Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 71 (1930)
- Issue
- Heft 9 (27.2.1930)
- Date
- 1930-02-27
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. Nr. 9 Der Israelit 27. Februar 1930 und Verordnungen von Rabbinerkonferenzen bündige Geltung bis auf den heutigen Tag verliehen. Bis heute hat sich für die Ostländer die vor zweihundert Jahren begründete V i e r l ä n - dersynode erhalten, wenn sie auch leider von ihrem alten Glanz uwb ihrer Autorität viel verloren hat. Sollte es nicht auch heute möglich sein, eine solche Sammlung durchzuführen, mit einer zentralen Stelle, die Recht spricht in Israel, entscheidet und schlichtet in Streitfällen, die die Herzen verwirren ur.d die Geister einander entfremden; Streitpunkte, die, wie in Altona, zumeist ja nur Mißverständnisse sind, aus dem Wege -schafft?" „Hat aber nicht jedes Land fein Golus, .feine 9löte und feine Wünsche, ja, sogar seine Riten und religiösen Bräuche? Wie sollte eine Stelle sagen, was überall Rechtens ist?" „Die Riten und Bräuche sollen jedem Lande unangetastet bleiben. Aber in großen Fra gen der Religion und des jüdischen Lebens, für die allein die heilige Lehre Richtschnur und Maßstab ist, hätte man d i e höchste Instanz, die den Weg zeigt und Recht spricht/ Wie einst das Große Sanhedrin auf dem heiligen Berge." „Dieses hatte seinen Sitz im heiligen Tempel zu Jerusalem," warf Abraham ein. Rabbi Jecheskel entnahm seinen Büchern und Schriften einen großen Bogen. Hier war ein vollkommener Plan für das von chm schon lange ausgedachte Gebilde. „In Jerusalem", sagte er. „Ist das Werk der Sammlung in der Gola geglückt, dann begibt sich eine von der Großen Synode gewählte Abordnung — die Größten und Besten müßten es sein — 'nach dem heiligen Lande, wo zur Zeit durch tapfere Pioniere aus der Schülerschaft Rabbi Elies die alten heiligen Städte zu neuem Leben geweckt und neue Siedlungen geschaffen werden. Die Männer nehmen ihren Wohnsitz in Jerusalem, in der Nähe der heiligen Mauer, und sie werden, getragen vom Vertrauen des ganzen Volkes, die S e m i ch o erneuern, wie dies von M a i m o n i d e s und Anderen für möglich gehalten und wärmftens anempfohlen wird." Rabbi Jecheskel holte einen Maimonidesband vom Regale herab und lernte seinem Gaste aus Text und Umrahmung die ganze Materie vor. „Aber," schloß der Rabbi, „erst muß das Einigungswerk hier vollbracht sein. Die Zinne aus Jerusalems Höhen muß auf einem Bau ruhen, in dem alles und alle, die auf dem Erdenrund zu Gott und seiner Thora halten, Platz haben. Im Großen Rate, aus dem heraus sich die Elite für Jerusalem ergibt, müssen Amsterdam wie Prag und Frankfurt; in Altona RabbiJonathan und Rabbi Jakob, von W i l n a der große Rabbi Elie u n d der Rabbi von L a d y, vertreten sein . . ." Abraham hörte leuchtenden Auges. Riesenlichter leuchteten in die Ferne. Gerade das war es>- wovon er seit seinem Eintritt ins Judentum träumte. So sehr in allen 'Einzelheiten erlebte er jetzt, was ihm allezeit in dunklen Umrissen vorschwebte, daß seine Seele aufjauchzte. Von den Siedlungen in Palästina, wo der Boden für dieses große Werk von jüdischer Liebe und Treue bearbeitet wurde, hatte er durch Berichte seines Freundes Boris S a r e m b o genaue Aufzeichnungen. Er heftete das Auge auf denausgsbreiteten Vogen, als wäre es die Botschaft der Erlösung. „Rabbi," bat er mit von Sehnsucht und Leidenschaft durchglühter Stimme, „laßt mich teilhaben an diesem Werk! Laßt mich Künder und Vermittler dieser Friedenbotschaft sein. Seht, Rabbi, ich bin von Kindheit auf zum Priester geweiht und will es sein im Dienste des Gottes Israels." „Was gedenkt Ihr zu tun?" „Mich nach Frankfurt zu begeben, nach Liffa und Lublin, dem Sitze der „Vierländersynode" und überallhin, wo ein Sehnen nach Einheit in Israels Herzen wohnt, in Eurem Aufträge, mit Euren Plänen und Entwürfen, für die Sammlung zu werben. Euer Name, Rabbi, wird mir 'Türen und alle Herzen öffnen. Zuletzt gehe ich nach Wilna zum großen Rabbi Elie, daß er das Werk kröne." Rabbi Jecheskel runzelte die Stirn. „Ihr habt vergessen, junger Freund, daß Eure Reise nach Polen eiir.' Opfergang werden kann. Sollten wir mit kostbarem Leben eine Sache vorausbezahlen, deren Gelingen noch ganz ungewiß ist?" „Wozu hätte mich sonst Gott zu sich und seinem Dienste gerufen?" „Der Gott Israels will keine unnützen Opfer." „Darum wird eine Engelshand das Messer von mir fern halten und meine Mission gelingen lassen." Rabbi Jecheskel sah dem blonden Manne scharf ins Gesicht. Ein verhaltenes Feuer loderte in seinem blauen Auge. Leidenschaft durchzuckte den geschmeidigen Körper. Mit verbissenen Zähren und geschlossenen Mundwinkeln, saß er da, ein Bild fester Entschlossenheit und trotziger Willenskraft. So müssen Propheten und Märtyrer ausgefheen haben, wenn sie sich, besessen von einer großen Idee, einer inneren Berufung im Zwange folgend, auf den Weg zu ihrem höheren Dienste machten. (Fortsetzung folgt.) Naftaly tzarkwig Wessely. Von Rabbiner Ed. Duckecz in Alkona. Vor 125 Jabren starb am 28. Februar (hebr. 29. Adar I) der berühmte jüdische Dichter Naftaly Hartw i q (Hartog) Wessely und wurde am 3. März 1805 in Altona, Köniqstraße, auf dem Portugiesenteil bestattet. Sein jüngerer Bruder Moses Wessely ist bereits am 6. Adar 1792 gestorben und ebenfalls dort begraben. Ebenso ist der Sobn Wesselys, Emanuel Wessely, am 6. Januar 1823 in Altona, auf dem deutschen Hamburger Teil beigesetzt worden. Die Familie Wesselys stammt aus Bar in Polen, wo der gelehrte Abraham, Sohn Josefs, während der Kofakenoerfolgung. unter dem Kosaken Hetmann Scbmilinsky niederaemetzelt wurde. Naftaly Hartwig Wessely bezeichnet diesen Märtyrer immer als seinen Großvater Abraham Josef. Dessen Sohn Josef war der Einzige der Familie, der sich von diesem Gemetzel retten konnte und mit den andern Flüchtlingen nach Wesel kam. Dieser Josef nabm de^n Namen feines Wohnortes Wesel an" und nannte sich sväter die Familie Wessely. Auch Josef Wessely war ein Gelehrter, der ein hohes Alter erreichte. Zu hohem Ansehen in Schleswig-Holstein gelnnate Moses, der Sohn Josef Wesselys. Er errichtete in Glückstadt eine Gewehrfabrik, wobnte dann in Hamburg unter dem Titel Kommerziendirektor, übersiedelte dann nach Kopenhagen, wo er am 9. Juni 1736 starb. Seine Frau Judith (Gutele) starb am 17. Februar 1705 und ist in Glückstadt bearaben. Moses hinterließ 4 Söhne: 1. Beniannn Wulf, in Hamburg geboren, , 2. Levin Wessely. Kopenbaaen, 3. Josef, verheiratet mit Esther, Tochter Lewin Abraham Kantor. 4. Bebr oder Bebrend genannt, der Vater unseres Dichters Naftaly Hartwia Wesseln. Das Werk „Gan Noul" widmete Naftaly seinen Eltern. Vehr und Jutele Wessely, kn dem er auch die Genealogie seiner Eltern niederschreibt. Josef Fischer. Konenhaaen, brinnt in „Minde'-ckrist" Seite 142. ebenfalls die Genealogie Wesselys in Kovenbagen. Behrend lebte als Kaufmann zuerst in Hambura. dann in Amsterdam und zuletzt in Konenhaaen. wo er starb. In Hamburg wurde ihm sein Sobn Nastaly Hartmia am 6. Januar 1726 geboren. Sein Sohn Mol"q Wessely wurde 1737 in Kopenhaaen aebaren. Males Westely war Kaufmann und auch schriftstellerisch tätig, stand in engerer Verbindung mit Moses Mendelssohn und mit Lessing. Bros. Heinrich Lüdtke in „Lelsiias Beziehung zur Niedenelbe". Seite 67, brinat ausführlich das Verhältnis der Gebr. Wessely zu Lessing. Das Hamburger Schriftsteller-Lexikon berichtet von ihm: Moses Wessely war Kaufmann, ein witziaer und scharfsinniger Kovf. der mit vielen Gelehrten und Staatsmännern in Verbindung kam. Auch Nastaly Hartwig Vesiely war ein Freund Lessings, der bei der Berufung Lefsings 1766 nach Hamburg mitaewirkt. Er mußte in Berlin „horchen", ob Lessing wobl bereit wäre, hierher zu kommen. (Siehe Lüdtke, Seite 57.) In ..Sofie Bechers Taaebuch. von der Reise Elise v. b. Reckes in Deutschland", wird bei Besprechung des Aufenthaltes in Hambura im Jabre 1785 allerlei von Moses Wessely erzählt. Wir erfahren da. daß er sich über die relimösen Speiseaesetze hinweasetzte und über Lessinq interessante Einzelheiten zu berichten wußte. Aus Briefen Lefsings an feine Schwester erfahren wir, daß Moses Wessely 300. Taler Lessinq vorgeschossen habe, um d»n „Nathan" drn-s-n zu können. Es erschien eine Sammlung der Schriften Moses Wesselys über das Finanzwesen, ferner Anmerkungen zu der Schrift des Herrn Dohm über die „Bürgerliche Verbesserung der Juden", gedruckt Altona 1782. Aus den Briefen Moses Mendelssohns, Seite 719, Brief -13, den er an Elise Reimarus schreibt, erfahren wir, daß er den Moses Wessely als den Mann bezeichnet, der Vorauszahlung für das Werk „Das Leben und der Charakter des Prinzen Maximilian von Braunschweig", der am 27. April 1785-bei einer Hilfeleistung für die Ueberschwemmten den Tod in den Fluten der Oder fand, zum Besten der Schule zu Frankfurt annimmt. Ebenso schreibt Moses Mendelssohn an seine Braut am 16. Oktober 1761, daß er ihr ein gebundenes Exemplar seiner „Philosophischen Schriften" schickt und dort schreibt: „Ich hätte Herrn Moses Wessely auch ein Exemplar geschickt, aber er soll mit Ihnen zugleich lesen, damit er Ihnen gewisse Stellen erklärt." Sein Bruder Naftaly Hartwig Wessely zeigt schon frühzeitig Begabung als Dichter und Schriftsteller. In Altona ist er viele Jahre Schüler des Oberrabbiners Jonathan Eybeschütz, dann kam er als Kaufmann nach Kopenhagen, später war er Buchhalter bei Binjamin Beitel in Amsterdam. Dort schreibt er sein Werk „Libanon" in drei Teile eingeteilt, von dem er 1765 den ersten Teil „Gan Noul" edierte. 1766 dichtete er Gesänge und Lieder zur Einweihung der Kopenhagener Synagoge. In diesem Jahre verfaßte er den zweiten Teil „Libanon" und erst spater das Werk „Jajin Lewonon", auf Sprüche der Väter im Jahre 1777. — Inzwischen muß Naftaly Wessely in Hamburg tätig gewesen sein, denn 16. Oktober 1761 schreibt Moses Mendelssohn seiner Braut: Herr Hartwig Wessely wird vermutlich bei Anlangung dieses Schreibens schon abgereist sein und ich erwarte ihn zu den Feiertagen hier. Am 7. Januar 1768 verheiratete sich Wessely in Hamburg mit Sara, Tochter des Emanuel Polack. Dieser war ein Schwiegersohn des Hamburger berühmten Vorstehers Elias Scheuer, der durch seinen Reichtum und seine Wohltätigkeit in den drei Gemeinden berühmt war. Nach seiner Hochzeit wohnte Wessely in Berlin und war im Geschäft des Josef Beitels, Bruder des Amsterdamer Benjamin Beitels tätig und trat mit Moses Mendelssohn in regen wissenschaftlichen Verkehr. Im Jahre 1780 schreibt er sein umfangreiches Werk „Cbochmas Schelaumoh", ein apokryphisches Buch „Die Weisheit Salomos", ins hebräische übersetzt, mit einem ausführlichen Kommentar, genannt „Ruach Chain". Inzwischen war es Moses Mendelssohn gelungen, Naftaly Hartwig Wessely als Mitarbeiter bei seiner Ueberfetzung der fünf Bücher Moses zu gewinnen. Salomon Dubno schreibt den Kommentar zu Mendelssohns Ueberfetzung der ersten zwei Bücher Moses. Nachdem aus verschiedenen Gründen Dubno ihm feine Mitarbeit entzog, wandte sich Mendelssohn an Wessely mit der Bitte, den Kommentar zu dem dritten Buch Moses „Wajikro" zu schreiben. Mit gründlichem Wissen und mit einer rationellen Wort- und Sacherklärung, mit der Tradition vereinigend, vollendete Wessely 1782 den „Biur" zum dritten Buche Moses. Diese Arbeit trug den Ruhm Wesselys als Gelehrter in die weitesten Kreise. Inzwischen erschienen sehr viele Arbeiten in der Königsberger Zeitschrift „Measfim" (die Sammler), wie auch viele Gelegenheitsgedichte. Im Jahre 1782 schreibt er sein „Dibre Scholaum weemes", Sendschreiben an die österreichischen Juden über die Reformen des Kaisers Josef II. und über das Toleranzedikt. wie auch über eine Reorganisation der jüdischen Schulen. Im Jahre 1789—91 schreibt er sein „Schire Tiferes". die Mofaiden, eine epische Dichtung über die Geschichte Moses und den Auszug aus Aegypten. Diese herrliche hebräische Dichtung fand in allen Kreisen großen Beifall und die Beachtung auch nichtjüdischer Kreise. G. F. Hufnagel übersetzt den ersten Gesang und I. I. Spaldinq den zweiten Gesang ins Deutsche. Die übrigen Gesänge übersetzt sein Sohn Emanuel Wessely. Diese Ueberfetzung erschien in Hamburg im Jahre 1806 bei Friedrich Hermann Nestler „Die Mosaide in achtzehn Gesängen". Ueber den schönen Stil Wesselys schreibt Moses Mendelssohn in einem Briefe folgendes: „Die Uebung, seine Gedanken niederzuschreiben, wird in unserer besten Erziehung meistenteils vernachlässigt. Ich kenne nur einen jüdischen Gelehrten, der die große Gabe besitzt, mit der Feder seine Gedanken hinströmen zu lassen, den Verfasser von „Dibre Scholaum we „emes". Mir selbst ist es noch alle Zeit Arbeit, so oft ich meine Gedanken in Schrift verwandeln soll." Wesselys erwähntes Sendschreiben wurde in vielen Gemeinden Oesterreichs und Polen als Eingriff in die Erziehungsmethode der gesetzestreuen Jugend aufgefaßt. Man befürchtete, der urivorbereitete Zwang zur modernen Bildung werde zum Verfall des Thorastudiums und dann leicht zum Abfall vom Väterglauben führen, was ja auch die traurige Erfahrung in der nächsten Umgebung Mendelssohns lehrte, und darum lehnten sie Wesselys Sendschreiben energisch ab. Die Hauptgegner wären der Prager Oberrabbmer Ezechiel Landau, der Glogauer Rabbiner Salamon Dob Berusch und drittens Rabbi David Tewle in Liffa. " (Schluß folgt.) IÜ1E1