Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Der Israeli: 17. Oktober 1929 -,dk 2 Nr. 42 Hofer alles Erez Israel. Ein Wort zum Aufbau des alten Jischuw. Was uns der alte Jischuw bedeutet, wie alt er ist, wie ihm der Schweiß und die Tränen der ältesten Generationen gehörten, davon zeugt nicht zuletzt das Sukkausfest mit seinen rvnswin -Gebeten, die für den Boden Tau und Regen, für die Felder Wachstum, für die Zisternen! Wasser, für die Bäume Frucht erflehen, davon zeugt das L2V^-Gebet am Schlußfeste, davon schließlich das mit der Herbstperiode beginnende tägliche „Erwähnung" von „Wind und Regen", etwas später das Gebet um „Tau und Regen". Erez Jisroel ist das Land, auf das Gottes Auge in Liebe gerichtet ist von Anbeginn des Jahres bis zu seinem Ende. Die vier Fruchtarten, die sich zu einem Feststrauße zusammenfinden, sind der sinnvolle Dank für das Wasser und die Frucht, mit denen Gott sein Land gesegnet hat, öffnen unseren Mund und bewegen unsere Hand zum Bittgesang, daß Gotteshut und Gotteshuld dem heiligen Boden weiterhin gesichert bleiben. Es waren nicht allein die Tränen, es war auch der Schweiß der Generationen, der in all den schweren Jahren nach der Zerstörung und Zerstreuung in den heiligen Boden gesenkt wurde, damit die Verbundenheit zwischen Mutter Zion und ihren versprengten Kindern aufrecht erhalten bleibe. Hat einmal ein! prominenter Zionistensührer den Gesetzestreuen das übermütige Wort zugerufen: nawn ra^ rm rnvw 'v und damit den Altfrommen, die den Sturm der religionslosen Zivilisation auf das Land der Sehnsucht nicht mitmachten, das Recht auf friedliche gedeihliche Arbeit im Geiste der Thora absprechen wollen, so sei dem entgegengehalten: „Ihr habt recht. Unsere Arbeit im heiligen Lande hat nicht erst am Rüstetage zum Sabbat begonnen, sondern schon gl eich nach Sabbatausgang, gleich nach der Zerstörung! . . Von Jabne bis Tiberias und Sephoris liegt die glanzvolle Periode, die gewissermaßen als Antwort auf die zerstörende Titusfaust in der Geschichte angesprochen werden kann». Es war dies eine Wiedergutmachung von innen heraus. Rur kurz war die Verbindung unter der Herrschaft von Byzanz unterbrochen, aber Babylon ist nicht weit. Amoraim, Saburäer und Gaonim leben und atmen in der Heimatluft der Mischna, und kaum ist der Weg frei, sind die ersten Chaluzim wieder in Palästina bei der Aufbauarbeit. Rachmanides, Rabbi Obadia aus Bartenora, fpä- ,ter Rabbi Josef Caro, Rabbi Luria, Salomon Alkabez usw. Und die Kette wurde seitdem nicht mehr unterbrochen, bis zum „Schelo", bis zu den Schülern des Wilnaer Gaon, bis zu den Chassidim- Anstediungen, bis zu Rabbi Jacob Emden iwnb Rabbi Jokew Ettling er, bis zur Chaluka und den „Pekidim" in Amsterdam, und von dort bis zur P a l ä st i n a - Z e n t r a l e d e r A g u d a s I i s r o e l. Man hat in all diesen Etappen nicht allein an der Klagemauer geweint und nicht allein in Bet- und Lehrhäuserin! gebetet und das Gesetz studiert (man hat auch dieses reichlich getan), sondern man hat überdies g e a r b e i t e t. Aus Tränen wurden Taten, und die Taten reiften zu Institutionen aus, die heute, als Wahrzeichen der Liebe und *Treue, Me Bewunderung aller genie-, ßen. Ein neuer Jischuw wäre nie gekommen, es hätte ihm jede Grundlage, jeder Ansatz gefehlt, und damit wäre der ganze Zionismus als Idee und Politik in Rauch und Dunst ausgegangen, wenn er nicht im alten Jischuw den von den eisernen Balken der Thora und TraditWn getragenen Unterbau gefunden hätten. Leiden und Prüfungen nahm der alte Jischuw auf sich, gegen die die aufopfernde Arbeit der wegebauende Chaluzim von heute ein Kinderspiel ist. Die modernen Chaluzim bauen Straßen von Tel-Awiw nach Petach Tikwah, die alten Chaluzim haben Straßen in die Ewigkeit aufgerissen, gebaut und gepflastert, mit Händen und Herzen, Wege geebnet von Geschlecht zu Geschlecht, von Erez Jisroel zur Gala. Und wie es in Natur und Leben einmal so ist, daß bei jeder den Organismus anspringenden Kranhkeit das Herz zuerst betroffen wird, so mußte man auch jetzt erleben, daß sich die ganze Schale des Schicksals bei der letzten Katastrophe über den Boden des alte n Jifchuw entlud. Der Morddolch des Arabers machte keinen Unterschied, aber er suchte doch mit Vorliebe die Wehrlosen auf in der Altstadt Jerusalems, in Hebron und in Safed. Zu den V ä t e r gräbern in Hebron lassen uns die arabischen Wächter nicht hin, zu den frischen Gräbern der Söhne werden wir ungehindert pilgern dürfen. Und aus diesen Gräbern wird uns ein Lied über die Lei- BiOX-UlTBA Oie sfarkschäumende Sauerstoff-Zahnpasta wird von vielen Zahnärzten als beste Zahnpasta bezeichnet und selbst benutzt. Kleine Tube 50 Pi, BIOX-MUNDWASSER Flasche 1.— und 2.— Mk. Gegen lockere Zähne. Probe-Flasche gratis. Max Elb A. Q., Dresden; den, Prüfungen! und Opfern, über das taufend^ jährige Märtyriurn des a l t e n I i s ch u.w mit solch hinreißender Wucht erklingen, als säße Jirmijahu auf diesen Gräbern.*)? Es soll, aber hier keine „Jeremiade" angestimmt,- sondern eine ernste Mahnung ausgesprochen werden, erinnert werden an unsere Schuld, die wir dem alten Jischuw nach wie vor, und heute erst recht, abzutragen haben. Der alt e I i s chuw in E r e z Jisroel, der zweitausend Jahre allen Stürmen getrotzt hat, ist i> n Gefahr. Es sind nicht so sehr die blutigen Ereignisse selbst, als die Entwicklung, die die Dinge jetzt nach den Schreckeinstagen nehmen, was den alten Jischuw ernstlich gefährdet. In Amerika, wo enorme Geldmittel für den , Palästinahilfsfonds aufgebracht werden, aber auch in Europa spielt man mit den Gedanken — nach „Haarez" ist es fester Beschluß — einer Zentralisation d es Hilfswerkes, d. h. nach unserer Erfahrung: Die Gelder kommen in die Hand der zionistischen Leitung, die sie für den Aufbau und Wiederaufbau und die Sanierung der Schäden verwendet. Daß die Anstalten des . a l t e n Jischuw d a b e t e rst in zweiter oder d ri11er oder vielleicht g a r n i ch t andre Re i h e kommen, weiß m a n e b e n f a l l s a u s reicher Erfahrung. Dabei weiß alle Welt, welche Opfer grade jetzt die Institute des alten Jischuw stillschweigend- und mit, einer Selbstverständlichkeit, die ein Wort des Selbstruhmes verbietet, auf sich genommen haben. Das S ch a a.r e - Z e d e k - H o s p i t a l ist vom ersten Tage der Unruhen an überfüllt. Die Waisenhäuser, an deren Spitze das D i s k i n s ch e Waisenhaus, haben am ersten Tage ihre Pforten für die verlassenen Pogromkinder, ohne nach Etat zu fragen, geöffnet und noch nicht geschlossen. Die gesetzestreuen Schulen und Chedarim haben sichin Sammelhäuser verwandelt, in denen die kleinen Schutzbefohlenen geistige u n d leibliche Nahrung erhalten. Woher sollen aber die Mittel dafür beschafft werden, wenn die gebefreudigen Spender in Amerika und Europa, von den Ereignissen erschüttert, ihre reichen Spenden einmal und nicht wieder an eine Stelle abführen? Wenn diese Zentralstelle unter Erez Jisroel nur den r.i euenJischuw versteht, und Me alte, aber noch lebende mud — wo andere versagen — mit *) Wir weifen bei dieser Gelegenheit auf einen Hetzer schütte r-nd-en, von Rabbi' Mosche Mordechai ©pffieiJt unterj0rd)Ti«ten Ausruf zum Wiederaufbau der Fef chi w o h zu C h>eb r o u hm, der dieser Tage an die tüdifche O-efsenWchkete evgmgm ist. Über das Wesen van rv?n,> Von Joseph Wohlfahrth Nicht leicht gibt es einen Teil der heiligen Schrift, dessen Zusammenhang schwieriger nachzuweisen, und oemzusolge auch dessen Verständnis weniger durchgedrungen ist. als ninp. Vieles ist daran gedeutelt, vieles hineingelegt, nur wenig herausgedeutet worden, — die Meisten gehen kopfschüttelnd vorüber an den Aussprüchen des königlichen Weisen, zweifelnd an ihrer Echtheit, weil sie sie mit der Weltanschauung des Juden nicht vereinen können. Beleuchtet aber von den Streiflichtern unserer Weisen, tut sich vor unserem Auge eine Welt von Ideen auf,machtvoll, überzeugend, zur Anerkennung widerstandslos zwingend. Die Idee, welche dem Buche zugrunde liegen »oll, läßt schon die Aufschrift durchblicken: rbnp (von i-nx- und zwar bviv nnn im Während das Wort in der Hiphilform „eine Versammlung einberuf e n"heißt, ergibt sich die bp-form als ein Jntransitivum und heißt: „eine Versammlung d a r st e I l e n". Die weibliche Form macht den Begriff zu einem idealen: König 7\Kbv ists, der aus der Seele seines gesammelten Volkes spricht, seines Volkes, das die Länder und die Jahrtausende duxchwandert, — der die Erfahrungen seines Volkes hier niederlegt, Erfahrungen, wie sie nicht der Einzelne, sondern wie sie nur ein Volk durch lange, lantze Zeiten zu machen im Stande, und die er, ein Einzelner zwar, dennoch niederlegt — kraft seines allumfassenden Blickes — um sie, diese Erfahrungen, Gemeingut seines Volkes,- einst Gemeingut der Gesamtmenschheit werden zu lassen. Eine eigentümlich: Luft durchweht diese „Kollektion von Erfahrungen". Statt des Modergeruches, der ihrem Alter nach ihr entströmen müßte, — so modern anheimelnd, so bekannt, so lebensfroh, so lebenssrisch uns anmutend. Ja — wie Schuppen fällt es uns von den Augen — es ist ja ein Stück Gegenwart, das sich unseren Blicken entfaltet. Denn, mit einem Worte: obnp ist die Geistesgeschichte der Menschheit, es ist die fortschreitende Geschichte des geistigen Kulturkampfes der Menschheit bis in unsere Tage und — darüber hinaus! And wie in ihrer naturgemäßen Geistesentwicklung die Menschheit heute — in unseren Tagen — völlig neue Bahnen zu betreten sich anschickt, so ist es eben diese moderne geistige Revolution, welche sich in unserem Jahrhunderte vollzieht, deren Wesen, deren inneren Kern sich rbr\? vorzugsweise erwählt, mit dem Wunsche vielleicht, sein Volk, wenigstens das eine, vor den Konvulsionen dieser modernen Philosophie zu bewahren. Und fürwahr, die modernste unserer modernen Literatur kann wohl keinen Paragraphen aufweisen, dem nicht, in prägnanter Kürze, klar und scharf, in nbnp seine Stätte gegeben ist. Da bewegt sich die ganze Rüstkammer des Materialismus in imposanter Reihenfolge, und .all die Thesen, mit denen die Hackel und Büchner, die Darwin und Feuerbach ihren Katechismus in einen philosophischen Rahmen zu fassen suchten, wir sehen sie mit fabelhafter Genauigkeit dem Munde eines mit dem Zweifel und mit der Erfahrung ringenden Menschen, als welchen nvbr? sich gibt, entströmen. Auf den Geisteswegen, die die zivilisierte Menschheit durch die Jahrtausende hindurch gewandelt, mußte sie schließlich zur materialistischen Lehre gelangen. Die Religionen mußten in den Nihilismus münden, einen anderen Ausweg hatten und haben sie nicht. Noch ist der Atheismus nur in der Entwicklung begriffen, und seine höchste Blüte steht ihm noch bevor. Mit zwingender Notwendigkeit wird er alle Religionen ihrer Herrschaft berauben. Doch, wie er so auf der einen Seite der Schlußpunkt einer sechstausendjährigen Geschichte ist, so wird er auf der anderen Seite der Anfangspunkt einer neuen, gewaltigen Aera sein. Der große, erbittterte Riesenkampf, den schon Joel im Thal Josaphat sich entspinnen und sich vollenden sieht, jener Kamps, an dem die ganze Menschheit, der Schwache wie der Starke, teilnimmt, er ist nichts anderes als der Kampf der Aufklärung gegen die Finsternis, der Kampf der Wahrheit gegen den Irrtum, persönlich gesprochen, der Kamps der verbündeten Völker gegen ihre seitherigen Führer, die ihren Vorteil in der geistigen Knechtung, in der Verdummung der Massen' fanden, — der Kampf der erwachten und erweckten Menschheit gegen ihre Jrrlehrer und Tyrannen. Es ist wohl nicht zu viel gesagt, nicht ein hirnlosem Traumbild, wenn 'wir in dem ausdämmernden Materialismus die leisen Anfänge erblicken, die mit unfehlbarer Sicherheit zu jenem Weltenkriege, zu dem „heiligen Kriege im Thale -Josaphat" führen. Dieser Materialismus, er hat feine innere h istoris ch e Berechtigung. Cr ist das Kind unserer Zeit, die Errungenschaft des 19. Jahrhunderts, das den Völkern die Augen öffnete über die bisher gewandelten — oder besser geführten — Wege, die sie die bisher verehrten Götter und Götzen in ihrem wahren Lichte erkennen und würdigen lehrte. Der Materialismus in seiner Ent-