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Der Israelit · 1865-11-08 · Heft 45 (8.11.1865) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
6 (1865)
Issue
Heft 45 (8.11.1865)
Date
1865-11-08
Page
– (sequence 8)
Language
German
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666 Wien. Nach Süden, in der Richtung ihrer Heimath, hat man die Unglücklichen gebeitet, die den pfäffischen Umtrieben am Hofe Leopolds des Ersten zum Opfer fielen. Zwei Jahre vor ihrer Austreibung schon war die Ahnung des hereinbrechenden Verderbens über sie gekommen; vergebens suchte die Wiener Gemeinde das drohende Unheil abzuwenden und brachte der im Wochenbette liegenden Kaiserin eine kostbar gearbeitete goldene Wiege zum Geschenk dar; die fanatische Spanierin wies sie zurück und bald darauf erging an die Juden Wien's der Befehl, die Stadt und das Reich binnen 4 Wochen zu verlassen. Vierzehnhundert Israeliten waren mit einem Schlage ihrer Heimath beraubt und in's Elend gestürzt; sie wandten sich größtentheils nach Polen; nur 20 Familien ungefähr fanden unter schweren Mühsalen und Entbehrungen ihren Weg nach Berlin, wo ihnen der große Kurfürst, unstreitig der edelste Fürst aus dem Hause Hohenzollern, unter, für die damalige Zeit sehr günstigen Bedingungen, die Niederlassung gewährte. Im Verein mit den wenigen bereits in Berlin ansässigen Juden constituirten sie sich als Gemeinde und bildeten so den Kern der jetzt zahlreichen und blühenden Gemeinde. Direkte Nachkommen der damaligen ersten Vorsteher Benedikt Veit und Abraham Rieß haben sich noch heute erhalten und gehören zu den angesehensten Israeliten Berlins. In der vorderen Reihe nach Süden zu ruhen dir Rabbiner Berlins, unter ihnen der erste 1672 gewählte Oberrabbiner der Mark Brandenburg, Cain, ferner Benjamin Liehmann, David Fränkel, Hirschel Löbel und Meyer Simon Wcyl, der 1826 die Reihe schloß. — Weiter zurück kommen wir zum Grabe des Dr. Marcus Herz, jenes ausgezeichneten Mannes, der neben seinem Berufe als Arzt auch als Philosoph glänzte und dessen Privatvorlesungen von den höchsten Würdenträgern selbst von Mitgliedern der königlichen Familie ausgesucht wurden. Seine nicht minder berühmte Gattin Henriette Herz ist als Christin gestorben; ihre Eltern de Lemos jedoch ruhen neben dem Gatten ihrer Tochter. — Hier ruht auch Jsaae Euchel, ein einfacher grauer Stein deckt seine irdische Hülle. Ihm verdanken wir die erste deutsche Übersetzung der Synagogengebete und eine im reinsten Hebräisch geschriebene Biographie Mendelsohn's. Noch mehr als durch Schriften wirkte er durch die Macht seiner Persönlichkeit, zu der sich die bedeutendsten Männer Berlins, Christen wie Juden hingezogen fühlten, — ein lebendiges Denkmal der nimmer rastenden Thätigkeit Euchel's bildet die jetzt im höchsten Ansehen stehende „Gesellschaft der Freunde", welche im Jahre 1792 von ihm in's Leben gerufen wurde. Nur wenige Schrite trennen die Ruhestätten Euchel's vom Grabe seines ihm vorangegangenen väterlichen Freundes Mendelssohn. Auf einem hohen Steine lesen wir: "N OV2 18^ W NI M'2 und Ln lateinischer Schrift: „Nc>868 N6nä6l88o!irl, Atzl). 2U Oe88au äeu 6. Ksplsmlrer 1729, Asst. in Lsrlia am 4. 9anuai" 1786." — Das Grab, von einem grünen Gitter umhegt und einem Fliederbusch beschattet, ist, wenn auch eingesunken, doch noch wohlerhalten, und wird von liebenden Händen sorgsam g> pflegt. — Ein Heer der verschiedenartigsten Empfindungen erweckte in uns das Bewußtsein, am Grabe eines Mannes zu weilen, dessen Andenken nach Jahrhunderten noch dankbare Geschlechter mit Liebe und Verehrung feiern werden. Hier ruht also, was sterblich war an dem großen Denker; bescheiden wie sein ganzes Leben tritt auch die Gral statte vor uns, kein glänzendes Denkmal erinnert an die Bedeutung des Edlen, dessen Wirken uns aus den Fesseln socialer Knechtschaft hat befreien helfen. — Ersaßt von dem bedeutsamen Momente belebt die Phantasie unsee Erinnerung und das Bild der stillen Häuslichkeit Mendeljohns taucht treu und lebenswahr vor uns auf. Wir sehen ihn im lebendigen Gespräche mit geistesverwandten Zeitgenossen, umgeben von Lcssing, Früdländer, Wolfs, Euchel und Rammler und folgen willenlos dem inneren Drange, der unsere Schritte nach dem Orte lenkte, an welchem der große Todte die glücklichsten Jahre verlebte. Zwar verkündet über dem Eingänge des Hauses, Spandauerstraße 68, eine Marmortasel mit goldener Inschrift: „Hier lebte und wirkte Unsterbliches Moses Mendelssohn", doch hat keine pietätvolle Hand die Räume gehütet, aus welchen Unsterbliches hervorgegangen, und profane Läden sind an ihrer Stelle getreten Dennoch ruht ein eigener Zauber auf diesem engen Flure, den finsteren Treppen und dem schattigen Hofe mit der alterthümlichen Holzgallerie, von denen wir uns erst spät trennen konnten, tief ergriffen von der Wahrheit der Dichterworte: „Die Stätte, die ein guter Mensch betrat, Iss eingeweiht; nach hundert Jahren klingt Sein Wort und seine That dem Enkel wieder." Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: vr. Lehmann. — Verlag der Le Roux'schen Hofbuchhandlung. — Dampf - Sämellpressendruck von I. Gottsleben in Mainz.

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