Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 49 (1908)
- Issue
- Heft 25 (18.6.1908)
- Date
- 1908-06-18
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
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Acht Jahre vor seinem Tod hat der Großvater seine letztwilligen Bestimmungen für seine Kinder niedergeschrieben, die heute noch vorhanden sind und die ungewöhnliche Gottesfurcht des Testators in hellem Glanze zeigen. Er beschwört darin seine Töchter nicht mit unverhülltem Haupthaar zu gehen und legt ihnen das Kaschrus ihres Hauses als Gegenstand besonderer Fürsorge nahe. Seine Söhne ermahnte er, keinen ihrer Tage ohne Beschäftigung mit der Thora dahin gehen zu lassen und wenn es auch nur eine halbe Stunde täglich wäre, Bestimmungen, welche er zwei Jahre vor seinem Tode noch ergänzt und vertieft hat. Wenn wir dieselben Anliegen bei dem Enkel in erweiterter Großzügigkeit wieder finden, wie er den Kampf aufnimmt gegen eine Zeit, die dem jüdischen Weibe die Krone häuslicher Züchtigkeit vom Haupte reißt, wie in das Verhältnis zwischen ihm und seinem Schüler Grätz der erste Mißton kommt, als dieser seine junge Frau mit unverhülltem Haupthaar dem Lehrer vorstellte und dafür das zurechtweisende Wort des Meisters hinnehmen muß, mit welcher Umsicht und praktischen Einsicht er alle seine Kaschrusanstalten gründete und verwaltete, wie er durch Wort und Schrift Chacham Bernays. durch Lehre und Beispiel immer und überall auf Talmud Thora drängte, so erscheinen der großen Welt diese eigenartigen Züge als Beweise für die Eigenart und Originalität Samson R. Hirschs. Aber Gott allein weiß, wie weit in dem Enkel der Großvater weiter lebte und wie in dem Besitz eines solchen Enkels der Großvater den himmlischen Lohn für seine eigene entsagungsvolle Hingebung an Gott und seine Thora erblicken durfte, die er selber einmal am Ende des im Jahre 5559 zu Hamburg erschienen orroi* jnt nso mit den Worten andeutet: tnn1? 'n vsnv noo pVo mW? nyi tvio^bp no D'pD'ism moipo nrtc nampn lrmra 'idi inbir i'tti 'k hn-i 's: Zf"3" ntt pmn. Außer dem Großvater war von noch mächtigerer Anregung auf den zum Jüngling heranwachsenden Knaben sein Lehrer Chacham Bernays, der an die Spitze der Hamburger Gemeinde als deren geistiger Führer im Jahre 1821 berufen wurde, also gerade in dem Jahre in dem Hirsch Bar-Mizwa wurde. Er war der erste Rabbiner Deutschlands, der mit seiner ungewöhnlichen geistigen Begabung ausgedehnte Thorakunde und hohe klassische Bildung verband. Diese harmonische Vereinigung von zwei Gebieten, die bis dahin als unvereinbare Gegensätze galten, finden wir auch bei seinem größten Schüler, bei Samson Raphael Hirsch wieder, der sie aber in seiner genialen Weise noch weiter ausbaute und sie durch seine Schriften zum Gemeingut der jüdischen öffentlichen Meinung in Deutschland machte. Bernays war wie sein Schüler ein zündender, hinreißender Redner, aber er hat seine fruchtbare Tätigkeit auf das gesprochene Wort beschränkt; Schriftliches hat er nicht hinterlassen. Er war außerdem kein Volksredner: Seinem hohen Gedankenflug vermochten nur Kenner zu folgen, von deren Begeisterung dann allerdings auch die große Masse ergriffen wurde, während Hirsch ein Volksredner von Gottes Gnaden war, für dessen packende Beredsamkeit kein Hörer zu hoch und keiner zu tief stand. Wie Chacham Bernays seine besondere Fürsorge der Hamburger Talmud-Thora zuwandte und die ungebildeten Lehrer durch thorakundige und modern gebildete ersetzte, wie er den Kampf gegen die Irrlehren der Hamburger Tempelgemeinde aufnahm und das Verdikt der rabbinischen Koryphäen aus dem Jahre 1819 im Jahre 1842 aufs neue durch eine Verwarnung bestätigte, als in diesem Jahre eine neue Auflage des Tempel-Gebetbuchs erschien, diese und ähnliche Züge haben ohne Zweifel auf die große pädagogische Tätigkeit Hirsch s, auf seine Art und Weise als Kämpfer gegen die Reform, anregend und vorbildlich gewirkt. Chacham Bernays zählt auch zu den wenigen zeitgenössischen Autoritäten, die Hirsch in seinen späteren Schriften zitiert. In einer polemischen Schrift, die ihm ein literarischer Gegner durch die Verleumdung abnötigte, als sei Hirsch s Thora-Kommentar ein Plagiat an seinem Lehrer Bernays, zeichnet Hirsch sein Verhältnis zu Bernays durch folgende Sätze: „Uebrigens steht mein Kommentar auch mit dem, was ich aus dem belehrenden und geistweckenden Umgang mit Bernays zu schöpfen so glücklich war, in keiner näheren Beziehung als der allgemeinen Anregung und des voranleuchtenden Strebens, die Hallen der min mit dem Durst nach Erkenntnis zu betreten. Was ich Weises und Törichtes auf diesem Wege gefunden und in meiner Arbeit niederzulegen gewagt, habe ich, wo ich keinen Urheber zitiere, vor Gott und Welt allein zu vertreten.“ Den spornenden, anregenden Einfluß, den das Elternhaus auf ihn ausübte und der echt jüdische Geist, der darin waltete, die innige kindliche Verehrung, mit welcher er an seinen Eltern hing, „den Wächtern seiner Kindheit, den Führern seiner Jugend und den Freunden seines Mannesalters“, wie er sie am Eingang seines ihnen gewidmeten ann nennt, das zeigen wie nichts sonst die Briefe, die er als Student nach Hause schrieb. Aus ihnen spricht in wunderbar ergreifender Weise die frühe Reife des Jünglings, sein goldenes Gemüt und seine ungewöhnliche Bescheidenheit. Diese Briefe, die noch heute erhalten sind, lieferten das trefflichste Material für eine Schilderung ihres Schreibers. Unter seinen letztwilligen Verfügungen findet sich jedoch die Bestimmung, daß keiner seiner Familienbriefe veröffentlicht werden soll. Sie beginnen mit dem April des Jahres 1828, als Hirsch im 20. Jahre seine Vaterstadt verließ, um in Mannheim die Jeschiba von Rabbi Jakob Ettlinger y'sct zu besuchen. Ein Jahr war er als Lehrling in einem Hamburger Geschäft tätig, doch fand er in dem geschäftlichen Beruf keine Befriedigung. Er verließ das Geschäft und trat in das Gymnasium ein, während er gleichzeitig den Unterricht des Chacham in Thnach und Talmud genoß. Er selber schildert in seinen „Neunzehn Briefen“ diesen seinen Entwicklungsgang mit den Worten: 8