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Der Israelit · 1932-01-21 · Heft 4 (21.1.1932) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
73 (1932)
Issue
Heft 4 (21.1.1932)
Date
1932-01-21
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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21. Januar 1932 Der Israelit Nr. 4 Seite 3 Wochenrundschau. Hornk In Rumänien. Es sieht schlimm aus um den Judenpunkt in den Ländern hinter Wien. Etwas weniger Hetze, etwas weniger Literatur, etwas weniger Ideologie als bei uns. Dafür aber um so mehr Antisemitismus der Tat. Man lockt Juden über die Grenze und schießt sie zusammen wie die Spatzen, plündert sie nach dem alten Rezept n«n» cm nnm aus und teilt die Beute. Die öffentliche Meinung kommt ein wenig aus dem Gleichgewicht. Jüdische Parlamentarier intervenieren, Minister holen Berichte ein, und hinterher kommt das hohe Gericht und spricht die Massenmörder frei. So geschehen zuerst 'in der T s ch e ch o s l o w a k e i. Die siebenfache Mordtat des trefflichen Herrn Horak —der Name klingt fast symbolisch: jnin —, liegt zwar zehn Jahre zurück. Die Richter aber, die ihn, einmal und n o ch e i n m a l e n dgültig, freigesprochen haben, sind von heute, Richter der neuen tschechoslowakischen Republik, die auf Kindergeschwätz und Altweibergeklatsch über Ritualinordprozesse mit der ernsten Miene richtiger Rechtshüter verhandeln, in der Republik, die einen Philosophen, Pazifisten und Menschenfreund an der Spitze hat. Der tschechische Fall Horak machte rasch Schule in Rumänien. In S o r o c a hat man, wie schon gemeldet, erst dieser Tage sechs junge Juden unter dem Vorwände, ihnen Arbeitsstellen zu verschaffen, über die beßarabisch-rumanische Grenze gelockt, fünf junge Männer und ein junges Mädchen. Und wie man sie auf rumänischem Boden in Sicherheit hatte, trat die bereitstehende Gendarmerie in Funktion und schoß sie alle über den Haufen. Eines der Opfer, Samuel T z i ch in o w s k i, lebte noch lange genug, um genaue Angaben zu machen und den Vorgang in allen Einzelheiten zu schildern. Es steht danach fest, daß die Hüter der rumänischen Grenze die Juden nicht auf der Flucht erschossen haben, sondern daß dieser sechsfache Mord von der Gendarmerie mit Hilfe ihrer Henkersknechte in allen Teilen vorbereitet war. Das Elend unter den jüdischen Massen jenseits der beßarabischen Grenze ist groß. Auch die politische Not bekommen sie dort im Bereiche der Sowjets doppelt zu spüren. Arbeit, Verdienst, Aussicht auf menschenwürdiges Dasein, diesen Lockrufen der im Dienste der Gendarmerie stehenden Schmuggler konnten die jungen Menschen nicht wiederstehen. Sie gingen in schwellender Hoffnung über den Grenzgraben, und direkt in den Flintenlauf der Hüter der rumänischen Grenze. Alle hatten sie Brustschüsse, nicht den typischen Rückenschuß des Flüchtenden. Was wird jetzt geschehen? Es wird viel protestiert und interveniert. König K a r o l hat sich über den Fall berichten lassen. Man hat Grund anzunehmen, daß der König die blutige Schmach von Soroca als solche empfindet. Aber im Lande herrschen nicht königliche Huld und Einsicht, C u z a und seine Getreuen herrschen, der gleiche Cuza, dem — ein unversöhnlicher Deutschenfresser — direkte Beziehungen zu Hitler nachgewiesen werden konnten. I o r g a, der derzeitige Regierungschef, hat nicht den Willen, ganz gewiß aber nicht die Macht, dem Cuzismus im Lande wirksam entgegenzusteuern. Die Aufregung im Lande ist zur Zeit groß. Und wenn sich diese gelegt hat, wird ein Gericht zusammentreten — und die Tat der sechsfachen Mörder durch einen Freispruch sanktionieren. Warum sollte auch Rumänien hinter der Tschechoslowakei Zurückbleiben? Jubiläum eines Tolerunzedikles. Dieser Tage waren 150 Jahre verflossen, seit-j dem Kaiser Joseph n. sein bekanntes T o - l e r a n z e d i k t zur Regelung der Rechtsverhältnisse der österreichischen Juden erlassen hatte. Die „Union deutschösterreichischer Juden" in Wien machte den Gedenktag zum Anlaß einer Festv e r a n st a l t u n g , an der hochstehende Persönlichkeiten auch der nichtjüdischen Gesellschaft in Wien teilnahmen, u. a. der frühere Bundespräsident, Dr. H a i n i s ch , und Vertreter von Ministerien und Staatsbehörden. In einer Zeit und einem Lande, durch die der Gleichschritt der Heimwehren dröhnt, immerhin bemerkenswert! Ueber das Toleranzedikt, das damals mählich und vorsichtig einen Spalt in den Ghettomauern nach der Welt aufmachte, seine Wandlungen und Auswirkungen, hätte der jüdische Historiker heute mancherlei zu sagen, was in den offiziellen und offiziösen Festreden und Begrüßungen nicht gesagt wurde und auch nicht gesagt werden konnte. In den Annalen der jüdischen Geschichte wird heißer Dank dem aufgeklärten Monarchen votiert bleiben, der die Juden seines Landes aus der Zwangsjacke verzwickter Sondergesetze befreite und ihnen durch Erteilung freien Wohnsitzes und der Erlaubnis zur ausgedehnten gewerblichen Betätigung das Leben erleichterte. Die Gleichberechtigung angebahnt zu haben, war fein Verdienst. Aber die Befreiung begann auf k u l t u r e l - le m Gebiet: mit dem Gesetze über die modernen jüdischen Schulen, das, von den einen wie eine Messiasbotschaft bejubelt, von den andern als Verhängnis empfunden, einen regelrechten Kulturkampf im Judentum weit über die Kronlande der Habsburger hinaus auslöste. Der Berliner Kreis verspürte Oberwasser, es wurde ihm von der Vorsehung das schärfste Instrument im Kampfe für die Aufklärung in die Hand gespielt. Die Parole hieß: Moderne Schulen! Hinaus aus dem Cheder, hinaus aus dem Ghetto! Ihrer einer, und gewiß nicht der schlechteste, Hartwig Wessely, erließ sein bekanntes Sendschreiben ■»•m naxi an die Judenheit Prags, die unter Führung ihres Oberrabbiners Landau sich dem neuen Bildungseinbruch in das jüdisch-geistige Leben mit aller Kraft entgegensternmte. In Deutschland ging es ganz gewiß nicht uni das bißchen Profanunterricht, dem die „Stockorthodoxen" in Berlin, Frankfurt, Hamburg und Königsberg ihre Kinder^ ohne viel Aufhebens, auch ohne kaiserliches Edikt und ohne Empfehlung der Mendelssohnapostel längst zuführten. Die Art, wie die Bildungsemissäre hier vorgingen, mußte aber all die guten Geister im Judentum mobil machen. Man sprach nicht von. dem soziale n Wert und Nutzen der allgemeinen Bildung für das Leben, den keiner mehr bestritt, sondern man stellte die kulturelle Bedeutung der modernen Schule in den Vordergrund. Sie hätte die Aufgabe, „aus Enge, Kleinheit, Unbildung, Schmutz und Fanatismus" zu erlösen. In einer Frankfurter Eingabe der „Aufgeklärten" an die Regierung heißt es, die moderne Schule fei notwendig, um „das sittliche Niveau und die Moralität in der jüdischen Gemeinschaft zu heben." Daß man solche Verleumdungen nicht still hinnehmen konnte, daß man solche auf das Ganze hinausgehenden Methoden mit der ganzen Glut des Herzens und der ganzen Kraft des Glaubens, der uns durch die Jahrtausende rein und gesund erhalten hat, bekämpfen mußte, war keine Frage. Es war eine mxa nanVazu der sich die Besten fanden. Es dauerte ein gutes halbes Jahrhundert bis der geniale Mann kam, der die moderne Schule nicht gegen, sondern m i t t e n i in I u -- d e n t u m und für dasse lb e errichtete und zu errichten lehrte. Dieser kurze historische Rückblick ist nötig in einer Zeit, da die jüdische Schule einen schweren nämlich mit einem eisernen Messer zu erfüllen. Dieses Zuwarten jedoch erwies sich als verhängnisvoller Irrtum, und als ihn dafür der Allgerechte, der die ihm Nächsten am strengsten heimsucht, mit schwerer Lebensgefahr strafte, erkannte Zippora, daß eine Mizwa zur rechten Zeit das wichtigere sei und nahm, um die Gefahr herabzumildern, ein Felsstück zu sofortigem Vollzug der Mila. Auch hiernach hält Ch. Sofer die soeben erwähnte alte Streitfrage für unentschieden. Denn die Mila nimmt durch ihre von der Thora so oft hervorgehobene Festlegung auf den achten Lebenstag eine Sonderstellung ein: bei anderen Mizwoth mag die rechtzeitige Festlegung der vorzüglichen Ausübung, das „bismanno" dem „mubchar" an Wichtigkeit überlegen fein. kleines Feuilleton. Die Juden in der kommunistischen Partei Rußlands. In den „JWO-Blättern" veröffentlicht das Mitglied der Sektion für Wirtschaft und Statistik des Jiddischen Wissenschaftlichen Instituts Dr. N. G e r g e l - Berlin eine sehr aufschlußreiche Abhandlung über den Anteil der Juden an der russischen Kommunistischen Partei. Im Januar 1927 wurden in Rußland insgesamt 45.432 Juden-Kommunisten gezählt, die 4,3 Proz. der Gesamtzahl der Mitgliedschaft der kommunistischer^Partei Rußlands repräsentieren. Der Anteil der JudenNn der Kommunistischen Partei ist somit 2,4 mal höher als der der jüdischen Bevölkerung an der Gesamtbevölkerung, der nur 1,8 Proz. ausmacht. Auch bei den anderen nationalen Minoritäten Rußlands, wie Letten, Polen, Litauern, ist der Anteil an der Partei höher als der in der Bevölkerung. Nur auf die städtische Bevölkerung bezogen, ergibt sich, daß bei den Juden 225 Kommunisten auf 10.000 Seelen der jüdischen städtischen Bevölkerung fallen, während bei den Nichtjuden die Zahl der auf 10.000 der Stadtbevölkerung entfallenden Kommunisten 324 ist. Das nationale Merkmal übt aber einen nur geringen Einfluß auf den Anteil an der kommunistischen Bewegung aus, eine viel bedeutendere Rolle spielt die soziale Struktur der Bevölkerung. Die Mitglieder der russischen Kommunistischen Partei rekrutieren sich hauptsächlich aus den Reihen des Proletariats, der Arbeiter und Angestellten. Der Anteil der Juden an der Kommunistischen Partei ist gleich ihrem Anteil an dem Proletariatnn der Partei machen die Juden 4,27 Proz., unter den Arbeitern und Angestellten 4,25 Proz. aus. Auch in den einzelnen territorialen Republiken der Sowjet- Union tritt dieselbe Tatsache in Erscheinung: in der Ukraine ist der Prozentsatz der Juden in der Partei, sowie unter den proletarischen Elementen, gleich 12,1 in Weißrußland 23,8 in der Partei und 23,0 unter den Arbeitern und Angestellten. Dasselbe Verhältnis ergibt sich auch für Ukrainer, Weißrussen, Polen. Die größte Zahl der Juden-Kommunisten fällt auf die Ukraine: 20,306, die 44,8 Proz. der Gesamtzahl der jüdischen Kommunisten darstellen, dann folgen Zentral-Rußland mit 17,037 (39,4 Proz.) und Weißrußland mit 6,012 (13,2 Proz.) Juden-Kommunisten. Von 1927 bis 1930 ist die Zahl der jüdischen Kommunisten um etwa 53 Proz. gestiegen, so daß zurzeit die Gesamtzahl der Juden-Kommunisten in Rußland mit ca. 76.000 anzunehmen ist. Das Wachstum der jüdischen kommunistischen Mitgliedschaft gestaltet sich folgendermaßen: 1922 19.562 (5, 2Proz.) der Kommunistenzahl überhaupt, 1927 — 45.432 (4.3 Proz.) 1930 — 76.000 (3,8 Proz.). Absolut ist somit die Zahl der jüdischen Kommunisten von 1922 bis 1930 fast um das vierfache gestiegen, relativ aber ist deren Anteil an der Gesamtzahl der Parteimitgliedschaft fortlaufend gesunken. Außer den angegebenen jüdischen Mitgliedern der Konnnunistischen Partei wurden noch i. I. 1929 insgesamt 98.323 jüdische Mitglieder des Kommunistischen Jugendverbandes, sog. Konjugisten, gezählt, die 4,1 Proz. der Gesamtzahl der Jungkommunisten repräsentieren. Auch die Zahl der jüdischen Jungkommunisten ist absolut gestiegen, relativ gefallen: 1925 waren es 46.941 jüdische Jungkommunisten (4,6 Proz. der Gesamtzahl), 1927.— 86,126 (4,4 Proz), 1929 — 98.323 (4,1 Proz.). Wochenkalender. vom 23. - 30. Jan. 1932 v om 15. - 22. Echebat 5692! - 1“ »ftl» t]T m’P mr nbvd Samstag 23 15 & ipy npnn Sonntag 24 16 ib Montag San: 25 17 lb Dienstag 26 18 Mittwoch 27 19 7b Donnerstag 28 20 nb Freitag 29 21 vb Samstag 30 22 * •nir Kaufmann, in Sprendlingen (Kr. Offenbar des Israelit und Hermon G. m. b. %„ Frankfurt < tzermon-Druckeret, Frankfurt a. M. aae: Lehrer ch). - »erlag

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