Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 39 (1898)
- Issue
- Heft 87 (3.11.1898)
- Date
- 1898-11-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2448857-2448937--47049-2497386- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
2£3C3LIX. Jahrgang. Erste Beilage M M 87 i>es Jbrmttt“, Leitender Artikel. Die Del- -es Juörnttfains in Gnrrnßen nnü ein U-rflhins jnt A-HList. Von Rabbiner Dr. Ma^ Beermann-Insterburg. Zu denjenigen Distrikten in Deutschland, wo das jüdische Leben am meisten von seiner alten Innigkeit verloren hat, und eisige Gleichgültigkeit bei vielen Juden nur noch rein äußere Beziehungen zur Glaubens- und Stammesgemeinde erkennen läßt, gehört unzweiselhast die Provinz Ostpreußen. Das ist — wenn man die Sache geschichtlich betrachtet sehr wohl begreiflich. Hier ist die Geburtsftätte der altpreußischen Demokratie, hier fand der aufklärerische Liberalismus seine ersten Wortführer, und hier ist auch die Heimath der ersten Reformhelden in Israel. In Königsberg wurde David Friedländer geboren. Und der unheilvolle Geist der Nachahmungssucht und (5'ntnationalisirung, der das Judenthum zu einer bequemen Religion der Tagesmode, zu einem sashionablen Kirchenbekenntniß umgestalten und verflüchtigen wollte, feierte hier Erfolge über Erfolge. Ohne Uebertreibung wage ich die kühne Behauptung, daß es in ganz Ostpreußen nicht 50 eingeborene jüdische Familien — wohl gemerkt! eingeborne, von dem russisch polnischen Zuzug ist naturgemäß abzusehen, giebt, die in Leben und Sitte dem überlieferten Judenthum treugeblieben sind. Die Signatur der jüdischen Lebensführung läßt sich treffend auf die kurze Formel bringen: In Ostpreußen ist die imposante Majorität aller Deutschen jüdischer Abstammung nur dreimal im Jahre, resp. ernmal (am Versöhnungstage) Juden. In grandioser Vollendung ist das Werk der Assimilation hier vollbracht. Im Laufe des Jahres merkt man diesen Eintagsjuden ihr Judenthum höchstens an der Nase an. Ohne jede Kenntniß der jüdischen Lehre und Volksgeschichte, ohne Liebe und Anhänglichkeit an die sinnigen Formen des Glaubens sind die Eltern; wie soll ihnen da das Bewußtsein aufdämmern, die Kinder in der Religion Israels, die ihnen selber aus Herz und Leben entschwunden, erfolgreich unterweisen zu lasten? Daher lassen denn auch thatsächlich viele Eltern ihre Kinder ohne jedweden Religionsunterricht auswachsen, und die, welche dem heilsamen Zwange des obligatorischen zwei-Stunden-Religionsunterrichtes nachgeben, sorgen schon durch ihre Gleichgültigkeit, ja oft Feindseligkeit gegen einen Lehrgegenstand, von dessen Wichtigkeit sie nicht im entferntesten durchdrungen sind, daß ihre Kinder nicht allzuviel „jüdisch lernen." Sie sollen ja keine „Rabbiner" werden, wozu daher „fließend" Hebräisch lesen? Wie dieser zwesiStunden-Religionsunterricht in den größeren Gemeinden unserer Provinz gehandhabt wird, welche Lehrziele ins Auge gefaßt und welche Methode eingeschlagen wurde, darauf müßte die Antwort eine wahrhaft beschämende und vernichtende sein, wollte man sie auf Grund der Erfahrungen geben, die man bei Jüngeren und Aelteren macht, die diesen Unterricht genossen haben. Lassen wir die Frage lieber offen und vergegenwärtigen wir uns, wohin die Schlaffheit und Lauheit gegen das Judenthum in Synagoge, Schule und Haus hier in Ostpreußen geführt hat. Lesen wir die Statistiken der Judentaufen, wie sie seit Jahren von den Gesellschaften zur Bekehrung der Juden veröffentlicht werden, und prüfen wir die angeführten Fälle auf die Heimath der deutschen Juden, die zur evangelischen Kirche überzetreten, wir machen da die interessante, aber schmerzliche Wahrnehmung, daß Ostpreußen pro ratione das größte Coutingent gestellt hat. Zur Enijudung, zur systematischen Auflösung des Judenthums führt der Weg, der hier betreten ward. Da helfe, wer seinem Gott und seinem jüdischen Volk treu ist! Was ist zu thun? Zunächst ist der Religionsunterricht — da langsam aber stetig fortzuschreiten ist — an den höheren Lehranstalten von zwei auf vier, mindestens drei Stunden zu vermehren und so auszugestalten, daß nach Touffaint-Langenscheidtscher Methode von Sexta bis Quarta an, Siddur (eine Stunde wöchentlich) und Pentateuch (eine Stunde wöchentlich), die hebräische Sprache in ihrem Bau und Vokabelnschatz eingeübt, und in der Oberstufe (Tertia-Prima) durch Lektüre der hebräischen Bibel die Kenntniß der Sprache vertieft und die Fähigkeit in der schnellen und leichten Erfassung des hebräischen Textes gesteigert wird. Biblische Geschichte mit jüdischreligiöser Ausdeutung in der Unterstufe; jüdische Geschichte in biographischen Bildern wöchentlich eine Stunde in der Oberstufe.' Der Siddur ist als Grundlage auch für liturgische Unterweisung zu benutzen und die üblichen Synagogenmelodien sind behufs Gründung eines Gemeinoechors mit den Schülern nach der Durchnahme der betreffenden Gebete einzuüben. Es ist unglaublich, wie verwahrlost selbst in größeren Gemeinden hier die äußere Form des Gottesdienstes ist. Statt thörichier Reform sollte