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Der Israelit · 1891-09-07 · Heft 71 (7.9.1891) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
32 (1891)
Issue
Heft 71 (7.9.1891)
Date
1891-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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maligen sogenannten „aufgeklärten" Berliner Kreisen absolut nicht um die Untersuchung, ob die religiöse Wahrheit im Christenthum im Gegensätze zum Judenthum zu finden sei, sondern um ganz andere weltliche Dinge. Und die christlichen Kreise, in welche jene „Aufgeklärten" eingetreten, standen um Himmelsfernen den spezifisch christlichen Dogmen geistig fern. De le Roi weist selbst nach, daß die damalige christliche Aufklärung von einer Judenniission in dem wirklichen Sinne dieses Begriffs nichts wissen wollte. „Wie hätte auch eine Zeit das Missionszeugniß unter den Juden erheben sollen, welche das Christenthum und das Evangelium ihres eigentlichen Gehaltes entleerte und es in lauter religiöse oder moralische Gemeinplätze verflüchtigte", sagt er selbst. Callenberg in Halle war der eifrigste Beförderer der Juden-Mission jener Zeit, Joh. D. Michaelis aber deren ausgesprochener Gegner, da er in fast jedem Proselyten einen Betrüger zu erblicken glaubte. Damals forderte der Professor Megerlin in Frankfurt a. M. Rabbi Jonathan Eibeschütz auf, sich offen zum Christenthum zu bekennen. De le Roi tischt nämlich ein sehr sonderbares Märchen auf, das er einer Abhandlung des Herrn Lic. Dalmann entnommen hat. Es soll nämlich in den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts ein Geheimbund unter den Juden bestanden haben, deren Mitglieder sich zum Christenthum bekannten. Sitz dieses Bundes wäre Amsterdam, und Hauptperson wäre kein Geringerer als R. Jonathan Eibeschütz gewesen l Diese Gemeinschaft hätte sich in das strengste Geheimniß gehüllt. Schwere Eide hätten Verschwiegenheit verbürgt. Rabbi Jonathan Eibeschütz selbst solle mit dem Bekenntniß der Dreieinigkeit auf den Lippen gestorben sein. Das Ganze ist natürlich eine Erfindung der Herren Juden-Missionäre damaliger Zeit, die mit solchen Ammengeschichten ihrem Zwecke zu dienen glaubten. Ein großes Aufsehen erregte das „Sendschreiben von einigen Hausvätern jüdischer Religion", welches David Friedländer an den Probst Teller zu Berlin im Jahre 1791 erließ. Die hieran in manchen Gemüthern sich knüpfende Hoffnung, die Juden in Schaaren zur Kirche übergehen zu sehen, hat sich bekanntlich nicht bewahrheitet. Der Professor V e l t h u s e n in Helmftädt spricht sich in seinem 1789 erlassenen Weihnachtsprogramm: Populi lud. Caritas commendatur Christianis, annectitur epistola consolatoria ad lud. oraculis quam plurimis accomadata, und ebenso der Superintendent Dr. Lüderwald in Vorsfelde in seinen Acta nova, ganz entschieden gegen die Judenbekehrung aus. Es wird aus Römer 9 und 11 Bezug genommen: „Mit euch Heiden rede ich; denn dieweil ich der Heiden Apostel bin"; „Gott hat sein Volk (Israel) nicht verstoßen, welches er zuvor versehen hat" u. s. w. Verachtung verdienen darum Alle, welche die Juden zum Christenthum zu bekehren suchen. Es entbrannte ein heftiger Streit zwischen Götze und Moldonhawer. Letzterer vertheidigte den Satz, daß alle rechtschaffenen und tugendhaften Menschen Gott wohlgefällig und seiner Gnade und der ewigen Glückseligkeit theilhaftig sind. Der Hamburger Senat sah sich veranlaßt die Fortsetzung des Streits zu verbieten. Gegen Seiler, welcher in der Zerstreuung der Juden die Erfüllung des angeblichen Wortes „sein Blut komme über uns und unsere Kinder", somit eine Strase für die vermeintlich von den Juden verübte Kreuzigung erblickte, wurde damals von christlicher Seite geltend gemacht, daß die Juden der Gegenwart würdige Söhne edler Väter seien. Man sieht mit Befriedigung, daß vor hundert Jahren wahrhaft fromme Christen vorurtheilsfrei und gerecht sich gegen Judenhaß und Judenbekehrung wandten. Wie beschämen diese Alten die heutigen Epigonen Stöcker und Genossen mit ihrem Antisemitismus und De le Rot und Genossen mit ihrer Juden-Mission, die sie als „Liebe gegen Israel" bezeichnen, gegen das Israel, welches sie herabsctzen, schmähen und von der vollen Gleichberechtigung wiederum ausgeschlossen wissen wollen. Auch von Seiten mancher Regierungen wurde damals dem Bekehrungseifer ein Riegel vorgeschoben. Eine Preußische Verordnung von 1788 verbot die Taufe von jüdischen Kindern und Dienstboten, wenn nicht zuvor Zeugnisse der jüdischen Gemeindevorsteher und Diensthcrru eingeholt worden. Achnliches geschah in Braunschweig. Das von Callenberg begründete Jnstitutum Judaicum in Halle geriet!) immer mehr in Verfall; es hatte im Jahre 1789 nur noch eine Einnahme von 137 Thalern und ging 1792 ganz ein. Von den zur Kirche übergegangenen Juden jener Zeit werden aufgeführt: Der Hofagent Meyer in Coburg, der Landmesser Seligmann ans Prag, später in Königsberg, der Bankier Lobegott in Regensburg, der Chirurg Benjamin in Weikersheim, der Theologe Christian Gottlob Meyer aus Posen, die Familie des Hoffaktor Selig in Weißenfels, der Buchhändler Meyer, später Martini, in Halberstadt, der Maler Bach in Potsdam, später Hofrath und Direktor der Kunstschule in Breslau, der Schauspieler Herzfeld in Dessau, später Theaterdirektor in Hamburg, die Familie Philippsborn in Schwedt a. £)., Rebccka Loeser in Kalkar, die Mutter des Pastors und Liederdichters Spitta, u. A. m. Der holländische Prediger Christian Salomon Duytsch war ein getaufter Jude aus Temesvar in Ungarn, angeblich ein tüchtiger Talmudist. Seine

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