Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 42 (1901)
- Issue
- Heft 98 (12.12.1901)
- Date
- 1901-12-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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42. Jahrgang. Zweite Meikage zu M 98 des „Israelit". LltterarisPer Bericht. Tic alte Geschichte -er rassischen und Polnischen Inden. — Tie Geschichte der russischen Juden im 19, Jahrhundert. Bon Leon Schein- Haus- Memel 1900 und 1901. Im Selbstverläge. Druck der „Israelitischen Wochenschrift," Berlin. Besprochen von Rabbiner Dr. Max V e e r m a n n , Insterburg. I. Die Geschichte der russischen und polnischen Juden ist so recht eigentlich das Stiefkind der jüdischen Historik. Zumal in deutscher Sprache sind eingehende Monographien diesem Zweige jüdischer Wissenschaft bisher nicht gewidmet worden. Der als hebräischer Schriftsteller bereits rühmlichst bekannte Gelehrte Leon Scheinhaus hat daher durch seine beiden oben angegegebenen Schriften eine Lücke in unserer Litteratur in dankenswerther Weise ausgefütlt. Die beiden Publikationen verdienen auch an dieser Stelle eine eingehende Wiirdigung. Die alte Geschichte der russisch-polnischen Inden datirt bis zur letzten Theilung Polens. Anknüpfend an das Wort der Huldigungsschrift, welche die Juden Rußlands 1862 bei ihrer Beglückwünschung zur Millenniumsfeier dem Kaiser Alexander II. überreichten: „Wir Juden haben uns in Rußland angesiedelt, ehe es noch entstanden war," zeigt der gelehrte Verfasser durch eine Fülle sorgfältigst aus den Duellen zusammengesuchten Materials, daß dieses Diktum auf historisch verbürgten Thatsachen beruht. Eine Ueberlieferung läßt Judenabkömmlinge der Zehn Stämme (wozu der Umstand stimmt, daß auf Grabsteinen in der Krim auch die Jahreszahl nach dem samaritanischen Exil angegeben istt lange vor Beginn der üblichen Zeitrechnung sich im Kaukasus und in der Krim ansiedeln. Der älteste bisher aufgefundene Grabstein aus dem Jahre 6 ist mit hebräischen Lettern beschrieben. Andere Steine tragen auch griechische Inschriften, was wohl nicht, wie der geehrte Verfasser will, eine Fortdauer des Gegensatzes zwischen Ehastidäer und Hellennisten bekundet, sondern eher vermuthen läßt, daß wir hier eine jüdische Mischbevölkerung aus alexandrinischen und palästinischen Hebräern vor uns haben. Ihre Zahl wuchs im 8. Jahrhundert durch großen Zuzug aus dem Orient, wo die Juden unter Verfolgungen zu leiden hatten, nicht unbeträchtlich. Durch die Eroberung des Kaukasus von Seiten der Chazaren, kamen letztere mit Juden in Berührung. Bekannt ist der 746 erfolgte Uebertritt dieses Volksstammes zum Judenthum. In Kiew, der Wiege des russischen Reiches, bestand schon früh eine Gemeinde. Religionsaespräche mit Kiewer Juden werden in altrufsischen Schriften erwähnt. Ein Theik der südruffischen Juden wanderte nach Polen aus. Das Gros der jüdischen Bevölkerung in Polen aber kam aus dem Westen, aus Deutschland und den anderen europäischen Ländern, von wo sie schutzsuchend 894 nach oem gastfreundlichen Polenland zogen. Es wird dann dargethan, wie hier ihre Privilegien nicht nur auf dem Papier standen, sondern zur vollen Geltung kamen. Mielislaw verpachtete ihnen sogar die Münze, wo sie hebräische Münzen prägten. Boleslaw Pius gab ihnen eine sehr günstige Charte von 36 Paragraphen, die sie vor all' dem Unbill schützten, unter dem sie bisher gelitten. Auch die Wahlkönige ließen Gewissensfreiheit walten. Verfaffer zeigt, daß die gute Behandlung der Juden auch ein Gebot der Klugheit war. Die Juden waren als Mittelstand zwischen Leibeigenen und Adel unentbehrlich. Diese günstige Stellung ermöglichte ihnen, sich ihren geistigen Bestrebungen hinzugeben. Die Gemeinden blühten und die talmudischen Studien fanden an den Hochschulen liebevollste Pflege. Selbst in kleinen Gemeinden waren gewiß mehr als die Hälfte talmudbeflissen. Selbst durch die Chmelnitzki'schen Verfolgungen ward die Talmudkunde nicht gemindert, wie die epochale Gestalt des Gaon von Wilna zeigt, der die jüdische Vorgeschichte auf russischem Boden zum würdigen Abschluß bringt. Mit einer interessanten Studie über Werth und Wesen des Jargon schließt die gediegene Schrift, die in volksthümlicher Darstellung reiche Belehrung bietet. II. Die Geschichte der russischen Juden im 19. Jahrhundert, Herrn Dr. R ü l f zum 70. Geburtstag geividmet. ist eine Fortsetzung des ersten Essais. Trotz des Manifestes 1772, das den Juden feierlich freie Ausübung ihrer Religion und Wahrung ihrer Guter versprach, fanden sie bei der Kaiserin Katharina kein Wohlwollen. Unter Kaiser Paul kam die Judensrage auf die Tagesordnung, aber nicht zur Entscheidung. Der russische Senator Derschawin, unterstützt von dem Juden Natan Rote, wollte die ausklärende Kukturbetvegung der deutschen Juden in die polnisch-russischen Kreise hineintragen und das gesammte, religiöse Leben der Oberaufsicht der Regierung unterstellen. Dieses Projekt scheiterte am Widerstande der Juden, die mit Recht für ihre heiligsten Güter fürchteten. Auch die Bildungsbestrebungen Alexanders I. hatten keinen rechten Erfolg. Nur der Plan, einen Theil der Juden zum Ackerbau überzuleiten, wurde in Südrußland verwirklicht. Wie berechtigt das Mißtrauen der Juden gegen die Absichten der bildungsfreundlichen Regierung war, zeigt der Beschluß des aus Christen bestehenden Jsraelitenkomitees zu Warschau, die Juden dem. Talmud abwendig zu machen, dem in dem Abt Chiarim eben