Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 30 (1889)
- Issue
- Heft 3 (10.1.1889)
- Date
- 1889-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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39 jüdische Gesetzestreue verbannt die Blumen von den Gräbern der Tobten: so mögen denn die folgenden, aus der Fülle zeitgenössischer Zeugnisse herausgehobenen Sätze den Jmmortellenstrauß bilden, den wir an dem frischen Hügel des Gestorbenen niederlegen wollen. — Nachdem der einstige Kaufmannslehrling zu den Füßen des Chacham in Hamburg und R. Jakob Ettlinger in Mannheim gesessen, um aus dem Borne ihrer Weisheit mit vollen Zügen seinen Durst zu löschen, bezog der Einundzwanzigjährige die Universität Bonn, jwo er bald ein vertrauter Freund feines später größten Gegners Abraham Geiger wurde. Hören wir, was dieser in seinem Tagebuche über Hirsch schreibt: Samson Raphael Hirsch hat großen Einfluß auf mich. Eines Abends, als wir gemeinschaftlich nach der Vorlesung nach Hause gingen, sprachen wir von Göthes „Wahrheit und Dichtung", die ich damals las, erzählten uns gegenseitig von unseren Umständen, beklagten beide das Alleinstehen jüdischer Theologen und kamen überein, einen Rednerverein zu gründen. Hirsch hielt die erste Rede und ich recensirte sie. Wir hatten einen sehr langen Streit, in welchem ich seine außerordentliche Beredtsamkeit, seinen Scharfsinn, sein klares und schnelles Erfassen kennen und bewundern lernte... Ich achtete seine vorzüglichen Geistesgaben, seine strengeTugend und liebte sein gutes Herz." (Nachgelassene Schriften, 5. Band, S. 18.) Im Alter von 22 Jahren wurde Hirsch 1830 Landrabbiner von Oldenburg, wo er Glänzendes schuf, und sechs Jahre später erschienen, seine Unsterblichkeit sichernd^, die „Neunzehn Briefe". Es war der Erlöfungsruf der Gesetzestreue, die jüdische Welt lauschte, und der ehemalige Commilitone Abraham Geiger schreibt in der sehr ausführlichen Besprechung jenes Werkes: „Könnten wir uns auf diesen Standpunkt erheben; würden wir einen Augenblick anstehen, nnsern Verfasser — anbetend die Allmacht, die in Gerechtigkeit und Milde waltende Vorsehung, tief ergriffen von der Güte, die dem Menschen ein so hohes Bewußtsein und so erhabenes Streben in die Brust gesenkt — als dem Führer auf dem schönen Wege aufwärts, vertrauungsvoll die Hand darzureichen? Dazu trieb es uns, als wir die erhabene, kräftige Persönlichkeit, die, durchglüht von einer tiefen Ueberzeugung, nichts Schöneres kennt , als diese Ueberzeugung mitzutheilen, die, in warmer Religiosität und Sittlichkeit, den tiefgefühlten Schmerz über so manche Entartung ansspricht, mit voller Ehrerbietung begrüßten. Und wenn wir so nach der Ferne hin freudig die Hand reichten, um sie dem edeln, hochgeachteten Manne zu drücken, so fühlten jwir uns auch zugeich so freundlich hingezogen, wir erkannten in einem jeden Zuge, in der Klarheit und Schärfe, in dem glühenden Eifer, in der liebevollen Beurtheilung, in der selbstständigen Kraft, in der Bangigkeit, seiner Sache etwas zu vergeben, wie in dem Siege über die Bangigkeit, in diesen hohen unschätzbaren Vorzügen des Geistes wie des Herzens, sowie freilich auch in den bemerkbaren Schwächen der Richtung, gegen die wir das Auge nicht verschließen konnten — wir erkannten in Allem sogleich einen hochgeachteten, lieben Freund, der seit der ersten Zeit, da unser Blick sein Inneres traf, unsere ganze Verehrung und Freundschaft gewonnen und dieselbe stets erhalten wird. — Wer möchte wohl da noch finster blicken, wenn mich ein Schmerz durchzuckte über die Verschiedenheit der Richtungen, die nun nicht bloß die allgemeinen Verhältnisse zerreißt, sondern auch innig persönliche Berührungen? Wer wird es mir verargen, wenn ich diesen Schmerz hier ausspreche, bevor ich ihn als überwunden zeige?" (Zeitschrift für jüdische Theologie 2. Band. 1836. Seite 351.) 1838 erschien der „C Horeb", der auch Entgegnungen, so von Fasset und dem Studenten Steinschneider unter dem Pseudonym Charwauno hervorrief, im nächsten Jahre begann seine schriftstellerische polemische Wirksamkeit (Erste Mittheilungen aus Naphtalis Briefwechsel), und 1841 ward er einstimmig zum Landrabbiner der Landdrosteibezirke Aurich und Osnabrück mit dem Sitz in Emden gewählt. Fünf Jahre hat er dort gewirkt, Jahre gesegneter Thätigkeit. Da ward der kaum Vierzigjährige für das berühmte mährische Landrabbinat auserseüen. Eine heillose religiöse Verwirrung herrschte in Mähren, der deutsche Rabbiner schien allein Rettung bringen zu können. Am 30. Dezember 1846 wählten ihn die sechs mährischen Rabbiner einstimmig „primo loco“. Die offizielle Begründung des einen Wählers, Joachim Pollak, lautet im Auszuge: krüno loco schlage ich den Herrn Raphael Samson Hirsch, Landesrabbiner zu Emden in Östfriesland, als Lokalrabbiner zu Nikolsburg vor und zwar aus folgenden Gründen: 1) Ist er nicht nur mir als frommer, sehr gelehrter, tugendhafter Mann anempsohlen worden, sondern hat derselbe auch vorzüglich durch seine höchst gelehrten und gediegenen Werke in der jüdischen Theologie seine fromme Tendenz sowohl, als auch seine ausgebreitete talmudische Gelehrsamkeit und wissenschaftliche Bildung öffentlich bekundet, so daß er hierdurch fast in der ganzen europäischen Judenheit eine Berühmtheit geworden ist. 2) Ist derselbe zugleich wegen seines biederen Charakters, rechtschaffenen und tugendhaften Lebenswandels nicht minder renommirt, und hat er dieses Alles durch die seinem diesfälligen Gesuche beigelegten Zeugnisse zur Genüge bewährt, wie auch hat derselbe seit 16 Jahren bereits zwei Landrabbinate bestens verwaltet. 3) Ist nicht nur die ansehnlichste und größte Gemeinde zu Nikolsburg, sondern auch der größte Theil, fast die ganze Gcsammtheit der mährisch-schlesischen Judenschaft für ihn sehr gut gestimmt und wünschen sie alle seine Anstellung sehnsuchtsvoll, so daß man mit Recht erwarten kann, daß sie ihm auch künftig die einem Landrabbiner zu seinem Wirken so nöthige Hochachtung und Ehrerbietung bezeigen werden. (Orient, 1847, Nr. 3.) Nun ist es überaus interessant, aus den sich drängenden Correspondenzen über Hirsch den Schmerz der Emdener und den Jubel in Mähren zu erkennen. Wir stellen einige Stimmen zusammen. Brünn, 30. Dezember 1846. Hirsch möge sobald als nur immer möglich in unsere Mitte treten, wir werden ihn mit offenem freudigem Herzen begrüßen, noch nie ward einem Landrabbiner mit solcher Freude unb Sehnsucht entgegengefehen.