Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 6 (1865)
- Issue
- Heft 40-41 (4.10.1865)
- Date
- 1865-10-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2446951-2447193-2447233--03737-2459154- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
590 Hörern und endlich nicht mit seiner Einstimmung, sondern gegen seinen Willen geschehen sein soll. — Nun dies ungefähr sind die „Ordnungen" des eulaut terrilrle der Synagoge. Insofern es nun aber neben den himmelstürmerischen Titanen auch zahmere, verträglichere, rücksichtsvollere Erdensöhne geben muß, so kann es auch auf diesem Gebiete nicht anders sein. Die Parteigänger dieser Richtung sind die geschworensten Feinde des Alarmirens, desto größere Freunde aber vom Pariren, Laviren, Calmiren, Pactiren rc. Sie sind mehr Freunde des 2"pi als des .22LP nennen nicht immer die Sache kurz und bündig beim rechten Namen, destomehr aber erscheinen sie so recht nett, zierlich und manierlich, improvisiren wohl mitunter auch einen Pathos aber mehr, wie Cicero (nach der einen Lesart, unterstützt von rZsusea äs!ra II. 14) äs oLLsüs lib. I. Cap 38 sagt, um erzürnt zu scheinen, als es zu sein. Das zweite Büblein obigen Zwillingspaares gehört hierzu. Sehr versöhnlich und verträglich, lammfromm, höchst conoentionell, taskiouai-ls, haßt er nichts wie die Aufregung, vergöttert nichts wie den Anstand. Nur immer fein umgänglich und anständig. Nennt sich und seine Synagogenordnung conseroativ (miterhalten); ob mit den Orthodoxen des oder mit dem unbändigen Bruder der Reform; hierüber sind die Meinungen verschieden. So im Allgemeinen glaubt man sich zufrieden geben zu können, keine Orgel, kein deutsches Gebet, kein durch reformistische Censur beschnittenes Gebetbuch, unsere Augen sehen noch das ii'i'p 211221 u. dergl. Was will man mehr? — Ja so im Allgemeinen, im Zesondern aber wollen wir doch mehr; auch wir wollen Anstand, aber jüdischen Anstand; wir halten es z. B. nicht für unanständig, 2X2 ^2 .22'«/' zu halten, und ohne Schuhe 22122 5022 zu sein, ferner daß ^iiOip.-, '1.21Q, die mit der Anstandsfrage gar nichts zu thun haben und deren Reform nicht die Spur von Bildung und Vernünftigkeit in sich involvirt, wie das Aufrufen zur Thora mit Namen nicht abrogirt werden; wir wollen, daß 2'2iv2 2'2i2X nicht dem gekenhasten Anstandsschwindel preisgegeben werden, wie wenn die Beamten einer Synagoge statt eines Thalis einen wenig Zoll langen weißseidenen mit Zizith versehenen Lappentragen, wobei glücklicher Weise nur an jedem ms? bei den „würdigeren und feierlicheren Gottesdienst") jedeömal .2^22!) .2222 gemacht wird, und 51122 Vi2'2 ri'L'L durch die Synagogenordnung (!) sancionirt wird. Das ist die zaghafte süßlachelnde Reform, die nicht den Muth hat, die Brücke abzubrechen und die Schiffe zu verbrennen, zu ihr gehört die der Seitenstätter- Synagoge. Auch ihr ist und bleibt der Anstand, Alles, die ultima rstio, daher die Kirchhofsruhe der Gemeinde, daher die strenge Ordre der diesbezüglichen Domestiken, ja keinen Ausdruck subjektiven Bewußtseins im Zuschauer (wollte sagen Zuhörer-) Raume beim Gebete aufkommen zu lassen; Ruhe ist die erste Bürgerpflicht, ein Wort ein pbv, schweigen zwei." Welche Grenze dieser Anstand mit wächserner Nase sich setzt, ob er z. B. 2212.2 5022 j'd'sn 5,21.2 gestattet, wie in Wien oder mit allem Nachdrucke kirchenbehördlicher Machtbcfugniß verfolgt, wie in dem bekannten Jerusalem-Stuttgart, das ist für uns einfältige Menschenkinder keine Frage des Princips, welches wir in diesem ganzen Anstandssystem auch mit der Diogeneslampe vergebens suchen, sondern nur eine Perfonalfrage, d. h. abhängig von dem Naturell der Gefälligkeit und dem Mitleid des Synagogenvorstandes, je coulanter d. h. indifferenter diese „Elite" der Synagoge sein wird, desto freier wird die ungeschlachte, 2212.2 5>'22!'^'S2 legende, nicht mäuschenstill seiende, .222 ^22 '2V'2L? «2' svrr sagende Orthodoxie athmen. Dieser burlesken harlekinSartigen synagogalen Anftandskarrikatur gegenüber wollen wir einiges aus unserem ewig umwandelbaren Ritualcodex citiren, damit jeder Unparteiische darüber urtheilen kann, wo die wahre, und wo die fratzenhafte Synagogenordnung, wo, das um seiner selbst willen angestrebte äscoruna und wo das um des theatralischen Spektakels um des ästethischen Wohlgefallens, um der Nachäffung nicht jüdischer Processionen, (wie bei der süßlich weinerlichen in vorgeschriebenen Manieren händefalterischen und augenverdrcherischen Begleitung des 2'2 zum 12^ hin und von ihm zurück) um des bloßen Effektes willen, mit einem Worte wo Kern, wo Schale sei. Eine historische Reminiscenz bildet den Schlüssel zu dem absoluten Gegensätze dieser beiden Standpunkte. David Friedländer gibt in seiner Broschüre über die Verbesserung der Israeliten im Königreich Polen seiner ruchlosen Schadenfreude über die Abnahme des Thorastudiums (Seite II) in folgenden Worten einen Ausdruck: (citirt von Zunz G. V. Seite 455 Note): .„Daß alle israelitische hohen Schulen, welche ausschließlich dem Studium des Talmuds gewidmet waren in einer kurzen Reihe von Jahren gleichsam wie durch einen Zauberschlag verschwanden. Die großen Universitäten, Jeschiboth genannt, zu Metz, Frankfurt a. M. Fürth, Hamburg, Halberstadt, Prag u. a. m., welche noch in der ersten Halste der vorigen Jahrhunderts vierhundert und mehr Schüler unter berühmten Rabbinen zählten, gingen aus Mangel an Studirenden gänzlich ein, und ein gleiches Schicksal hatten alle kleinern Institute dieser Art, welche sonst jede bedeutende Gemeinde hegte, und mit großen Kosten unterhielt." Dieser 2212 hat G. f. D. nicht Recht behalten; noch jetzt! 70 Jahre spater blühen 2212 und '22 W222.2 wie nie mehr s>22' PI .222' p, sind wieder in