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Der Israelit · 1934-09-21 · Heft 38-39 (21.9.1934) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 38-39 (21.9.1934)
Date
1934-09-21
Page
– (sequence 20)
Language
German
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Seite 4 Nr. 38/39 Der Israelit 21. September 1934 lebendigen Widernall findet. Das Buch sei allen wärtfistens empfohlen. Intuition und Wahrheitserkenntnis. Von Josef S a nteler. S. J. Innsbruck, Rauch. 1934. Kleinquart. VIII und 107 S. Philosophie und Grenzwissenschaften. Schriftenreihe, herausgegeben vom Innsbrucker Institut für scholastische Philosophie. FI. Band, 1. Heft. ■ Es ist ein an sich begrüßenswertes Unternehmen, die subjektivistische Denkweise zu widerlegen. Meinen und Führwahrhalten sind unsichere Gründe sowohl für die G'ttesanschauung als für die Wissenschaft. Die Santeler'sche Schrift, durch Imprimatur als katholische Lehrmeinung anerkannt, führt einen Nachweis in dieser Richtung und behauptet die Tatsächlichkeit des Denkvorganges nicht bloß gegen die Skeptiker, sondern auch gegen Kant. Bei der Polemik gegen letzteren hätten wir gerne eine Auseinandersetzung des Verfassers mit den klassischen Kant-Kommentatoren von Fichte und Schopenhauer bis zu den Neu-Kantianern gesehen. Auch bei der Frage der angeborenen Urteile vermißt man einen Äusblick auf heutige Psychologen-Philosophie (Jung). Doch liegt das alles etwas abseits der Tendenz Santelers, der wohl in der Hauptsache die Bedeutung der Intuition für die Denkgegenstände der Neu-Scholastik würdigt und auch eine frühere Arbeit (Gosselin) zu diesem Zwecke sichtet. Die Schrift ist jedoch glaubenstreuen Kreisen, soweit philosophisch nicht ungeschult, als willkommener Bundesgenosse im Kampfe gegen subjektivistische Gaukeleien wärmstens zu empfehlen, besonders dem Ende zu. B. Cohen. Das Religiöse in der Menschheit und im Christentum. Von Otto K a r r e r. Freiburg. Herder ' u. Co. G. m. b. H. 1934. 2. Auflage, Klein- Quart. IX u. 264 S. Den größt - denkbaren Gegensatz zum vorigen bildet das Werk Karrers, obgleich ebenfalls mit Imprimatur versehen. Geradezu überraschend ist in diesem Werke die Weite des Herzens und des Blickes. Die Weite des Herzens spricht am besten aus den Worten des Verfassers: „Jeder von uns kennt gewiß in seinem näheren Umkreis eine Anzahl Andersgläubiger, vor deren sittlichem und religiösem Charakter er Achtung hat, Menschen, mit denen wir uns im Tiefsten verbanden fühlen, obgleich sie nicht „in dieselbe Kirche gehen". Was sjollen wir von ihnen denken? Etwa sie ausgeschlossen denken von der Liebe G'ttes? Nur weil sie zufällig in Wittenberg oder Genf oder auch in Mekka oder Benares geboren sind statt in Rom (oder auch umgekehrt in Rom statt in Wittenberg)? Wer von uns wäre imstande, wie noch die Mittelalterlichen infolge ihres beschränkten Horizontes, lediglich die blinkenden Sterne unseres Credos ins Äuge zu fassen und zu sagen: Alle müssen es sehen, allen ist das Evangelium hinreichend verkündigt worden; alle sind vor die entscheidende Glaubensfrage gestellt — die Ja-sagenden gerettet, die Verneinenden, Irrenden, Zweifelnden, Schweigenden, verloren, mögen sie auch im übrigen noch so edle Menschen sein? Wir können es nicht. Und solches verlangt auch nicht der Glaube Und es bleibt nicht bei diesen Worten. Das, was zu G'tt strebt, sucht Karrer aus sämtlichen Religionen der Welt zusammen, um es zu ehren als Ausgeburten rein g'ttlicher Urmenschheitsseele. Daß zum TAaßstab des Reinen ihm die Uebereinstimmung mit seinem Glauben wird und alle Religionen der Völker und Zeiten ihm zu der seinigen hinzustreben scheinen, — wer wollte ihm das verargen! Wir werden an des letzten Propheten Wort: „An jedem Orte wird meinem Namen geopfert!" hier stetig erinnert, — und dennoch verspüren wir hier nichts von jener kritiklosen Indomanie, welche sonst manches religionsvergleichende Werk der Gegenwart dem Leser verleidet. — Doch auch Weite des Blickes spricht aus jeder Seite der Karrer'schen Schrift. Zur Erklärung des Phänomens gleichgerichteter religiöser Strömungen bei verschiedensten Völkern werden außer theologischen auch psychologische (Jung) und philosophisch-kosmogonische (Dacque) Theorien ausgiebig herangezogen und gewürdigt. Auch 0. Elerz, der ja schon katholisch eingestellt war und selbst E. Brunner finden hier Berücksichtigung. Bei so vielen Ausblicken in die Kollektivpsychologie und Völkerkunde nimmt es Wunder, daß die jüdische Lehre hier nur ganz wenig und unzureichend gewürdigt wird. S. 87 befindet sich eine peinliche Bemerkung zur Akeda. Die nachbiblische jüdische Gebetsliteratur ist nicht in Vergleich gestellt. Die biblische Schöpfungsgeschichte wird nach Bittner (125) mit allerlei Konzessionen prinzipiell gerechtfertigt. Der religiöse Nationalismus des Judentums erscheint arg mißverstanden (248), was bei Karrar ganz unnötig wäre. Trotz alledem ein lesenswertes und aufschlußreiches Werk, dem auch in jüdischen Kreisen Leser zu wünschen sind. B. Cohen. Der Götterfeind. Roman von Hans Eschelbach. 1933. Veritas-Verlag. Zu Ehren der deutschen Revolution hat der Verfasser diesen Roman geschrieben, der sich im ganzen dem biblischen Bericht über den Auszug der Juden aus Aegypten anschließt, die Kultur Aegyptens anschaulich schildert und sich in die Persönlichkeit unseres Lehrers Moses liebevoll, wenn auch nicht mit den Augen unserer Ueberlieferung, vertieft. Daß er sich die Motive zu seinem Roman aus unserer Bibel holt, begründet er damit, „daß man in der Not selbst von feindlichen Wachtfeuern Licht holen kann", um „das Bild der Erhebung und Rettung nach dem Bilde eines Urzeitvolkes" erstehen zu lassen, das „gegen seine Unterdrücker kämpfte", „eigene Rechte verteidigte, ohne fremde anzutasten" und „nichts forderte, als da in Freiheit zu leben, wo das Land seiner Väter war". Das Rätsel der Sittlichkeit und seine Lösung. Mit besonderer Berücksichtigung des Sexualproblems (sogenannte Revolution der Jugend). Von Ernst Marcus. München. 1932. Verlag Ernst Reinhardt. 237 S. Brosen. M. 8.50. Zwei Stunden vor seinem am 29. Oktober 1928 erfolgten Tode hat Marcus in seinem Tagebuche angemerkt: „Ich entwerfe eine Ethik. Man mag, wenn sie nicht fertig wird, die Entwürfe (Versuche) herausgeben." Daß dieser Wunsch des Sterbenden seinen Anhängern, zu denen die übrigens nicht genannten Herausgeber doch wohl gehören, ein heiliges Vermächtnis war, das sie in verehrungsvoller Scheu vor dem Verfasser gewissenhaft verwirklicht haben, mag vom ethischen Standpunkt verständlich sein. Rein wissenschaftlich gesehen kann der Wert dieses Buches nur in einzelnen interessanten Aphorismen gefunden werden, wie etwa Seite 28: „Man wirft den Jesuiten den Grundsatz vor: „der Zweck heiligt die Mittel". Aber alle anderen befolgen denselben Grundsatz, nur ohne sich dazu zu bekennen. Die Anarchisten morden, die Antisemiten fordern durch Verleumdung zum Mord auf. Beiden sind ihre Zwecke heilig". Es sind im ganzen aber doch bloße Notizen, die das Buch enthält, aber kein ausgereiftes System der Ethik. Bekennt doch Marcus offen genug (S. 17): „ich leugne nicht, daß ich in der Sexualethik noch ein Suchender bin." Wäre ihm die Abfassung einer Ethik beschieden gewesen, so hätte er sicherlich nicht manches Fehlerhafte, das sich unter diesen Notizen befindet, veröffentlicht, wie z. B. (S. 44): Infolgedessen kennt es (das Sittengesetz) keine Ausnahmen, als welche stets ein verschiedenes Verhalten unter verschiedenen Bedingungen sein würde." Allein eine Ausnahme vom Gesetze fordert vielmehr gerade umgekehrt: verschiedenes Verhalten bei gleichen Bedingungen. Insekalif. Gesammelte Schriften und Reden. Von Benito Mussolini. 1929-1931. Autorisierte. Gesamtausgabe übersetzt von Wilhelm Reich. Zürich. Rascher u. Cie. 348 Seiten. Korporativer Staat. Von Benito Mussolini. Sonderdruck aus Band V]] der Gesammelten Schriften und Reden. Gleicher Uebersetzer und Verlag. 25 Seiten. Doktrin des Fascismus. Von Benito Mussolini. Vorabdrucke aus Band VIII der Gesammelten Schriften und Reden. Gleicher Uebersetzer und Verlag. 39 Seiten. Es ist dieses Organ ohne politische Tendenz. Deshalb erübrigt sich eine grundsätzliche Stellungnahme. Allein wer immer sich in den Zauber einer menschlich großen Persönlichkeit einspinnen läßt, wer in die Gedankenwelt einer neuartigen Staats¬ und Lebensform eindringen, wer, um mit Mussolini selbst zu sprechen, die „Ereignisse wiedererleben" will, dem sei die Lektüre, nein, das Studium dieser Bücher, besonders warm empfohlen. Sehr wertvoll und instruktiv ist der Anhang zu I. von Wilhelm Reich: „Die geistigen Grundlagen des Korporativ-Systems", welcher einen klaren Einblick in dieses System verschafft. Die Uebersetzung ist fließend und geschmackvoll, die Ausstattung der Bedeutung des Werkes entsprechend. Unsere Leser seien noch besonders auf den Abschnitt: Der faschistische Staat und die Religion (III S. 12) aufmerksam gemacht. Schicksalsstunden eines Führers. Sieben Bilder um Theodor Herzl. Von Z. E. Finkeist ein. Wien-Amsterdam. Sacvita-Verlag. Ein Dichter schreibt und erzählt, von einem Dichter. Das ist der Gesamteindruck des ergreifenden Buches. Uns aber hat am mächtigsten erschüttert die Stelle in dem Buche, welche vielleicht den Schlüssel bildet zum vollen Verständnis der Tragik um Theodor Herzl. Es steht Seite 63 und heißt: „Was wußte er von dieser mystischen Verbundenheit der Judenmassen mit ihrem Gott der Heerscharen, der ihnen am Berge Sinai einst Ewigkeit verheißen hatte?" Man erkennt an diesem einen Satze, wie tief der Verfasser schürft. Bildschmuck und sonstige Ausstattung sind entsprechend. Nur schade, daß der Buchbinder ab Seite 80 Unordnung schuf. Seite 81 fehlt ganz. Der Verlag würde zu Dank verpflichten, wenn er für Nachlieferung dieser Seite sorgen würde. Pa'fTPpS Von M. Skrobua. Warschau. Selbstverlag Franciskanska 8. "(24 Seiten). Ein stiller Gelehrter aus Mir versendet dieses Specimen eines nach den Prospekten groß angelegten Versuches. Es ist schwer seinen Intentionen gerecht zu werden. Man folgt seinen Ausführungen, welche, in Malbims Spuren wandelnd, aus den Endkapiteln Daniels Golusendberechnungen zu gewinnen versuchen, mit starkem Interesse. Stellung kann man natürlich erst dann nehmen,, wenn das ganze Werk erschienen ist, wobei man besonders gespannt ist auf einen Brief des Gaon von Wilna. Die Juden in der Zauberei. Von G. D a m m a n. Selbstverlag Berlin. 1933. Berlin-Grunewald. Wißmannstraße 17. Nein, keine Angst, dieses angezeigte Buch fällt, trotz des ominösen Titels, nicht unter die Kategorie der einstmals — wie kurz oder wie lang ist das schon her — so sehr beliebten Abhandlungsserien, da bis zum Ueberdruß die Juden zu allem Möglichen und Unmöglichen,, nur nicht zum Jüdischen, in Beziehung gesetzt wurden. . Dazu ist es viel zu originell. Enthält es doch 40 Lebensbeschreibungen jüdischer Zauberkünstler der letzten Jahrhunderte. Verblüffung. Immer schon gehörten Juden zum fahrenden Volk. (Hier wörtlich, nicht im übertragenen Sinne gemeint). Und wenn sie auch auf allen Gebieten dieser weitverzweigten Kunst (was gibt es da nicht alles: Dompteure, Turnen, Trapez, Jongleure) erkleckliches leisteten — ihre Hauptdomäne, bis zur höchsten Vollendung herausentwickeit, war und blieb die hohe Zauberkunst, das weite Gebiet der Illusion, der Taschenspielerei. Darin wurden sie zu wirklichen und sehr begehrten Spezialisten. Ganz große Erfolge wurden da errungen vor hohen und höchsten Herrschaften, die die jüdischen Zauberkünstler mit größten Ehren überhäuften. Natürlich fehlt bei solchen Berufen, die das Halbdunkel lieben, auch nicht die Kehrseite. Die ebenso großen Schwindler. Bemerkenswert und überraschend hoch ist der Anteil, den Polen und Gaüzien an jüdischen Künstlern stellt. Und wie sehr gerade da Begabung zur Mathematik konform geht mit der Neigung zur Magie. Wer neugierig ist auf diese Welt des Scheins, die ja die meisten lockt, weil sie ihnen unbekannt, den wird dieses Buch nicht enttäuschen. Zumal es auf ganz ernsthaften, gründlichen und gewissenhaften Studien sich aufbaut. Dr. S. Heilbronn, Gailingen. Die Religionssoziologie GeorglSimmels. Von Gerhard Loose. Leipziger Diss. 1933. "Die vorliegende Dissertation Looses ist umso wertvoller, als es sich um eine vollkommen selbständige Arbeit handelt. Da Simmel kein System seiner Religionssoziologie hinterlassen hatte, mußte Loose dessen Anschauungen darüber aus den anderen Werken Simmeis zusammen tragen. Diese fleißige Arbeit ist voll anzuerkennen. Im einzelnen) sollen hier nur die Stellen der Arbeit beleuchtet werden, die sich mit dem Judentum befassen. Auch bei dieser Arbeit ist der Fehler gemacht worden, den G'tt des Judentums in Gegensatz zu dem G'tt des Alls zu stellen, den erst das Christentum der Welt gegeben habe. (S. 39 und S. 41). Von dieser Voraussetzung, die auch Loose nicht beweist, leitet sich dann die ebenfalls auf Seite 41 stehende Behauptung her, daß die Begriffe G'tt-Vater und G'tt-König sich im Judentum auseinander und nacheinander entwickelt hätten. Ein Blick in das jüdische Gebetbuch hätte Loose eines besseren belehren können. Daß sich ihm die Ethik des Judentums nur als eine Summe von Verboten darstellt, (S. 54) ist nach dem bereits Gesagten lediglich ein Beweis mehr dafür, daß sich der Verfasser ganz einseitig über das Judentum unterrichtet hat. Schärfste Zurückweisung verdient Anmerkung 18 (S. 31), wo mit Simmel behauptet und ausgeführt wird, daß das Interesse der Juden für das Geld von ihrem Monotheismus herrühre, da das Geld die Einheit in der Wirtschaft darstelle. Abgesehen davon, daß es falsch ist, die Juden, und besonders die des Altertums, als ein Geld- und Handelsvolk schlechthin zu bezeichnen, bleibt es unerfindlich, was der Monotheismus der Religion mit der Wirtschaft zu tun hat. Eine derartige Behauptung wie diese von Simmel und Loose vertretene isteine gron maferfälistlsche Anschauung. Aber, von diesen beanstandeten Stellen abgesehen, hat sich Loose das unbestreitbare Verdienst erworben, die Religionssoziologie Simmeis als erster in eine übersichtdehe, zusammenhängende Darstellung gebracht zu haben. Dafür gebührt ihm Dank. A.

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