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Der Israelit · 1934-07-26 · Heft 30 (26.7.1934) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
75 (1934)
Issue
Heft 30 (26.7.1934)
Date
1934-07-26
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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26, Juli 1934 De r I s r a e Ii t Nr. 30 Seite 7 zu wirken vermöchten, das war die Sorge, die Meier Hildesheimer von früh bis spat, ja, die Nächte hindurch jbewegte, die ihn nicht zur Ruhe kommen und die den Alternden keine Rücksicht gegen sich selber, keinen Anspruch auf noch so berechtigte Ruhe und Erholung kennen ließ. Noch in den letzten Monaten weilte er viele Wochen lang in London, um dort mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit erfolgreich für sein Institut zu wirken. Nach E r ez J i st o e 1 hatte es ihn vorher noch hinübergetrieben, um dort Umschau zu halten, ob sich nicht auf dem heiligen Boden eine Fortsetzung des großen Lebenswerkes seines Vaters werde schaffen lassen, falls ihm in der deutschen Heimat ein gesicherter Bestand nicht mehr beschieden sein sollte. Die inneren Erregungen, die mit der Problematik dieser Reise verbunden waren; und die, bei aller überreichen Würdigung und Ehrung, die man ihm in allen Kreisen des heiligen Landes verdientermaßen entgegenbrachte, ihn doch aufs tiefste erschütterten, werfen einen Schimmer der Tragik über dieses letzte Jahr seines Lebens. Ueberblickt man den Reichtum dieses Lebens, so glänzt einem daraus ein Kleinod entgegen, das mit siebenfachem Glänze; alles äußere Wirken überstrahlt, das Kleinod, das schon Rabbi Jochanan ben Sakkai als das höchste Gut des jüdischen Menschen gekennzeichnet hat, das aSDie Güte und Reinheit dieses Herzens, das nun zu schlagen aufgehört, entzieht sich, der Schilderung. Mit den Worten, die einer der aufnahmefähigsten Freunde und Verehrer des Heimgegangenen jüngst an dieser Stelle geprägt, als dieser seinen 70. Geburtstag beging, möchten wir unsre kurze Würdigung schließen. Meier Hildesheimer, so hieß es da, ist, und wir müssen jetzt leider sagen war, ein Genie des Herzens. Wer heute die Frage an die Weltjudenheit und nicht nur an die gesetzestreue richten wollte, wer ist der gütigste Mensch, wer der Mann, der ständigen durch keine Enttäuschung enttäuschten Hilfsbereitschaft, wer steht jedem, der Gesamtheit wie dem Einzelnen, den Großen wie den Geringen, immer zu Diensten, wer ist die personifizierte Hilfe?, der würde nur eine Antwort finden: Meier Hildesheimer! Die Saaten der Liebe, die dieser würdige Sohn eines großen Vaters aus dem von ihm ererbten guten Herzen in den Boden der Geschichte gesenkt, sie sind nicht verloren, sie werden aufgehen und Früchte tragen für alle Zeit. Sie werden auch der treuen Lebensgefährtin, die sich ganz in den Dienst der Liebeswerke ihres Gatten stellte und dem auf heiligen Boden weilenden einzigen Sohn zum Heile gereichen und die Kette des Segens, die von Esriel Hildesheimer über die Generationen hinabreicht, fortsetzen 'bxm IV l>ct? Damm. Von Hermann Seckbach in Frankfurt a, M. ,l Zischend, brausend . stürmt machtvoll die Meeresflut, Welle auf Welle türmt sich in tosendem Anlauf und prallt doch ab am Damm—am schützenden Damm, Jahrhunderte, ja Jahrtausende lang hielt , dieser Damm aus, bewährte sich in Not und Sorge, gab köstliches Gefühl des: Geborgenseins, Wehe aber, wenn Risse entstehen, die, nicht beachtet, immer größer und größer werden, so daß die Flut keinen Widerstand mehr findet und eindringen kann, erst allmählich, dann immer mehr und mehr, schließlich alles überrennend, dann ist es zu spät — dann fehlt der Schutz. Dieses Bild möchte ich der jüdischen Jugend vor Augen halten, die heute, bereits vom Kindesalter an eingeteilt in Bünde, Vereine, Organisationen usw. draußen im Leben steht und doch mehr als je des schützenden Dammes bedarf. Dieser Damm aber ist — das Elternhaus. Als jüngst ein jüdischer Führer aus dem heiligen Lande zurückkehrte und eine erhebende Schilderung vom heutigen Erez Isroel gab, da rief er den Hörern die eindringlichen Worte zu: „Hütet Eure Jugend, schickt sie nicht unvorbereitet ins Heilige Land, sondern gebt ihnen die Kraft und den Mut mit, Schweres zu überwinden, um als thoratreue Menschen vorbildlich zu wirken!" Hütet Eure Jugend! Wie mahnend klingt dieser" Ruf in'diese Zeit hinein und. wieviel Eltern werden wohl Tag für Tag mit bangen Gefühlen und voll Erbeben die Zukunft ihrer Kinder ins Betracht ziehen! Aber, ist das Elternhaus noch die maßr gebende Stätte allein, haben die Kinder noch das Gefühl, daß vom Elternhaus her ihnen Richtung und Wege vorgezeichnet werden — oder sind sie nicht mehr und mehr gedanklich in Anschauungen und Begriffen vom Elternhaus entfernt? Und was gab hierzu Veranlassung? Auf der einen Seite ist es gewiß -die Jugend selbst, die, stürmisch vorwärtsdrängend, allen Schwierigkeiten trotzend, „ihren" Weg suchen möchte, andererseits aber hat sich — bekennen wir es einmal offen — gar manches im Elternhaus zu Ungunsten der Kinder verändert. Durch die gewaltigen Umwälzungen auf sozialem Gebiet ist die jüdische Frau — vorher voll und ganz in ihrer Wirksamkeit nur für die eigene Häuslichkeit eingestellt — nach und nach eine unentbehrliche Helferin und Mitarbeiterin geworden außerhalb der Häuslichkeit und zwar überall dort, wo "es gilt, Not und Leid zu lindern. Wer Einblick hat in diese segensreiche Betätigung unserer jüdischen Frauen, . kann nur mit Hochachtung und Verehrung hiervon sprechen. Es war aber naheliegend, daß mit der Zeit der Tätigkeitskreis sichimmer mehr und mehr erweiterte. Diese Entwicklung wurde insofern erleichtert, als Mann und Kinder ja bei „ihren" Vereinigungen gut geborgen waren; So kam es, daß gar oft Mann, Frau und Kinder getrennte Wege, gingen, und wenn auch überall, wo sie waren, jüdisches Leben . ihnen entgegenströmte, so waren doch gewiß unmerklich die Interessen der '. Kinder dem 'Elternhaus gegenüber andere geworden,:; Zeitgemäß! In gewaltigen: Formen führen die jetzigen •Zeitverhältnisse uns indessen vor Augen, daß die jüdische Familie sich soweit als möglich in die eigene Häuslichkeit; zurückfinden muß, sollen nicht; durch die bisherige Zersplitterung die bereits entstandenen Risse sich vergrößern. Werden wir doch immer mehr und mehr darauf gestoßen, daß nur die häusliche Zusammengehörigkeit; das eigene Mikdosch Meat, die Quelle bleiben kann, aus. der wir Kraft und Ueberwindung für die Zukunft schöpfen müssen. Ist aber erst einmal die eigene Häuslichkeit voll und ganz als Urquelle unseres jüdischen Seins wieder errichtet, haben unsere Kinder erst wieder mal das Gefühl, daß Gegensätze — etwa wie alt und jung — innerhalb der Familie bei nx TOD OKI nicht aufkommen können, dann finden alle weiteren Fragen wohl eine leichtere Lösung. Warum sollte es beispielsweise nicht möglich sein, einen Teil der Schiurim in Anwesenheit der Eltern in die jüdische Häuslichkeit zu verlegen? Warum sollte es nicht möglich sein, dem häuslichen Tisch wieder Aurchim zuzuführen und so den Kindern unmittelbar jüdische Gemiluth-Chesed vor Augen zu führen? Und schließlich, warum sollte es nicht möglich sein, minderbemittelten Klassenkameraden der Kinder ab und zu in den bessergestellten Häuslichkeiten Aufnahme zu gewähren und ihnen, die zu Hause oft unsagbar viel entbehren, innige, frohbewegte Stunden zu bereiten? Gibt man den Kindern ein solches Erleben, zeigt man ihnen am eigenen Ich jüdische Lebensgestaltung und jüdische Lebensformen in erhabenster, edelster Art, dann wird ihre Seele im Kampf gegen den grauen Alltag gewappnet sein, und sie werden das Gute und Schöne, das ihnen zu Hause vorgelebt wird, spater verpflanzen können in anderen Acker auf heiligen Boden. Mit Stolz und Treue werden sie aber dann zurückdenken an das Elternhaus als den schützenden --Damm! Korrespondenzen. Deutsches Reich. Boykott und Ausfuhr. Frankfurt a. M., 23. Juli. In einer ausführlichen Betrachtung, die der Handelsteil der „Frankfurter Zeitung" über die Ursachen des Ausfuhrrückganges veröffentlicht, wird auf die eingehenden Untersuchungen verwiesen, die in der letzten Zeit von einer mit großen Ueberblicksmöglichkeiten ausgestatteten Stelle bei einem sehr breiten Kreis von Exportinteressenten angestellt worden sind. Diese Untersuchungen ergeben mit ziemlicher Uebereinstimmung, daß der Boykott und die politisch bedingte Abneigung des Auslandes nicht die ausschlaggebenden Faktoren für den deutschen Exportrückgang darstellen, obgleich sie natürlich eine Rolle spielen. Der Artikel zählt dann eine große Zahl von wirtschaftlichen Hemmnissen auf, die in Wirklichkeit für den Exportrückgang verantwortlich zu machen sind. Diese objektive Feststellung ist auch vom Standpunkt der deutschen Judenheit von größtem Werte und sollte nicht übersehen werden. Nichtarier und deutscher Gruß. Unterscheidung zwischen amtlichem und persönlichem Verkehr. ' Berlin, 21. Juli. In Kreisen der Beamtenschaft sind Zweifel darüber entstanden, ob im Verkehr der Behörden mit dem Publikum der deutsche Gruß auch gegenüber Nichta r i e r n anzuwenden sei. In der NS-Beamtenzeitung erklärt Dr. v. L e ers zu dieser Frage, daß der Hitlergruß ganz allgemein der Gruß der deutschen Behörden gegenüber allen deutschen Staatsangehörigen sei. Der Jude, der sich in Deutschland aufhalte, müsse sich diesen Gruß gefallen lassen, genau so wie es sich ein Christ in einem mohammedanischen Lande gefallen lassen müsse, daß er mit dem islamischen Friedensgruß „Salaam" gegrüßt werde. Der Hitlergruß gelte gegenüber allen Reichsangehörigen, dagegen nicht gegenüber Ausländern. Der Jude, der die Reichsangehörigkeit besitze und damit auch ihre Vorteile genieße, müsse jedenfalls amtlich den Hitlergruß nehmen und geben. Im persönlichen Gespräch mit einem Juden werde man von der Lage der Dinge und dem natürlichen Takt auszugehen haben. Jedenfalls werde hier kaum zu erwarten und zu fordern sein, daß der Jude auch im Privatleben den deutschen Gruß anwende. Arbeitsrechtliche Folgen der Aufrechterhaltung eines Verlöbnisses mit einem Juden. Berlin, 19. Juli. In der Sammlung arbeitsrechtlicher Entscheidungen wird ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Berlin veröffentlicht, durch das der Berufung gegen die Abweisung einer Klage durch das Arbeitsgericht stattgegeben wird, die eine wegen Aufrechterhaltung eines Verlöbnisses mit einem jüdischen Arzt gekündigte Krankenschwester der Stadt Berlin auf Zahlung eines Uebergangsgeldes erhoben hatte. Die Krankenschwester stützte ihren Anspruch darauf, daß die Verlobung bereits vor vier Jahren geschlossen wurde. In der Begründung des landesarbeitsgerichtlichen Urteils wird u. a. ausgeführt: „Der Begriff des Verschuldens i. S. des Abkommens ist zwar nicht derartig eng zu fassen, daß das Verschulden immer einen Verstoß gegen eine Rechtspflicht voraussetzt. Man wird vielmehr ein Verschul-

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