil Von Rabb. Dr. P. Kohn in Ansbach.*) Nach einem alten Wort ist eine Persönlichkeit derjenige, der alles aus einem Punkte.seines Innern gestaltet und alles auf einen Punkt bezieht. Der Großteil der Westjudenheit betrachtete als solchen innersten Mittelpunkt .der Persönlichkeit die Kultur des Humanismus. Dabei mußte es naturgemäß zu .Gegensätzen kommen zwischen dem Judentum und dieser westeuropäischen Kultur, und in diesem Gegensatz liegt der tiefste Urgrund der Bewegung, die man die Reform des Judentums nennt. Da nun ferner, verbunden mit der teilweisen Erfüllung der Emanzipationsbestrebungen, diese Kultur gefällige Lebensform und neue Daseinsaussichten in gewaltigem Umfang bot, konnte die Reform ungeahnte Fortschritte machen. Es war erst Samson Raphael Hirsch V'ST' der den Nachweis versuchtet daß der oben gekennzeichnete Gegensatz nicht notwendig sei, und der, indem er die Thora und ihre Ausstrahlungen zum Mittelpunkt des Persönlichkeitsstrebens wählte, der Orthodoxie die Möglichkeit gab, der Reform auf ihrem ureigensten Gebiet zu begegnen. Allein, diese Kultur des Humanismus jhat recht eigentlich mit der Kriegserklärung 1914 ihr Ende gefunden. Seitdem bemühen sich Menschen und Völker, Denker und Staatsmänner, ein neues Ziel und einen neuen Inhalt der Menschenkultur zu schaffen. In diesen Kampf hineingerissen ist "die jüdische Seele. Sie sieht sich neuen Kulturidealen gegenübergestellt, zu denen sie den Weg nicht gefunden hat oder nicht finden kann. So ist die Persönlichkeit ins Wanken geraten, und es hat ein Suchen begonnen, eine Sehnsucht ist wach geworden. Bei Vielen hat sich der Wunsch nach Heimkehr eingestellt, aber es ergaben sich dabei neue Zweifel, wohin diese Heimkehr führt. Viele sehen sich auf dem Gipfel ihrer Wünsche, wenn sie die. Rückkehr vollziehen in das Land, das einst Schauplatz der jüdischen Geschichte war und glauben, dort mit ihren, unzulänglichen Mitteln eine „Jüdische Kultur" geschaffen zu haben. Auch die Söhne und Töchter orthodoxer Eltern glauben, am Scheidewege zu. stehen. Und dies ist nur ein schlichter Beweis dafür, daß die Thora und ihre Ausstrahlungen ihnen nicht der Persönlichkeitsmittelpunkt geworden ist, vielleicht auch: niemals. war. Esunterliegt nun keinem Zweifel, daß die Orthodoxie weder Grund' noch Recht hat, all diesen suchenden Seelen gegenüber, für die' sie nach dem höchsten Sinn der Gegenseitigkeit vor der jüdischen. Geschichte und vor dem eigenen, an der Religion geschärften Gewissen, die Verantwortung trägt, untätig beiseite zu stehen. Nichts liegt aber näher, als daß man in einer innerlich' haltlös gewordenen Zeit, die sich nach einer, neuen geistigen. Führung .sejint, jenen Weg aufs, neue einzuschlagen sucht, den die älteste jüdische Ueberlieferüng (7? Kabbala).,.aufzeigt/ den-Weg, der von der.,Enge einer rein verstandesmäßigen' Erfassung 'sowohl des allgemeinmenschlichen . wie des speziHsch-j|idischen Seins in die Weite einer 'Herz "und Verstand umspannenden Erkenntnis führt, die vom ewigen Licht der Offenbarung überstrahlt ist. Es liegen auf diesem Weg köstliche Schätze von unvergänglichem Wert und von unverjährbarer Gültigkeit verborgen, Schätze, die. von mancher Seite in verzerr- 0 <- . ' I . . : ter Gestalt ans . Tageslicht gehoben wurden und die darauf warten, in einer ihrem Geiste völlig gemäßen Darstellung; die Erkenntnis der Wahrheit zu bereichern. *) Im Hermon-Verlage Frankfurt a. - M. erschien dieser Tage das Werk d^w'HK (Licht der Ewigkeit), von Rabb. rDr.: Elie Münk in Ansbach. Tiefschürfend und dennoch in leichtfaßlicher Darstellung sucht uns* das 235 Seiten starke Büch in das Weltbild der jüdischen' Ueberlieferüng einzuführen. Das hier wifeder«-' gegebene Geleitwort von Rabbiner Dr. 'Kohn läßt uns Wesen und Wert der Neuerscheinung erkennen. Hier erh'eht sich nun aber eine ernste Schwierigkeit. Es ist bekannt und hat seine Begründung in der Mischna, daßdie esoterische Lehre, die man als Kabbala - bezeichnet, auch , in iBezug auf ihre Verbreitung — esoterisch bleiben soll. Sie sollte nur aufl odern Wege der mündlichen Verbreitung neue Schüler und Jünger gewinnen Nachmanides unterstreicht diese Forderung doppelt. Seit dem Erscheinen des Sohar wo*gte ein Kampf über die Möglichkeit und über das Wünschenswerte der Weiterverbreitung dieser Lehre Dieser Kampf wird um so bedeutsamer in unserer Zeit, wenigstens in Westeuropa, wo die Kette der Tradenten abgerissen ist. Man fragt sich zunächst, weshalb haben die Adepten dieses Wissens ihre Weisheit schriftlich" niedergelegt? Haben die ersten Schriftsteller der' s'ohäritischen und lurjanischen Kabbala etwa cum grano salis den Vorgang nachgeahmt, welchen RV Jehuda Ha nassi vollzog, als er die Mischna niederschrieb? Oder haben sie damit nur ihren eigenen Schülern einen Leitfaden in die Hand geben'-wollen, öder haben sie an Zeiten gedacht, wie etwa die unsrige? Gewiß war die Sorge, daß gerade in der Zeit der vollendetsten Tradition genau umgrenzt werde, was zu eben dieser Tradition gehörte, ein Hauptmotiv, das R. Mose Kördovero;y/^Yi 'wphl veranlassen konnte, seinen -„Par-des"'' zu schreiben. Nur damit konnte verhütet werden, daß spätere Adepten etwa aus Eigenem manches hinzufügen würden- Vielleicht ist es eines der Hauptziele dieses Buches, nach etwadreieinhalb Jahrhunderten den mannigfach verbauten Weg zur klassischen Quelle des Sohar wieder zu ebnen. - Es bleibt weiterhin zu beachten, daß sich im talmudischen'Schrifttum im engsten Sinne außerordentlich vief Zusammenhänge, mit der >. esoterischen Wissenschaft, finden lassen. Gerade in unserer Zeit, in der das Talmudstudium wenigstens in Bezug auf die Breite einen erfreulichen Aufschwung genommen hat, in der auch der mit. so vielen Problemen erfüllte agadische Teil des Talmud aufs neue durchforscht wird, noch dazu von, Menschen, welche immerhin noch sehr s,tark von rationalistischem Geiste erfüllt sind, ist der Lehrende mehr denn je "gehalten, seinen Schülern auch über diese Partien einen zureichenden Aufschluß zu geben. . In der Erwägung,; die das Für und Wider der . Verbreitung dieser Lehre bedarf, sei nuri endlich' auf die gewichtigen Argumente hingewiesen, die' bereits von R. Josef Vergas V"ST "in seinem „Scho-i mer Emunim" angeführt wurden, sowie auf Responsum Nr. 210 von Chavoth Jair, der allerdings noch in der glücklichen Lage war, auf die Möglichkeit mündlicher Ueberlieferüng zu verweisen. Etwa 150 Jahre später schrieb Rabbi Jacob Emden (Einleitung zu Amude Schamajim, S, II a, zitiert nach editio princeps', Altona 1745): „Nachdem es im Willen des Schöpfers gelegen ist, daß am Ende der Zeiten die Geheimnisse der Thora,und!' des Glaubens offenbar werden, wie diös ja aus all ünsereh Quellen hervorgeht, nun aber''alle Welt in blindem Eifer: die Geheimnisse und Grundlehren aufdeckt'und bearbeitet, wobei: mehr Schaden angerichtet wird als Nutzen, habe ich es als verdienstliches Werk erkannt, den Anstoß von den Wegen meines Volkes hinwegzuräumen und dies alles in klarer Sprache und ansprechender Form den Einsichtigen verständlich zu'machen."'Und auf S. 15b fährt der Verf. fort: „Man ist berechtigt, zu glauben, daß die rechte Zeit'.zur Verbreitung der'wahren G'^eserkerintnis gekommen ist, da so viele höhfere' Einsichten^ sowohl in der Lehre'als auch'in der Schöpfung in'unseren Tagen gewonnen wurden. Wenn ich auch. darijm zuerst geschwankt hatte, ob ich reden* oder lieber schweigen s^lle,' so habe ich mich"; schließlich zu reden entschlossen, sowie Rv -Jochanan ben Sakkai, der sich (in solchen Zwei- ,felsfällen) auf den Schriftvers berief: Gerade sind die Wege G'ttes, Gerechte schreiten auf : ihnen vorwärts, Frevler aber kommen durch sie zu Fall ^(Hosea, 14, 10). Und übrigens habe ich nicht das :Geringste aufgedeckt, was nicht bereits, offen-r bar ist."-; Fassen wir alles zusammen, so ergibt sich etwa folgendes Bild. --■ ■' :■ ■!■!■"' Es ist zunächst zu unterscheiden zwischen Theorie und Praxis der esoterischen Lehre. Letztere setzt selbst nach denen, die ihr ein literärir sehes G.ewand; zu verleihen versucht haben, eine solch umfassende Kenntnis neben einer solch lückenlosen Tradition voraus, daß jeder Versuch, sie etwa durch ein Buch vermitteln zu wollen,- von vornherein problematisch erscheint. Ganz anders verhält es sich mit dem theoretischen Teil. Diese Theorie, nenne man sie Philosophie oder Theosophie, stellt ein geschlossen nes Ganzes dar, von . der Kqsmogonie, angefangen >bis zur Betrachtung des individuellen Schicksales;; ■sie umfaßt alle sichtbaren Erschemungen imd.Geschehnisse der Welt, auch der Welt der Ideen, - die sie weit -mehr'substantiiert,,.als Piato, Wie; aber das gesamte jüdische Schrifttum letzten. Endes, in ..eine Kommentierung der heiligen,Schrift.;münden.muß, so auch die esoterische Lehre. Insofern aber weist das vorliegende-Buch keinen neuen-Vorgang auf. El soll die' Möglichkeit: bieten, tiefer in das Verständnis der Bibel einzudringen. Eine solche Darlegung der esoterischen Lehre an Hand eines ihrer klassischen Quellenwerke-- wird aber geradezu zu einem ünabweislichen, Begürfnis, angesichts der zum großen, Teil unzulänglichen Art, in der die Hauptstücke dieser Literatur in Uebersetzungen oder Abhandlungen dargeböten worden snd. Wehn dazu in erster Reihe der „Pardes Rimonim" des R; Mose Kordovero gewählt' wurde,: so geschah dies deshalb,- jweil dieses Werk, etwa 350, Jahre nach Bekanntwerden des Sohar verfaßt/ einerseits einen• Abschluß der Soharforschungen darstellt und eine - systematische Darstellung der im Sohar selbst zerstreut wiedergegebenen Anschauungen und Lehren gibt. Wenn der Vergleich gestattet ist, so; verhält sich das Buch von R. Mose Kordovero zum Sohar ebenso'/ wie' : etwa des;; Maimonides: Mischne Thora; zum Taljmud. Andererseits aber bildet Pardes Rimonim auch den Ausgangspunkt neuer Spezialf orschungen und --ist'selbst Quellenbueh geworden. » : Bedeutet nun die Eritröllüng dieses Weltbildes einen Rückfall in mittelalterlichen "Mystizismus? Gewiß, diese Betrachtungunterscheidet 'sichn von der Wissenschaft darin, daß sie imiti jaller. wünschenswerten ''Deutlichkeit das ignörabimus unterstreicht. Sie willdem Suchenden, wohl nicht das Finden, sondern den Weg zum nie endenden, wenn auch gleich einer Asymptote verlaufenden Stichen zeigen. Dem aufmerksamen Leser wird es aber-nicht entgehen, daß 'dieses als mystisch vielfach verrufene Weltbild, trotz öder, eben wer gen seiner irrationalen Hältung, der Problematik des Daseins wie der Wirklichkeit des Erlebten gerechter -zu werden versteht als-manch ein wissenschaftlich wohlfuhdiertes '■■ System.-: Daneben jedöchj und' das ist? wohl die; Hauptsache,,-bietet - es-Reffc' genugf um ■-.ein volles Seelenleben aus^ zufüllen, und um die Grundlage eines harmonischen, glücklichen Innenlebens zu schaffen. Es wird die Fabel zerstreut, daß das Judentum, wie man so gern und häufig sagt und hört, eine Gesetzesreligion, ein bloßer Ritualkodex seif und es wird gezeigt, daß altjüdische Weisheit :an keinem Problem des menschlichen Denkens; und)! ^ühlen's'' achtlos vortib'efgegangenist. iUnd^; wird - de?1 grübelnden -Jugend' %i;e' ein« -- Offehb;arum$ seih) mit welche poetischem vReiz das. sogenannte: finstere Mittelalter sein et religiöse ^Pflichterfüllung zu umgeben7 verstand) * man .'wirdin den Mauerritzerr" der Ghettr Frühlingsblüten: entdecken undv?jetfei Innigkeit1; desreligiösen* Innenlebens1 -kennen lernen;1 -die .-'allein' sangesfrohe

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