Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 49 (6.12.1923)
- Date
- 1923-12-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 49 Der Israelit 6. Dezember 1923 90 Mitglieder umfassen, die mehr als 3 000 000 000 polnisch» Mark an Vorschüssen von ihnen empfangen haben. Landankauf. Um jüdischen Landwirtschafttreibenden in den Ostgebieten von Polen (den alten Gouvernement« Grodno und Wilna) zu Hilfe zu kommen, gewährt di» ITA Vorschüsse. So hat sie z. B. 40 Insassen eines D»rf«s im Gebiete von Wilna Mittel zum Erwerbe von Ländereien im Umfang von 40 ha vorgeschossen. Wiederaufbau von Häusern. Seit dem Jahre 1921 leiht die ITA ihre Hilfe für Zwecke der baulichen Rekonstruktion «ährend des Krieges zerstörter Grundstücke in den Gebieten von Wilna und Novogrodek. In 50 Ortschaften sind 900 Gebäude errichtet oder wiederhergestellt, die für mehr als 5000 Personen Heimstätten bilden. kin Mzvruch der UolKslel^cnscbaTt gegen Sie SemernSestuve. Warschau, 29. Nov. Die ' unter stärker werdende Erbitterung der orthodoxen Volksmassen gegen die volkssremde, von Assimilantentum und religiösem Nihilismus angefressene Gemeindeverwaltung hat zu bedauerlichen Ausschreitungen geführt, die schärfste Verurteilung verdienen, aber immerhin nicht unerklärlich sind. Neuerdings haben die Herren Doforen es für gut befunden, in nächster Nähe der Pragaer Synagoge und Milsa ein Studentenheim einzurichten, das natürlich die Stätte zügellosesten Chillul Schabbos und steten Aergernisses für die Synagogenbesucher geworden wäre. Eine Protestversammlung wurde gegen diese neuerliche Rücksichtslosigkeit der liberalen Gemeindegewaltigen abgehalten, die die Gemüter in starke Erregung versetzte. Man drang nach Schluß der Versammlung in die Verwaltungsräume der Genreinde rin, demolierte das Mobiliar, die Bilder an den Wänden und mißhandelte mehrere Gemeindeangestellte sowie den Präsidenten der Gemeinde. Die Polizei mußte die Ordnung wieder Herstellen. Es herrscht große Erregung. Das bedauerliche Vorkommnis lehrt, daß es in der Warschauer Gemeinde nicht so weiter gehen kann wie bisher. Entweder die Usurpatoren der Eemeindehoheit müssen Persönlichkeiten Platz machen, die das Vertrauen der Orthodoxie genießen oder es müssen schiedlich friedlich zwei Gemeinden gebildet werden. Ser Kumerur clausus auf Umwegen. Warschau, 2. Dez. Bekanntlich ' hat der polnische llnterrichtsminister, ohne sich sehr in theoretische Fragen des Völkerrechtes rinzulassen, auf eigne Faust und auf dem Umwege von internen akademischen Hausordnungen den Numerus clausus für Juden an den polnischen Universitäten trotz Einspruchs von Genf und Paris de facto eingeführt. Auf eine diesbezügliche Anfrage der jüdischen Deputierten im Sejm, erklärte der Unterrichtsminister Glombinski, er wisse von alledem nichts und die Angaben über Ausschluß von Juden an polnischen Universitäten entsprächen nicht der Wahrheit. Es existiere in Polen keine Prozentnorm für jüdische Hochschüler. (Man schließt sie aber ohne Prozentnorm aus und Herr Glombinski braucht nichts davon zu wissen!). €in Gerichtsurteil. Budapest, 2. Dez. Die Bluthunde, die 1919 die unter dem Verdachte des Hochverrats verhafteten Juden aus Iszak und anderen Ortschaften peinigten, schließlich ermordeten und ausraubten, sind, «ie bekannt, später vom Honvedgericht fast alle freigesprschen worden, weil sie angeblich auf Befehl ihres Vorgesetzten Hejas gehandelt hätten. Nun sind sie auch von der zweiten Instanz als frei von Schuld und Sühne erklärt «orden. Einem der Angeklagten, der von der ersten Instanz zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt wurde, wurde sogar eine Ermäßigung um ein Jahr zugesprochen. ein deutscher Rahhiner in Rolland. Amsterdam, 29. Nov. Herr Rabb. Dr. Hartwig Earlebach aus Berlin, Sohn des bekannten Lübecker Rabbiners, ist zum Oberrabbiner der holl. Provinz Friesland gewählt worden. Die Wahl ist insofern von Bedeutung, als man zum ersten Male von der stillschweigenden Tradition abwichen ist, lediglich Zöglinge des Amsterdamer Rabbinerseminars auf holländische Rabbinatssitze zu berufen. Zu den Mordtaten in Irland. Dublin, 29. Nov. Auf eine Interpellation im irischen Parlament erwiderte der Minister des Innern, er glaube nicht daran, daß bei den beklagenswerten Verbrechen irgendwelche Gefühle konfessionellen Hasses mitgespielt hätten. Vielmehr schienen ihm private Racheakte vorzuliegen, deren Urheber absichtlich den Schein konfessioneller Feindschaft erwecken wollten. Die jüdische Gemeinschaft sei in Irland niemals verfolgt worden und alle anständigen Bürger würden es verabscheuen, wenn derartige Regungen aufkämen. Palästina. Lairgwm und das jungi&dlscfre Palästina. London, 29. Nov. Die jungjüdischen Schriftsteller und Journalisten in Jerusalem haben beschlossen, Zangwill für seine mannhafte Rede an den amerikanisch-jüdischen Kongreß zu danken, sein Bild im „Beth-Am" auszuhängen und ihn nach Jerusalem einzuladen. Man sei zwar mit seiner Behauptung, der politische Zionismus sei „tot" nicht einverstanden, aber man erblickt offenbar in Zangwills äußerstem Pessimismus ein Spiegelbild der eigenett Unzufriedenheit. Auch der „ W a a d l e u m i" hat Zangwills Darstellung der tatsächlichen Lage bestätigt. Man fürchtet hier stark, daß der im Werden begriffene Vertrag zwischen König Hussein und England weitere Einschränkungen der jüdischen Rechte in Palästina bringen werde. (Uaad Baleunti und velegierttnyetrammlung. Jerusalem, 15. Nov. Die zweite Sitzung der Mitglieder des Waad Haleumi und der Gemeindedelegierten fand unter starker Beteiligung statt. Die Versammlung wurde eröffnet mit einem Referat David I e l l i n s über die Tätigkeit des Waad in den fünf Monaten seit der letzten Versammlung. Der Vorsitzende berührt auch die verschiedenen Streitigkeiten der letzteren Zeit, bespricht die politische Lage und beschwert sich gegen die zionistische Leitung, die dem Waad Haleumi über die arabische Agentur nichts mitgeteilt hatte. Im Namen der zionistischen Leitung sprach Herr Kolonell Kisch. Er verteidigt den Standpunkt der englischen Regierung gegenüber den Arabern. Ihre extremen Wünsche wurden abgelehnt, in diesem Puttkte aber glaubte man ihnen entgegenkommen zu müssen. Es sei anzuerkennen, daß die englische Regierung sich das Einverständnis der jüdischen Agentur Vorbehalten habe. Die zionistische Exekutive habe nur vertraul i ch davon Kenntnis erhalten und durfte die Mitteilung nicht weitergeben. Redner kann versichern, daß von London kein Abkommen getroffen wird, ohne Berücksichtigung der Balfournote. Das Einbürgerungsgesetz bedarf noch der Genehmigung einiger Instanzen, mache aber gute Fortschritte. Die Beschwerden gegen die Administration wegen Nichtanstellung oder Entlassung jüdischer Polizeibeamten seien unberechtigt. In Sachen der Sabbatruhe der Eisenbahnarbeiter wird mit allen Instanzen beraten, um eine befriedigende Lösung herbeizuführen. Daß die Fragen zur vollen Zufriedenheit gelöst werde, glaubt der Redner selber nicht. Man müsse indeß die unangenehme Lage der Regierung berücksichtigen. M i s ch k i n bedauert die losen Beziehungen zwischen der zionistischen Leitung und dem Waad Haleumi, was die Tatsache bewiese, daß der Waad über wichtige politische Dinge keine Mitteilung erhalte. Kolonell Kisch möge vorsichtig sein mit seinen Versprechungen. Auch die zwei Vertreter des Waad Haleumi in der zionistischen Leitung können sich nicht genug Geltung verschaffen. Das Verhalten der zionistischen Leitung gegenüber der Eisenbahnbehörde sei empörend. Es gehe hier nicht allein um religiöse und nationale Fragen, sieht doch das Gesetz ausdrücklich die Heilighaltung der Ruhe- und Festtage aller Konfessionen vor. Bei der geringen Zahl der jüdischen Beamten ließe sich die volle Berücksichtigung des Sabbats ohne Schwi«. rigkeit durchführen. Es hat keinen Zweck, die Augen vor der wahren Sachlage zu schließen. Weiter üben Kritik an den Ausführungen der Kol. Kisch und dem Verhalten der zionistischen Leitung die Delegierten: Umalia, Divertag, Budkowsky u. a. Nissin beantragt, die Politik den Leitungen in London und Jerusalem zu überlassen, und sich hier lieber mit praktischen Arbeiten abzugeben. Nissim bringt noch einmal die Sabbatruhe der jüdischen Beamten in der Haifaer Stadtverwaltung zur Sprache. Was den Sabbat betrifft, so sollten die jüdischen Beamten zuerst den Sabbat respektieren. In seiner Antwort betont Kol. Kisch, daß er den Vorwurf des Optimistnus als Lob für sich in Anspruch nimmt, und zählt im einzelnen all die Fortschritte der letzten Jahre noch einmal auf. In die Kommission zur Prüfung der Resolutionen wurden gewählt Rabbiner Usiel, Dr. Mossinsohn und Mairowitz. Personalien. Wich«ek Wrrnli Köln, 1. Dezember. Deutschland durcheilt die Kunde: Michael Munk ist nicht mehr. Schon der Umstand, daß wir voraussetzen dürfen, daß wohl jedem, der mit diesen Blättern vertraut ist, sein Name und sein Wohnort nicht unbekannt sind, besagt genug über Popularität und Bedeutung von Michael Munk. Michael Munk dankt diese seine Popularität aber nicht etwa großen äußern Glücksgütern, die ihm eine einflußreiche Führerrolle verschafft hätten. Der Name Michael Munk war schon ein Programm, als er noch schlichter Agent gewesen ist. Der Name Michael Munk öffnete ihm die Häuser der Großkaufleute und Großindustriellen aller Konfessionen, als er noch in arbeitsreichem Mannesalter stand. Jude und Christ hatten zu dem aufrechten und ehrlichen Manne Vertrauen und geizten nicht mit den Ausdrücken und Betätigungen der Hochachtung vor der ehrlichen Gewissenhaftigkeit, vor der kaufmännischen Rechtlichkeit, vor der selbstverständlichen und nicht aufdringlichen Innigkeit seiner wirklichen Gottesfurcht, vor seiner Herzensgüte und nie versauenden Hilfsbereitschaft mit seiner Person und mit seinem Vermögen. Nur von einer einzigen Mizwoh mußte seine Aufopferungsfähigkeit Halt machen. Es war die, deren Ausübung ihm als ZNS verfagi war: imoiR iritvup Oft genug sagte man, wirklich, wenn Michael Munk kein zns wäre, hätte man zur rechten Zeit den rechten Mann am Platze nicht vermißt. Michael Munk entstammte einem Hause, in dem er mit der Muttermilch den Geist der Tauroh, der Awaudoh und des Emilus Ehefed in sich aufnahm. Sein großer Vater y'xr war der von seinen zahlreichen Schülern und Freunden gefeierte R. Eliah Munk, Klausrabbiner in Altona und seine Mutter, die trotz ihres kinderreichen Hauses stets auf Mizwohwegen sich befand, war die Schwester des großen Israel Hildesheimer i>"L7. Kein Wunder, wenn aus solcher harmonischen Ehe Kinder entsprossen, die dem Hause, dem Judentum und der Menschheit, jeder an seinem Platze, nur Ehre machten und machen. Hatte sein äußerer Beruf ihn auch nicht dem Lehramt zugeführt, sein jüdischer Lebensberuf blieb ihm alle Zeit die Hauptsache und sein kaufmännischer Beruf das Nebenamt. Liebe 8 und Befähigung zum Taurohlernen geleiteten ihn ins 8 Leben hinaus. Sein- Weg führte ihn zunächst von 8 Altona nach Halberstadt. Dort war das heutige Welt- 8 haus Aron Hirsch u. Sohn im Aufblühen begriffen. An seiner Spitze stand der Kommerzienrat Joseph Hirsch, für dessen jüdischen Geist der eine Ausspruch bezeichnend ist: „Weil unser Schwager Esriel Hildesheimer in Eisenstadt sitzt und lernt, drum geht es uns geschäftlich gut." Diesen Geist der Sebulun und Iissochor-Verbindung eignete Michael Munk sich als Leitstern fürs Leben an und all die herrliche jüdische Lebenspoesie, die seinen Geist in den Häusern von Scholaum und Süßkind Hirsch in Halberstadt umspielte, blieb ihm Erholung für sein ganzes Leben. Aber auch für wahrhaftes und tiefes Taurohwissen war Halberstadt eine Pflanzstätte. Zu den Füßen des i>ist7rr Jma und seines großen, kindlich reinen Sohnes und Nachfolgers, Rabbiner Selig Auerbach re saß er früh morgens um 5 Uhr und abends - spät nach Geschäftsschluß und trank mit Durst 8 und Won^ie aus ihrem reichen und herzerquickenden Tau- 8 rohborne. Dort in Halberstadt lernte er selbstloses nvmy, 8 grenzenlose Bescheidenheit in der Person des edeln pnx’ "i 8 Lange verehren, schaute, was man einem jüdischen 8 Iünglingsauge nur zu schauen gönnen möchte, atmete 8 eine Atmosphäre ein, die Herz und Geist erhellt und sittlich gesund und jüdisch froh macht und deren Erinnerung einen unverlierbaren Fond an Gottvertrauen für alle Schickungen im Leben bedeuten, an dem man sich zu erheben, zu läutern und zu starken vermag. So in den Vorhöfen des Heiligtums wurzelnd sollt» er in Köln, wohin er 1379-übersiedelte, Blüten