Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 75 (1934)
- Issue
- Heft 10 (8.3.1934)
- Date
- 1934-03-08
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 3 Der Israelit 8. März 1934 ergebenheit und Frömmigkeit entsprungener Haß, der für fromm gehalten wurde, und einen stärkeren und hartnäckigeren kann es fürwahr nicht geben. Es fehlte auch die gewöhnliche Ursache nicht, welche den Haß beständig mehr und mehr entflammt, nämlich die Erwiderung desselben. Die andern Völker mußten wiederum gegen die Hebräer von tiefstem Haß erfüllt sein." (1. c S. 335) Bei solchen Worten konnte Spinoza nur der teuflische Wille, sein Volk zu diffamieren und das Judentum mit bewußter Lüge herabzusetzen, die verbrecherische Feder geführt haben. Und auch in der Gegenwart sind zuweilen, wenn auch G. s, B. selten, entjudete Juden zu unserem Schmerz seiner Zersetzungstendenz und der Entehrung biblischer Tradition gefolgt. Immer leidenschaftlicher und ungehinderter kam die Tendenz gegen das Judentum bei der Theologie ans Licht. Heute liest sich fast jede bibelkritische Arbeil wie ein Pamphlet gegen das Judentum. Männer wie Ed. Meyer haben die Maske abgeworfen und ihrem Haß gegen alles Jüdische nackten Ausdruck gegeben. Jüngst verstieg sich hier ein Pfarrer in öffentlicher Versammlung sogar zu den Worten: wir können das alte Testament nicht entbehren, denn es gibt kein — antisemitischeres Buch als das Alte Testament. Wir wollen an einem einzigen Beispiel diessn Geist illustrieren; a'n der Frage vom linste r b 1 i c h k e i t s g I a u b e n in der jüdischen Bibel. Sogar in ein maßgebliches Buch des neuen Staates ist der von der Bibelkritik produzierte Irrtum übergegangen, auf welch tiefer Stufe die Juden stehen müßten, weil sie angeblich an keine Unsterblichkeit glaubten. ,, — aus dem ursprünglichen eigenen Wesen kann der Jude eine religiöse Einstellung schon deshalb nicht besitzen, da ihm der Idealismus in jeder Form fehlt und damit auch der Glaube an ein Jenseits vollkommen fremd ist. Man kann sich aber eine Religion nach arischer Auffassung nicht vorstellen, der die Ueberzeugung des Fortlebens nach dem Tode in irgendeiner Form mangelt. Tatsächlich ist auch der Talmud kein Buch zur Vorbereitung für das Jenseits, Sondern nur für ein praktisches und erträgliches Leben im Diesseits." So hört man es heute vielfach: die Juden können Verbrechen über Verbrechen begehen in der sicheren Gewißheit: mit dem Tode sei alles aus, ein Jenseits g'ttlichen Gerichts gäbe es nicht. Diese Anschauung vom Judentum hat die bibelkritische Theologie solange gepredigt, bis sie geglaubt wurde. Diese Herren störte es nicht, daß die Synagoge Uriel Acosta in den Bann gelegt, aus ihren Reihen ausgestoßen hat, weil er die Unsterblichkeit geleugnet hatte; es störte sie nicht, daß die Mischna, die eigentlich sonst wenig über dogmatische Fragen spricht, in erschreckender Deutlichkeit den Satz geprägt hat: keinen Anteil an der ewigen Seligkeit habe; wer das Auferstehen der Toten leugnet, ein Satz, zu dem die Erklärer bemerken: schon der ist aus der Ewigkeit ausgeschlossen, der nur bestreitet, daß die Unsterblichkeit in der Thora ausgesprochen und niedergelegt ist. Es störte sie nicht, daß alle Religionsphilosophen des Judentums in allen Epochen den Unsterblichkeitsglauben als Grundprinzip ausgesprochen haben, störte sie nicht, daß in all unseren Gebeten G'tt der Wiederbeleber der Toten genannt wird. Es bekümmerte sie nicht, daß unzählige Aussprüche der Bibel in einer geradezu klassischen Formulierung die Auferstehung für die gesamte Menschheit zum Ausdruck gebracht haben. Mit sophistischen Kunststückchen werden diese weginterpretiert. Wir greifen eine Stelle heraus, in der Hiob, der große Dulder, seine Rechtfertigung durch G'tt im Jenseits ausspricht (19, 25 ff). „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, Als Letzter erhebt Er sich über dem Staub. Und wenn diese meine Haut in Stücke geschlagen ist. Ledig meines Fleisches werde ich G'tt schauen. Ja, ich selbst schaue Ihn, mir zugewandt, Meine Augen sehen Ihn, aber nicht als mir feindlich, Drob verzehren sich meine Nieren in meinem Innern." Was machen daraus, aus diesem einzigartigen Bekenntnis der Unsterblichkeit, die Theologen? Professor D. Paul V o i z aus Tübingen übersetzt in seinem Kommentar 1921: ,,Doch nein, ich weiß, mein Löser lebt, ich weiß, er tritt he: nach noch ein, ich schaue G'ii als meinen Freund, mein Aug' erblickt ihn, nicht mehr feind!" Und er bemerkt dazu: „hiob hofft also an dieser Stelle, daß er einen Löser" hat, d. h. daß G'tt ihn von der Krankheit befreit und „hernach", zuletzt, wenn die jetzige Leidenszeit vorbei ist, „eintritt", ihn gesund macht, dadurch ihm seine alte Freundschaft und Gunst wieder bezeugt und seine Ehre öffentlich herstellt. Das „Schauen GTtes" bedeutet nicht ein visionäres oder ein überweltliches oder jenseitiges Schauen, sondern ist bildlich zu verstehen; der Löser „tritt auf", „erscheint", d. h. er wird wirksam, die Krankheit wird durch ihn von dem Geschlagenen genommen. Aiie die geheimnisvollen Deutungen vcm Auftreten G'ttes am Grab, vom Schauen G'ttes aus dem Grab heraus und dergl. sind unwahrscheinlich." Ist es nicht einfach köstlich, wie die Worte verdreht werden, wie man ganze Satzteile streicht und, was das Allerentzückendste ist, wie man aus dem Erlöser, der ja SOWieSO SChon auch den Erlöser vom Tode bedeutet, einen L ö s e r macht? Mit solchen Mitteln werden alle peinlichen, den Antisemitismus widerlegenden Aussprüche der Bibel paralysiert. So konnte auch in dem berühmten G'tteslästerungsprozeß gegen den Führer und Sprecher des Antisemitismus, Theodor F r i t s c h , der aus bibelkritischen Zitaten sein „Beweismaterial" gegen den jüdischen G'tt zusammengetragen hatte, der famose Professor Kittel als Obergutachter gegenüber sämtlichen jüdischen Autoritäten die Feisprechung des Angeklagten durch die Kraft seiner Interpretationsmethode bewirken. So konnte Friedrich Delitzsch, nachdem er in seiner Schrift „Babel Und Bibel" die Originalität der biblischen Lehre hatte entkräften wollen, 1920 die Sammlung des biblischen Kanon als „die große Täuschung" der Menschen durch die Juden darstellen. Solcher Beispiele sind Legionen. Und so antworten wir auf die Frage, ob die Pentateuchkritik auf Tatsachen begründet ist, mit einem Ja, auf der Tatsache des Antisemitismus. Goethe über die Pentateuchkritik: Wenn nur die Menschen das Reinste, nachdem es gefunden, nicht wieder umkehrten und verdüsterten, so wäre ich zufrieden; denn es täte der Menschheit ein Positives not, das man ihr von Generation zu Generation überlieferte, und es wäre doch gut, wenn das Positive zugleich das Reinste und Wahre wäre. So rütteln sie jetzt an den fünf Büchern Moses, und wenn die vernichtende Kritik irgend schädlich ist, so ist sie es in Religionssachen; denn hier beruht alles auf dem Glauben, zu welchem man nicht zurückkehren kann, wenn man ihn einmal verloren hat. (Zu Eckermann am 7. II. 1827.) Das Ideal des Zaddik in der Agada. i. Die wahre Gestalt des Zaddik. „Einstens wird der Heilige, gelobt sei Er, einen Tanz machen für die Frommen, und Er sitzet zwischen ihnen in der Mitte im Gan Eden, und jeder einzelne von ihnen weiset auf. Ihn mit seinem Finger und spricht: sieh da, unser G'tt, auf den wir gehofft, daß Er uns das Heil sende! Das ist unser G'tt, auf den wir gehofft, laßt uns jubeln und frohlocken Seines Heils." Stelle dir nebeneinander den Baalschem, den Wilnaer Gaon und Esriel Hildesheimer vor! Kann es größere Gegensätze des inneren und des äußeren Menschen geben als diese drei? Welcher von ihnen steht G'tt am nächsten? Wer hat die wahre, endgültige Gestalt eines Zaddik in sich verwirklicht? Darauf antwortet das Gleichnis der Weisen: „Soweit die Zaddikim alle voneinander entfernt sein mögen, G'tt sind sie alle gleich nah. Er ist-der Mittelpunkt eines großen Kreises, in den sich die Frommen um Ihn stellen. Jeder mag mit vollem Recht sagen: siehe da, das ist mein G'tt, auf den i c h gehofft, dessen Heil zu erlangen ich die Eigenart meines Seins verwirklicht habe. Jeder Zaddik stellt in sich eine klassische Lösung des jüdischen Ideals dar. (Taanis 31.) IL Die dreißig Stuten. „Schir lamaalaus, ein Lied ob der Stufen! Es heißt nicht Schir hamaalaus, sondern Schir lamaalaus, ein Lied dem, der den Frommen für das Zukunftsreich Stufen baut. Rabbi sagte: 30 Stufen gibt es — der Zahl lamed entsprechend — eine höher als die andere. Aber wenn so Stufe über Stufe sich baut, muß dann nicht Neid und Mißgunst, falscher Ehrgeiz und Feindschaft zwischen denen walten, die sie erklimmen wollen? Nein! Denn es heißt; die Frommen gleichen den Sternen immer und ewig. Wie zwischen Sternen keine Eifersucht, keine Feindseligkeit und Mißgunst herrscht, so ist auch zwischen Frommen kein feindlicher Ringkampf, kein Neid und keine Eifersucht. Und wie die Sterne jeder verschiedenen Glanzes und verschiedener Helligkeit ist, also sind auch die Frommen jeder besonderen Glanzes und eigener Helligkeit." Der Psalm der Wanderer, die vor den Bergesriesen des heiligen Landes die Augen hochheben mit der bangen Frage: von wannen wird mir Hilfe kommen? wie kann ich solch hohen Berg erklimmen? diesen Psalm deuten die Weisen auf das sittliche Gebiet, auf den hohen Berg des g'ttlichen Ideals, an dessen Fuß der Edle stehend es schier für unmöglich hält, je seine Höhe zu erreichen. Aber schon des Liedes Üeberschrift zeigt die Lösung. Der Berg will auch gar nicht in einem Satz bewältigt sein. Deutlich heben sich die Abschnitte und Abstufungen ab, und wieweit du immer gelangst, wo immer du nachher stehst, durch g'ttliche Hilfe emporgetragen, von überall her kannst du wie ein Stern aus der Höhe herabschauen über die Weite des Tals, und von überall bist du für alle andern gleich einem Stern, einem Lichtzeichen, das nach oben ruft und zur Nachfolge winkt. Einen Wettlauf in die Höhe gibt es nicht. Wer ansteigen will, muß so sehr alle Energie seiner Seele und seines Geistes wachrufen, so alles Gute in seinem Herzen, alle Kraft der Selbstlosigkeit lebendig machen, daß kein Gefühl des Neids und der Eifersucht in ihm wach werden kann. Er will den Aufstieg ja nur dem zuliebe, der von oben ruft, und denen zuliebe, die von unten im Tal voll Sehnsucht zu ihm hinaufblicken. Weithin dehnt sich der Berg, unendlich ist seine Höhe. Da ist für alle Raum. Jeder muß sich seinen Weg suchen, und jeder kann nur die ihm angemessene Höhe erreichen, wie am Himmel Platz ist für die Myriaden der Sterne, die erst allesamt in ihrer verschiedenen Größe und Helligkeit die ganze Pracht des Firmaments zeigen. So ist in der Welt des Religiösen für jede Individualität Raum genug; neidlos mag jeder seine Stelle suchen, und Welche Stufe er auch immer erreicht, wenn es diejenige ist, die seiner Art und seiner Kraft bestimmt war, tönt auch ihm aus dem „Liede von den Stufen" der Ehrenname eines Zaddik entgegen. (Sifri deworim 21.) (Schluß folgt.)