Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 35 (1894)
- Issue
- Heft 27 (2.4.1894)
- Date
- 1894-04-02
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2448412-2448437--38266-2486368- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
489 Naftolt blickte aus dem „Scheloh" einem großen Folianten, den er vor sich liegen hatte, auf und wie vorwurfsvoll den Blick auf Gelle richtend, sagte er: „Genug das, was ich von den Leuten höre, willst du mein Weib mich noch in einer Sache plagen, die ich wie eine Prüfung Gottes annehmen muß, weil ich sie einmal nicht abwenden kann. Soll ich gegen die Gabboim der Altschul klagbar auftreten und vor welchem Richter? Ich muß es mir gefallen lassen, obwohl ich weiß, daß mir ein Unrecht geschieht und zudem nicht weiß. wie ich dann die arme „Jesomim" meines seligen Schwagers erhalten soll?" Unmuthig war er aufgestanden und durchmaß in hastigem Schritte das kleine Gemach, dann nach einigem Nachsinnen das Gespräch wieder aufnehmend, sagte er mit einem tiefen erleichternden Athemzuge: „Der neue Chasen versteht wohl angenehme Melodien für das Ohr zu trällern, aber für das Herz hat er nichts, das habe ich gleich aus seinem Vortrage gehört. „Dibbur" und Verständniß, das ist die Hauptsache. — Aber was nützt das, wenn die Leute durch einschmeichelnde Töne sich gefangen nehmen lassen, wenn jeder „Schames" und „Balbos", der eine heirathsfähige Tochter hat, auf den „neuen jungen Chasen" speculirt, dagegen läßt sich nicht ankämpfen." „Die Gemore sagt: Ist dein Weib auch klein, so bücke dich zu ihr," ließ sich Frau Gelle vernehmen, „warum vertraust du mir deinen Kummer nicht an, muß ich erst warten, bis fremde Leute mir es mittheilen. — Lasse dir meinen Rath gefallen und gehe zum Raw, Gott geb ihm Kraft und Gesundheit, vielleicht wird er sich deiner gerechten Sache annehmen." „Wenn du es wissen willst, Gelle mein Leben so kann ich dir mittheilen, daß der Raw selbst schon mit mir darüber gesprochen hat. Gestern hat er zu mir geschickt um sich ein seltenes Sefer von mir zu leihen, das er unter feinen Sforim nicht besitzt. Ich bin damit selbst zum Raw gegangen, denn einem Boten wollte ich es nicht anvertrauten, wie leicht läßt so Einer das Buch fallen oder beschädigt es auf andere Weise. Der Rebbe hat sich sehr darüber gefreut und frug mich, ob es wahr sei, daß mich die Altschul entlassen wolle, um einen neuen Chasen aufzunehmen. Ich habe auch davon gehört, Rebbe, entgegnete ich, aber der Rebbe weiß, daß die Gabboim freie Hand haben in ihren Schulangelegenheiten und wenn sie mich entlassen, so muß ich dies auch nach zwanzigjähriger Amtirung annehmen." „Dann wird an euch, Reb Naftolt, eine große „Awle" verübt", sagte darauf der Raw, „ich werde ausbieten, was in meiner Macht liegt, um die Gabboim von diesem für euere alten Tage so unheilvollen Entschlüsse abzubringen." „Hat der Raw dies wirklich gesagt," rief Gelle, die Erzählung ihres Gatten unterbrechend, freudig aus. „Hundert Jahr soll der Rebbe gesund und stark leben. Er wird sein Wort halten und uns wird geholfen werden!" Naftoli schien diese Vertrauensseligkeit nicht zu theilen; er zuckte mit den Achseln und bemerkte resignirten Tones: „Unsere Gabboim lassen auch von hundert Rabbonim sich nicht überkneten." Er setzte sich dann nieder, um in seinem „Scheloh" das „Thor des Gottesdienstes" zu lesen, was für seine Gelle das Signal gebotenen Stillschweigens war.- III. Rabbi Ezechiel Landau saß allein in seinem großen Bibliothekzinimer, das ihm gleichzeitig als Studir- und Arbeitskabinet diente. Das große Arsenal jüdischer Gelehrsamkeit, in Büchern verschiedenen Formates bestehend, war ringsum in Schränken wohlgeordnet, während auf dem Tische neben einem riesigen altmodischen Tintenfasse einige Folianten auflagen. Der Rabbi war nach Sabbatausgang zu seinen schriftlichen Arbeiten geeilt, die später durch den Druck veröffentlicht, eine Zierde der halachischen Literatur werden sollten, als ihm der Besuch des Primators Israel Frankl gemeldet wurde, und dieser selbst bald darauf die Schwelle überschritt. „Boruch habboh Mekaß," ries der dem Besucher entgegen eilende Rabbi und bot nach empfangenem Gegengruß den nächsten Lehnsessel ihm zum Sitze. „Der Rebbe mag sich wundern," nahm nach einer Ruhepause, während welcher Beide sich niedersetzten, der Primator das Wort, „daß ich in so ungewöhnlicher Zeit einen Besuch abstatte, aber die Dringlichkeit einer für die Khille bedeutsamen Angelegenheit, über welche ich von dem weisen Manne, der unser Lehrer und Führer ist, mir guten Rath einholen will, möge es entschuldigen." Der Rebbe erhob sich mit einer dankenden Verbeugung von seinem Sitze und Frankl begann nun in einem Tone, dessen Vibiriren seine innere Ergriffenheit erkennen ließ: „Ich muß weit ausholen, um die Sache klar zu legen — der Rebbe weiß, daß unsere Khille eine furchtbare Leidenszeit zu überstehen hatte — das war vor vierundzwanzig Jahren, damals waltete mein Vater, sicbrono liwrocho, in meiner heutigen Stellung als Primas der Gemeinde; — der Rebbe wird auch gehört haben von dem prachtvollen Feste, das mein Vater einst der ganzen Stadt Prag ver-