Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 9 (1868)
- Issue
- Heft 5 (29.1.1868)
- Date
- 1868-01-29
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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80 Feuilleton. Der Gefangene. Eine wahre Geschichte, von dem Helden derselben selbst ausgezeichnet. Mitgetheilt von E. Carmoly. (Fortsetzung.) V. Ein höheres Wesen. Nach dieser Digression über den Ursprung und die Urheber meiner Familie, gehe ich nun zu meiner speciellen Geschichte über. Wie ich bereits im vorigen Kapitel bemerkt habe, war mein Großvater ein angesehener Rabbiner von Prag, dessen Name Abner David Fränkel war. Dieser edle Levite erfreute sich eines ausgezeichneten Sohnes, meines Vaters Rabbi Henoch Fränkel. Angeborne Neigung zum Studium veranlaßte den jungen Henoch, die Rabbinerschule seiner Vaterstadt zu besuchen. Ganz vorzüglich beschäftigte er sich mit talmudischer Dialektik. Um den berühmten Rabbi Lippman Heller zu hören, ging er von Böhmen nach Polen. Ueberall ward er bewundert und sein Scharfsinn setzte die größten Gelehrten in Erstaunen. Doch bald zog er sich durch seine viele Anstrengungen große Schwäche zu. Um seine Gesundheit wieder herzustellen, kehrte er in die Heimath zurück. Neugestärkt, begab er sich nach Wien, wo sein Ruf ihm voranging. Dort stand damals an der Spitze der israelitischen Gemeinde ein Mann, ebenso hochgestellt, als mit vielen Reichthümern versehen, Namens Koppel Nitschel, mit dem Beinamen, der reiche Koppel von Wien. Er war ein Enkel des obengenannten Nitschel aus Prag, der zum Judenthum übergegangen ist und sich in der Hauptstadt niederließ. Sein Enkel, der reiche Koppel, war lange Jahre hindurch der Vorsteher der Wiener und Vertreter der österreichischen Juden. Er hatte eine Tochter, Martha genannt, die Zierde der Wiener Jungfrauen. Henoch gefiel dem glücklichen Vater und er gab ihm sein geliebtes Kind zur Frau. Nun lebte mein ehrwürdiger Vater im Hause seines Schwiegervaters glücklich und vergnügt mehrere Jahre hindurch, bis sein Geschick sich wandte, und er Wien verlusien mußte. Er ging nach Bambprg^, wo er die Rabbinerstelle der dortigen jüdischen Gemeinde übernahm. Mein Vater besaß große Kenntnisse im talmudischen Wisten, aber er war nicht im Staude das Jahr so viel zu erwerben, als er zum Lebensunterhalt bedurfte. Jndeß lebte er doch sehr zufrieden und glücklich. Seine größte Freude fand er im Kreise der Seinigen. Meine Mutter war eine verständige, stille und gottesfürchtige Frau, die Freud' und Leid treulich mit ibm theilte. Sie lebten mit einander in der schönsten Emtracht und Einer suchte dem Andern das Dasein zu erleichtern und angenehm zu machen. Wir waren sechs Zinder, drei Söhne und drei Töchter. Die Letzteren starben schnell nach einander an den Blattern, die viele junge Menschen dahinrafften. Der Verlust meiner Schwestern betrübte die guten Eltern tief. Sie weinten, so oft sie an sie dachten, und das war fast jeden Tag. Aber ihre Betrübniß war ganz eigner, stiller Art. Sie äußerte sich keineswegs durch laute Klagen, sondern durch eine sanfte Wehmuth und stille Thränen. Sie wußten sich jedoch immer bald wieder zu fasten und zu trösten. Oft hörte ich meinen Vater sagen: — „Sei ruhig, meine gute Marthat Die, um die wir trauern, hat ein liebreicher Gott zu sich genommen. Sie sind gut aufgehoben, und ihnen ist wohl!" — Ja wohl, sie sind gut aufgehoben. Der Ewige gibt's, der Ewige nimmts! Hochgelobt sei der Name des Ewigen! Nicht selten sagten sie in sochen Stunden einen Psalm Davids; ihre Thränen trockneten sich; ihr Angesicht wurde wieder ruhig und heiter. Das Alles machte einen tiefen Eindruck auf mein Herz. Es kam mir vor, wie wenn ein unsichtbarer Engel des Trostes meine Eltern umschwebe, und ihnen in Augenblicken des Schmerzes und der Traurigkeit den Kelch des Trostes und der Erquickung reiche. DeS Vaters und der Mutter Gottesfurcht und Frömmigkeit theilte sich auch meinem Gemüthe mit; ich ahnte einen höhern Geist über mir. und fing an, ihn zu achten und zu lieben. Dieses höhere Wesen, Mag gid genannt, erschien mir später im Kerker, stärkte und unterstützte mich, mit Worten des Trostes und der Hoffnung, alle Leiden geduldig zu ertragen, mich ganz in Gottes Willen zu fügen, und einer bessern Welt entgegen zu leben. Die Einwirkung dieses höhern Wesens war groß auf mich, während der Zeit meiner Verhaftung, wie ich weiter erzählen werde; hier ist der Platz von meiner und meiner Brüder Erziehung zu melden. Der Vater that für meine und meiner Brüder Bildung so viel er konnte. Er hielt uns zum fleißigen Besuche der Schule an. Diese Schule, von einem frommen Lehrer aus Polen geleitet, der nach Bamberg kam und dort vom Vorstand der jüdischen Gemeinde als öffentlicher Lehrer angestellt wurde, bestand hauptsächlich im Unterrichte der fünf Bücher Moses, der Mrschna und Gemara, nebst Hebräisch-Schrecken und Lesen. Der Vater sah mit aller Sorgfalt und Strenge darauf, daß wir zu Hause, das, was in der