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Der Israelit · 1924-07-31 · Heft 31 (31.7.1924) · page 3

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Journal
Der Israelit
Volume
65 (1924)
Issue
Heft 31 (31.7.1924)
Date
1924-07-31
Page
– (sequence 3)
Language
German
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31. Juli 1924 Der Israelit a m L e b e n b l e i b t, das ist die Tat einer wirklichen Mutter, die ihr Kind liebt." Speziell über die Austrittsgesetzgebung in Deutschland schreibt der Autor weiter: „In Deutschland ist das Austrittsgesetz 5 Jahre später als in Ungarn *) durch Rabbiner Hirsch mit Hilfe des Reichstagsabgeordneten Laster erreicht worden. Warum hat gerade „Frankfurt" das „Verdienst", von Minister Rosenbaum in seinen Anklagen so viel erwähnt Zu werden; eben deshalb, weil „Frankfurt" einen großen Anteil an der Agudas Jisroel-Bewegung hat, muß man ihm alle Sünden und Verbrechen aufbürden. Es verlohnt sich aber doch, etwas bei der Geschichte von „Frankfurt" zu verweilen. Glaubt ihr etwa, daß sich in Frankfurt die Orthodoxie von einer jüdichen allgemeinen Gemeinde getrennt hat, ein Irrtum! Als Rabbiner Hirsch nach Frankfurt kam, waren dort-11 Familien, die die Thora hielten, die übrigen Familien waren bereits von der Reform ergriffen; man hatte in Frankfurt 6 Jahre vorher auf den Rabbineroersammlungen beschlossen, aus den Gebeten alle Stellen, die von Zion'handeln, zu streichen und die Thora „zeitgemäß" umzugestalten. Das veranlaßte diese 11 Familien sich zu einer besonderen Gemeinde zu organisieren unter der Anführung von Rabbiner Hirsch, der sein Landesrabbinat in Nikolsburg verließ und das Rabbinat dieser Frankfurter 11 Familiengemeinde annahm, um sie damit vor dem religiösen Ruin zu retten. Man sollte eigentlich meinen, daß deshalb nicht gerade Veranlassung vorliegt, Frankfurt den Schandfleck „Streitsucht" anzuheften. Wenn jetzt in Frankfurt, in ganz Deutschland, bewußte Juden leben — sogar Rationaljuden —, so ist das Rabbiner Hirsch zu verdanken, der einer vertrockneten Generation wieder frisches Leben einhauchte. Auch Minister Rosenbaum müßte eigentlich damit zufrieden sein, denn wenn die beiden Gaonim und Zadikim, Rabbi Samson Rafael Hirsch und Rabbi Esriel Hildesheimer h"i die Reformbewegung nicht mit aller Energie bekämpft hätten, wäre iü Westeuropa, Gott behüte, keine Spur von Jüdischkeit mehr übrig geblieben. Es wäre auch kein Platz dort für Zionismus und für Nationalismus und man hätte auch kein Verständnis für einen Nationalrat und für einen jüdischen Minister und es könnte auch keine Diskussion mehr über die Frage einer oder zweier Kehillos ent- *) Cs entbehrt nicht einer gewissen Komik, daß der „Haolam", das Zentralorgan der zionistischen Organisation, in einer seiner jüngsten Nummern seine Leser glauben machen wollte, daß die Agudas Jisroel den Austritt in Ungarn veranlaßt hätte, der in Wirklichkeit im Jahre 1871 stattfand. stehen. Ehren wir darum das Andenken Rabbi Hirschs und seine Gemeinde." „Herr Rosenbaum schreibt: „Nach der Zerstörung des zweiten Tempels nahmen wir außer der Thora auch den Gemeindezwang mit ins Exil. In den Zeiten des Talmuds war in jeder Stadt einBes din, welches für Waisen sorgte, für Gefangene, die Wohltätigkeitsanstalten verwaltete und Zwangs steuern eintrieb." „Es ist nicht überflüssig, zu diesen etwas unklaren Bemerkungen folgendes hinzuzufügen: Das Bes din hatte überall die höchste Autorität auch in Zivilrechtsdingen. Bes din war der Leuchtturm der jüdischen Gesamtheit und sein Wegweiser, dessen Pflicht es war, dafür zu sorgen, daß alle Thorastätten und alle sozialen Anstalten durch geeignete thoratreue Persönlichkeiten verwaltet wurden. Darum waren Beamte angestellt, welche die Märkte in ihren Geschäften kontrollieren mußten, daß kein Preiswucher getrieben wurde und kein falsches Gewicht verwendet wurde. Diese Beamten hatten in allen Zweifelsfällen sich an das Bes din zu wenden, welches das Urteil zu sprechen hatte. (Maimonides, Hilch. Sanhedrin 1.) „Z w a n g s st e u e r durch n i ch t j ü d i s ch e Regierungen gab es niemals. Juden gaben stets freiwillig die Steuer für ihre Gemeinde und für den sie Verweigernden gab es wohl die Vorschrift: man zwingt einen zur Zdoko (Baba Vathra 8 Maimonides, Vorschriften über die Spenden an Arme 10. 6). Ich weiß aber nicht ob, wenn Minister Rosenbaum die jüdische gesetzliche Grundlage dieses Zwanges gekannt hätte, er dieses Argument als Beweis für f e i n e Darlegungen gebraucht hätte, denn es g i e b t keine andere Grundlage für diesen Steuerzwang wie für den Zwang Zizzis und Teftfilin anzulegen, wie überhaupt alle Mizwoth ausz u f ü h r e n. Wegen, des allgemeinen Wohles zwingt man jeden Einzelnen, sich an den Bedürfnissen der Gemeinde zu beteiligen und die Minorität kann durch die Majorität zur Mitbeteiligung gezwungen werden. Für gewisse Gemeindebedürfnisse wie Synagoge, Talmud- Thora, Rabbiner, kann sogar die Minorität die Majorität zwingen. Von den weniger wichtigen Gemeindebedürfnissen ist derjenige frei, der keinen Genuß davon hat. Eine solche Gemeinde muß aber das gesamte Leben nach den Grundsätzen der Thora umfassen, und nur eine solche Gemeinde wird die Orthodoxie auch heute noch wünschen." Nr. 31' Seite 3 Die Epochen des Niedergangs und die Genien des Aufstiegs in der jüdischen Geschichte. Von Dr. Adolf Alimanrr, Oberrabbiner in Irrer. (Fortsetzung.) Wenn wir aus der jüdischen Geschichte zum Zwecke unserer Betrachtung sechs große Perioden herausheben, so finden wir, daß es den Juden eben foviele Mal am schlechtesten, was man gewöhnlich schlecht nennt, erging, daß aber eben soviele Mal ein Größtes und Höchstes aus ihrer Mitte hervorgegangen ist. Gut, in dem Sinne, was man landläufig gewohnt ist gut zu nennen, ging es ihnen bloß in zwei Zeitabschnitten. Aber sehen wir, was das Judentum aus diesen zwei Epochen aufzuweisen hat und was aus den sechs ersteren. Die sechs schlimmsten Zeiten sind die folgenden: 1. Die Knechtschaft in Mizrajim, 2. die erste Zerstörung Jerufcholajims mit dem n'nn sann durch Nebukadnezar, 3. die syrisch-hellenische Bersolgungswelle unter Antiochus Epiphanes, 4. die abermalige Zerstörung der heiligen Stadt, des isnpan unb des jüdischen Staates durch Titus, 5. bte (8l)ettoteibens$eit des Mittelalters und 6. das moderne Judentumsmartyrium unserer Tage. Die jüdische Geschichte kennt natürlich auch noch andere Leidenszeiten für aber so bedrückend und erniedrigend, jeden Lebensnerv auf Sein oder Nichtsein berührend, sind doch nur diese sechs. In Mizrajim hatte der Verfall buchstäblich bis an den Rand des Abgrunds geführt. Außer den Berichten des darüber und der zahlreichen h"m nm ist hierfür am bezeichnendsten der bekannte , laut welchem es n«»v ww»n gibt, fünfzig Stufen des Niedergangs, von denen 49 unsere Ahnen in Mizrajim bereits erreicht hatten. Wohl kaum eine der Bitterkeiten und Entmenschlichungen aus dem Register eines schweren Sklavengeschickes blieb ihnen erspart. Der Ausdruck: „Menschen im Abgrund" war niemals so. sehr auf ein Volk als ehemals auf Jisrael anwendbar. Und dennoch, siehe da, aus dem mächtigsten Tiefstand die gewaltigste Erhebung. Aus dem fürchterlichsten Verfall heraus erstand der größte und erhabenste Genius: rw». Die tief im Staube Liegenden schnellten bis zu den Sternen empor. Die Aermften am Leibe wurden die Reichsten am Geiste durch den Genius, den die Haschgochoh uns aus der Rot heraus erzeugte. Und wenn die Genien aller Völker aus ihren höchsten Höhenzeiten heraus Zusammengenommen ' Ja. das Leben ist kurz, kurz und unsicher zugleich. die Hälfte verschlafen wir. Tückisches Men- Ichenfchickfal! Und was bleibt nach Befriedigung aller sonstigen „Belange" noch übrig an reinen, seelischen. idealen Genüssen? Ja, uns fesselt — um mit dem Dichter zu reden — gar zu sehr das Gemeine. Nachdem die Thora des Lebens schönste Würze bilden soll, sannen die Weisen zugleich über des Lebens Kürze nach, wa-» iawn ön Thora verlängert es. Der Alltag ist ein Schelm. Unglaubliches leistet er. f&ipai Greife nach Dem Lebenselixir täglich. Und jeder, er sei alt oder fang, reich oder arm, gesund oder krank. Ferien -gibt es nicht, so wenig wie fürs Essen, Trinken und Ätmen. Damit sind wir bei den Ferien angelangt. Die durch gesetzliche Regelung alljährlich öfters stattfindende Unterbrechung derSchularbeit nennen wir gemeinhin Ferien. Sie dienen der Erholung, die auch das jüdische Kind nötig hat, vielleicht nötiger als andere. Faßt doch des Lebens Ernst und Sorge von jeher den Juden doppelt stark an. Das jüdische .Kind ist außerdem noch seelischen Depressionen preisgegeben. Es fühlt sich dank der antisemitischen Hetze, die auch vor den heiligen Stätten der Schulen und Wissenschaft nicht halt macht, dort nie recht zuhause, Ausnahmen zugegeben. Ist es ihm nicht Herzlich zu gönnen, wenn es mit dem Schulranzen -auch die Schulsorgen auf einige Wochen beiseite legt, um Kräftigung und Erholung zu suchen in Gottes freier Natur, in ungebundener Bewegung bei Spiel, Gesang und Wanderung? Eine Verneinung dieser Frage wäre nicht nur unnatürlich und unpädtigogifch, sie wäre direkt unjüdisch. Mens sana in coipare sano, „ein gesunder Geist wohnt NM in einem gesunden Körper". Mag der Satz praktisch-nüchternen Erwägungen sein Entstehen verdanken, wir Juden heben ihn in die geweihte Sphäre der heiligen Religion. Uns ist der Körper mit all' seinen Kräften das gottgeweihte Instrument der Seele und jede Schädigung oder Schwächung der Gesundheit wird auss schärfste verpönt, ja dem Morde oft gleichgestellt. Wenn Wissenschaft und Erfahrung Mittel und Wege gesunden, die körperliche Gesundung zu erhöhen und zu stählen, dann begrüßen wir als Juden solcherlei Fortschritte doppelt. Sie liegen uns vom religiösen Standpunkte nabe. In jungen Jahren selbst ein großer Freund des Turnens, sehen wir heute noch gymnastische Uevunaen mit Vorliebe und wünschen solche nickt nur für Knaben, sondern auch für Mädchen, selbstredend innerhalb der nach jeder Seite gebotenen Grenze des Schicklichen. Je mehr Zuwachs an körperlicher Kraft und Gewandtheit, desto günstiger der Boden für geistige Frische und Elastizität, für eine Mehrung der jüdischen Volkskraft. Nach Vorstehendem zählen wir nicht zu den griesgrämigen Philistern, die an der sonnigen Heiterkeit jugendlicher Seelen nicht Freude haben. Im Gegenteil, der rechte Lehrer bleibt ewig jung durch seine Kinderschgr. Das darf aber Nicht hindern. Maß nnd Einteilung auch für die der Jugend gebührende Freiheit zu verlangen. Die Ferientage sind unter dem Gesichtswinkel der jüdischen Weltanschauung entsprechend auszunützen n»n^» NLw mVinnm* Alles kommt auf die Taktik an. Wo ein Wille, da ein Weg. Es dürste bei rechter Verteilung von Stofs und Zeit nicht schwer sein, die Kleinen einige Stunden im Tage zum jüdischen Unterricht zu bekommen. AllesZwangmätzige und Schablonenhafte in Stoff und Form muß natürlich weg-. fallen, ohne daß der Lehrer und Leiter seine Ziele aus dem Auge verliert und einer Art Zügellosigkeit zum Opfer fällt. Es mutz der Ton einer gemütliehen Unterhaltung herrschen. Auf diese Art läßt sich manches an den Mann bringen, wozu im schulplanmäßigen Betrieb oft Zeit und Kraft nicht hinreichen. Sind Kinder zu einer Ferienkolonie korporativ vereinigt, dann liegen die Dinge noch günstiger: denn hier wird meistens auf anstrengende Fußwanderungen verzichtet. Man pflegt mehr der Ruhe, damit eine Gewichtszunahme der Kleinen als Erfolg gebucht werden kann. Was den Kindern unterrichtlich geboten wird, soll sich mehr an das Gemüt als an den Verstand wenden. Zeige ihnen die farbenprächtigen Blüten vom Baume der Agada, im Garten des wYra gepflückt. Hebe gemeinsam mit allen die' rni’M für Thora-Vorlesung und rniüBn* Skizziere die an die Schultafel, den Grundriß des pw»' die Lager-- und Zugsordnung. Wer machts nach? Bibellesen: Stücke mit lebendigem Gang der Handlung, wie Simsons Heldentaten. David und Goliat, Sauls Ende, Daniel und seine Genossen, Rut, Esther etc. Dadurch werden die Kleinen in allen Teilen der Bibel etwas bekannter, ohne sich viel anzustrengen. Hebr. Schreiben: Lauttreues Abschrecken hebr. Druckschrift. Abkürzungen wie n"> vw' n*»' n"3' v"'rr^ v"vdw' v"ni> »'TU' Alles Dinge, an die man im Semester nicht leicht kommt. — Man lasse Inhaltsüberschriften von V»V oder n"' an die Tafel schreiben und zwar durch die Schüler selbst. Das weckt Wetteifer Zugleich dient es der Wiederholung. Macht man einen Ausflug. so gibts genug Unlerhaltungsstoffe spezifisch jüdischen Inhalts: Welche Berge spielen in der Bibel eine Rolle? Namen für Ebene. Täler. Wald. Feld,

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