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Der Israelit · 1923-12-20 · Heft 51 (20.12.1923) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
64 (1923)
Issue
Heft 51 (20.12.1923)
Date
1923-12-20
Page
– (sequence 10)
Language
German
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« Beilage Der Israelit Nr. $i 1923 V lÄI£kAÄ mm Nach Berlin. Ein Kulturbild aus dem vorigen Jahrhundert von M. L. (Fortsetzung.) „Mein lieber Rabbi Bär," sagte David traurig, „was verlangt Ihr von mir? Ich habe mein ganzes Leben lang mich redlich ernährt und habe nie eines Menschen Hilfe in Anspruch genommen, selbst wenn es mir recht schlecht ging und ich dq§ Geld nicht aufzubringen wußte, welches ich für Doktor und Apotheker gebrauchte. Gott hat mir immer derart geholfen, daß ich mich redlich und ehrlich durchgebracht habe. Und jetzt auf meine alten Tage soll ich zum Bettler werden?" „Das könnt Ihr machen, wie Ihr wollt, Dowid. Meint Ihr denn, es wäre für mich solch ein Chaschiwus, daß mein Abraham ein Mädchen heirate, welches die Nedan erst geschenkt erhalten mutz? Sind wir, ich und mein Abraham, nicht zu stolz, solches Geld zu nehmen, so braucht auch Ihr nicht so stolz zu sein, Euch darum zu bemühen, llebrigens machts, wie Ihr wollt. Mir ist es auch lieber, wenn aus diesem Schidduch nichts wird, und mein Abraham eines reichen Mannes Tochter heiratet. Kriegen kann er deren genug. Sind ihm doch schon Mädchen mit fünfzehnhundert Thalern angetragen! eine sogar, etwas buckelig, mit dreitausend Thalern. Wenn der Junge nicht in Eure Tochter vernarrt wäre, so müßte er die nehmen. Und da ich Euch so gute Konditionen stelle, kommt Jhrr mit Eurem Bettelstolze! Niemals gebe ich meine Einwilligung, wenn Ihr die tausend Thaler nicht, aufzählt. Gut Schabbes!" Zornig ging er von dannen. Betrübt und traurig blieben David und seine Frau zurück. Perl wagte es nicht, ihren Mann zu bitten, die schwere Reise nach Berlin anzutreten. Als nachher Klärchen nach Hause kam und ihr die Eltern erzählten, was Rabbi Bär Kuttner gesagt hatte, da bat auch sie ihren Vater nicht, den schweren Schritt für sie zu tun. Aber die stille Trauer von Mutter und Tochter schnitt dem armen David ins Herz. Er beschloß, schon Sonntags die Reise nach Berlin anzutreten. III. Auf der Veranda seines prachtvollen Landhauses an der Schönhauser Straße saß Rabbi Daniel Jtzig beim Frühstück. Es war ein herrlicher Morgen. Das Landhaus lag in der Mitte eines Gartens,' ringsum standen schattige Bäume, in denen die Vögel zwitscherten: herrliche Blumen erquickten das Auge: eine Fontäne sandte ihre Wasserstrahlen empor, welche angenehme Kühlung verbreiteten. Rabbi Daniel hatte den Simchas Nephesch vor sich, in welchem er eifrig las, während er die Schokolade schlürfte. Rabbi Daniel befand sich in sehr heilerer Stimmung. In der Woche zuvor hatte sich eine seiner Töchter mit dem bekannten David Friedländer verheiratet. David Friedländer gehörte der sogenannten Mendelssohnschen Schule a-r. Von dem großen Kreise jüdischer Gelehrter, welche sich die Schüler des großen Philosophen nannten, war David Friedländer einer der wenigen, die wirklich den Unterricht Mendelsohns genossen hatten. Er hatte den Vorlesungen anwohnen dürfen, die Mendelssohn für seinen Sohn und einige gleichalterige junge Männer gehalten und die später unter dem Titel „Morgenstunden" publiziert wurden. Auch in das Judentum war die Gährung des Zeitalters, welches später in der großen französischen Revolution von 1783 zu so gewaltigem Ausbruche gelangte, eingetreten. Die jahrhundertelange Knechtung und Demütigung der Juden hatte die äußere Form ihres Seins und Wesens vielfach beeinträchtigt. Die Umgangssprache der Juden war ein häßlicher Jargon, ein Gemisch aus Deutsch, Hebräisch und noch einigen andern Sprachen. In den Synagogen ' ging es oft ganz tumultarisch zu: je lauter der Vorsänger schrie, desto mehr glaubte er zur Andacht zu erwecken. Einst hatte der große König die Berliner Synagoge besucht. Der Vorsänger, davon benachrichtigt, legte die Hand an die Wange, um recht laut singen zu können. Da sagte der König: Der Mann ist gescheit, der hält sich selber die Ohren zu! — Die Mendelssohnianer — Mendelssohn selbst blieb diesen Bestrebungen durchaus fremd — suchten das Judentum vom ästhetischen Standpunkte aus zu reformieren. Sie fanden natürlich großen Widerstand. In den Kämpfen gegen das Althergebrachte gingen sie immer weiter, bis einige von ihnen zu offenen Feinden und Widersachern des Judentums wurden, die Vorschriften über die Sabbatfeier, die Speisegesetze und andere wichtige Gebote unserer heiligen Religion vernachlässigten und verletzten. An der Spitze dieser Bewegung stand David Friedländer. der das Judentum mit Hohn und Spott verfolgte und zu untergraben suchte. Zur Zeit, als unsere Geschichte sich ereignete, hatte er diese prononzierte Stellung noch nicht eingenommen, und beobachtete äußerlich die jüdischen Religionsgesetze. Trotzdem trat seine eigentliche Gesinnung bei mancher Gelegenheit zu Tage. Als er an jenem Sommermorgen seinen Schwiegervater besuchen wollte, suchte er vorher dessen Hausrabbi, den schon erwähnten Rabbi Joseph Theomim auf, um mit ihm zu disputieren. „Rabbi Joseph", redete er den Lehrer seines Schwiegervaters an, „ich möchte Sie bitten, mir eine Frage zu beantworten. Zu welchem Zwecke erzählt uns die Thora eigentlich, daß das Kebsweib des Elifaß Thimnah geheißen hat?" Rabbi Joseph sah den Fragendm von oben bis unten an. Er hatte dessen Gesinnung seit lange durchschaut, und eingedenk der Vorschriften unserer Weisen, daß es wohl geeignet sei, einen nichtjüdischen Gottesleugner zu widerlegen, daß man sich aber mit einem jüdischen Apikaures in keinen Disput einlassen soll, antwortete er: „Ich bedaure, Herr Friedländer, Ihnen keine Auskunft geben zu können: ich weiß und verstehe von derartigen Dingen nichts." Auf diese Antwort hin eilte Friedländer in den Garten, wo er seinen Schwiegervater vermutete. „Herr Papa," rief er diesem schon von weitem entgegen, „was haben Sie da für einen Menschen im Hause, dem Sie Ihr gutes Geld bezahlen? Ich habe eben diesem Rabbi Joseph ein wenig auf den Zahn gefühlt, ich habe ihm eine Frage aus der Thora vorgelegt, und da hat er denn selbst eingestehen müssen, daß er nichts wisse und nichts verstehe." „Merkwürdig," sagte Rabbi Daniel, den Simchas Nephesch aus der Hand legend, „merkwürdig, und er ist mir doch von tüchtigen Kennern als großer Lamdon empfohlen worden!" „Fragen Sie ihn selbst," entgegnete Friedländer. „Das eigene Geständnis wiegt soviel! wie hundert Zeugenaussagen." | Friedländer entfernte sich, um der Schwiegermama einen guten Morgen zu wünschen: Rabbi Daniel ließ seinen Hausrabbi bitten, zu ihm zu kommen. „Rabbi Joseph," redete er diesen an, „sagt mir einmal, ist es wahr, daß Ihr eine Frage, welche -David Euch vorgelegt hatte, nicht habt beantwortm können, daß Ihr selbst die Erklärung abgegeben, Ihr wisset und verstündet nichts? Wofür gebe ich Euch denn fünf Thaler die Woche?" „Rabbi Daniel," antwortete der künftige Verfasser des weltberühmten Werkes Pri Megadim, „es ist wahr, ich weil' und verstehe nichts: aber die Versicherung kann ich Euch geben, für fünf Thaler die Woche bin ich Lamdon genug." „Ihr seid ein gar bescheidener Mann," entgegnete Rabbi Daniel, „und tüchtige Kenner haben mich versichert, daß Ihr in unserer ganzen Thora Bescheid wisset. Warum habt Ihr meinem David die Auskunft verweigert?" „Er hat mir eine Frage vorgelegt, die einst der böse König Menasche an seinen Großvater, den Propheten Jesajas, gerichtet hat. Wie es Menasche nicht darum zu tun war, sich belehren zu lassen, so, fürchte ich, hat Herr Friedländer jene Frage nur deshalb gestellt, um mich in Streitigkeiten zu verwickeln." „Und was ist das für eine Frage?" „Warum die Thora zu erzählen nötig hat, daß Timnah das Kebsweib des Elifas war. Wenn Ihr es wünscht, Rabbi Daniel — Euch will ich es gern erklären, so gut ich kann." „Ich bitte darum!" „Timnah war eine Fürstentochter. Unsere Weisen erzählen, daß sie den Wunsch hatte, sich der Familie der Stammväter anzuschließen, aber von diesen zurückgewiesen wurde. Da wurde sie das Kebsweib Elifas, des Sohnes Esaws. Mit ihr zeugte Elifas den Amalek, den Stammvater des Volkes, welches der Erbfeind Israels wurde. Auch Amalek hat seine Aufgabe auf Erden. Wenn Israel sündigt, wenn es durch Wohlleben übermütig wird, dann feinden die Amaleks es an und bringen es durch Verfolgungen und Leiden zur Buße und Besserung. Unsere heiligen Stammväter waren Propheten. Ihnen war es vor allen Dingen darum zu tun, daß Israel in Heiligkeit und Frömmigkeit seinem Gotte diene. Wenn Timnah eine Bekennerin des einzigen Gottes geworden wäre, so wäre Amalek nicht in die Welt gekommen, dann wäre die Gefahr da, daß Israel in Sünde und Abfall versinken würde, ohne daß es die Anfeindungen seiner Gegner auf den rechten Weg zurückführten. Das aber wünschten unsere heiligen Stammväter nicht. Sie wollten vielmehr, daß Israel in Zeiten des Uebermuts und der Sündhaftigkeit, durch Verfolgungen und Leiden geläutert, stets wieder den Weg zu seinem Vater im Himmel finden möge. Diesen großen Gedanken deutet uns die heilige Schrift an in den Worten: Und Timnah war das Kebsweib des Elifas, des Sohnes Esaws, und sie gebar dem Elifas den Amalek. Timnah, die Schwester des Lotan, des Fürsten von Seir, hielt sich nicht zu vornehm, eine dienende Stellung in dem Hause eines Abrahams-Enkel einzunehmen. — Auch in unserer Zeit ist es notwendig, sich diesen Gedanken vor Augen zu führen. Es gibt in unserer Zeit Juden, denen nichts höher gilt, als die Hebung unserer äußeren Stellung. Deshalb verlangen sie, daß unsere Kinder fremde Wissenschaft erlernen, und daß unsere Synagogen den Bethäusern der Nichtjuden gleichen sollen. Das Studium der Thora wird dadurch vernachlässigt und das innige Band der Frömmigkeit und Gottesfurcht, welches Israel mit seinem Gotte verbindet, wird dadurch gelockert. Den zukünftigen Geschlechtern

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