Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 70 (1929)
- Issue
- Heft 42 (17.10.1929)
- Date
- 1929-10-17
- Page
- – (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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17. Oktober 1929 Der Israelit Nr. 42 Seite 3 kn foer Zeitschrift Argueologia e historia „Os Cristaos-Novos em Portugal no Secelo XX" (Lisbao 1925) xichtiggestellt): „Grande Deus de Israel, Adonai Sebaot, Melo Col Haares Quebodo, o forte de todas as armes, Senhor do Ceu e da Terra . . . Großer Gott Israels, Herr Zebaoth, die ganze Erde ist voll von Deiner Herrlichkeit, Du, der Du stärker bist als alle Wesen, Herr des Himmels und der Erde ..." Es folgt eine Andeutung über die schwere und gefahrvolle Lage der Gemeinde als einer geheimen Verbindung: „Du weiht wohl, daß wir nicht nach unserer Pflicht tun können, da wir in die große Zerstreuung versetzt sind, verlassen und auseinandergerissen in fremden Ländern, fern von Jerusalem, dre Stadt Deines Heiligtums, und wir haben keine Priester, keine Leviten, damit wir, o Herr, Deinen heiligen und göttlichen Namen, lobpreisert und verherrlichen, können." Der betende Marrane erfleht Gottes Schutz gegen die drohenden Gefahren. Sein Gebet wird zu einem gedichtlichen Ueberblick über. Israels Martyrologie. Nur dieses wache historische Gedächtnis schenkt ihm Kraft und Selbstvertrauen: „Gib mir, o barmherziger Vater, Jahre von Glückseligkeit. Befreie mich, o Herr, wie Du Moses, Deinen Diener, von den Verfolgungen eines gottlosen Königs befreit hast, und Dein Volk Israel aus der Knechtschaft Aegyptens, und Abraham, Deinen Geliebten, aus dem Feuer der Chaldäer, und David, Deinen Gesalbten, von der Lanze Sauls, und Josef, den Rechtfertigen, von den Lockungen in Aegypten, und Jonas, Deinen Propheten, aus dem Bauche des Walfisches ... so befreie und erlöse auch mich von allem, das von Uebel ist für meine Seele und für meinen Körp e r." Schließlich folgt der Ausdruck des festen Glaubens an die überlegene Macht des Geistes. Die Verfolger haben die physische Macht, doch der Geist ist stärker: „Nicht soll sich der Reiche seines Reichtums rühmen, nicht der Weise feiner Weisheit, nicht der Starke seiner Stärke, denn sie sind von keinem Werte. Bloß der gstten Taten dürfen, wir uns rühmen, die wie hier in dieser Welt .vollbringen." . Die Rezitation verklingt. leise in einem Gesang. Die alte fingt mit ihrer schwachen Stimme das Pefachlied, eine Umdichtung von Moses' Meergesang im zweiten Buche Moses (Kap. 16). Es war eine seltsame.Andachtsstunde, die ich in dieser ärmlichen Schuhmacherwohmmg tött Lissabons Indiana verleben durfte. Der Raum war von heroischen Erinnerungen umstrahlt. Die gebrechliche Alte, Vorbeterin bei diesem improvisierten Gottesdienste, saß da, still und müde, gleichsam allem Irdischen entrückt, und eine Glorie schien ihr bleiches Antlitz zu verklären. Ergriffen verließen wir diesen Raum. der einem religionshistonschen Museum glich, während die Frauen an der Schwelle klänge stehen blieben und uns wie alten Freunden Abschiedsgrüße zuwinkten — drei Marranengenerattonen, durch ein heiliges Geheimnis verbunden. (Bekanntlich hat sich der Rabbinische Rat der Agudas Jisroel bei der Kenefsio gedaulo mit dem Marrcmenproblem befaßt; wir verweisen auf die veröffentlichte Resolution!. Red.). (Schluß folgt.) Fürst Radziwill und der Esrog. Eine Wilnaer Sirkkstgeschichle von Iizchok Brandes. Diese Geschichte begab sich vor hundertsieben¬ und sechzig Jahren, im Jahre 5516, während Arthur Carlos de Barros Basis» Führer der Marranenbervegttug in Portugal. Trawers Herford. Verfasser des bekannten Buches „Die Pharisäer", ist durch die vortrefflichen Aufsätze von H. Neubauer, Hermannsburg unseren Lesern wohlbekannt. des siebenjährigen Krieges, den Friedrich der Große mit den Herrschern von Oesterreich, Rußland, Frankreich und Sachsen führte. Infolge des Krieges waren die Straßen lebensgefährlich, und aus Polen nach Erez Israel oder in ein an¬ E'in Blick durch die Porta Ottaoia auf eine malerische Häusergruppe im Ghetto zu Rom. deres Land zu kommen, wo Esrogim zu bekommen waren, war unmöglich. Der Sommer war bereits zu Ende und es kam die Clulzeit. Die Töne des Schofar erklangen schon und die Judenhekt von Wilna rüstete zu den hohen Feiertagen; man begann die Zeit der Buße vorzuberetten und im Wilnaer Ghetto wurde die Düsterkeit der Gerichtstage fühlbar. Auch der Gaon von Wilna — fein Andenken uns zum Segen — hatte viel Kummer und Sorge. Er brauchte natürlich vor dem Tag des Gerichtes keine Furcht zu haben: denn wer außer ihm könnte vor den Richterstuhl mit so viel guten Werken und Wohltaten treten? Des Gaons Kummer war ein ganz anderer. Er sah ein, in einem so großen Kriege, an dem die halbe Welt teilnahm, würde es unmöglich fein, einen Esrog zu beschaffen; wie konnte man da die Mizwah der vier Fruchtarten erfüllen? Es war bereits nach Rofch-Hofchanah, der Jomkippur war schon vorüber, und in Wilna gab es noch immer keinen Esrog; was konnte das für ein Sukkotfest fein, ohne einen Esrog, und gar für den Gaon von Wilna, der die Mzwah der vier Fruchtarten so hoch schätzte, daß er sich das ganze Sukkotfest hindurch am Esrog erfreute? Ihr wißt ja, als er zur Sukkotzeit im Jahre 5558 dahinging, da starb er, den Esrog und den Lulaw in der Hand. Als aber das Sukkotfest nahte und noch kein Esrog da war, da schloß sich der Gaon von Wilna ein und ließ niemanden, auch keinen seiner Schüler, vor sein Angesicht; und er flehte zu Gott dem Herrn mit heißem Gebet. Da traf es sich, daß am Vortage des Sukkotfestes dem Woiwoden von Wilna, Fürst Radziwill, die Tochter erkrankte; und der berühmteste Arzt war berufen, Rabbi Jehuda Halewi Hurwitz, von Wilna. Er untersuchte die Kranke und befand ihren Zustand gefährlich; als Fürst Radziwill ihn fragte, was zu tun fei, um die Prinzessin zu retten, antwortete ihm Rabbi Jehuda Hurwitz: „Es steht schlecht — es gibt keine Hilfe". Da rief Fürst Radziwill vrezweifelt aus: „Ich bin bereit, mein ganzes Vermögen herzugeben, nur rette mein Kind!" Rabbi Jehuda Hurwitz versank in tiefes Sinnen und antwortete dann: „Durchlauchtigster Fürst! Arzneien helfen gar nichts; es gibt nur noch ein Mittel: Bei uns in Wilna gibt es einen großen, heiligen Rabbi, fein Name ist Rabbi Elijahu; nur dieser Rabbi kann durch sein Gebet das Leben deines Kindes retten!" Der Fürst, dem keine Wahl blieb, sandte eiligst eine Reiterstafette mit einem hebräischen Brief aus, den der Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz geschrieben hatte, worin der Fürst den heiligen Rabbi beschwor, für die Gesundheitseiner Tochter zu beten. ' Als dem Gaon gemeldet wurde, eine Stafette vom Fürsten Radzwill fei zu ihm gekommen, ließ er sie vor; er las den Brief durch, betete dann inbrünstig und übergab dem Boten einen Zettel, auf dem die Worte standen: „Denn gut ist der Herr zu allen Geschöpfen und'sein Erbarmen über allen seinen Werken." Der Arzt Rabbi Jehuda Hurwitzden Fürst Radziwill bis zur Rückkehr der Stafette in feinem Haufe beherbergt hatte, las die Antwort des Gaon und teilte dem Fürsten freundlich mit, der Gaon habe feine Tochter gesegnet, auf daß sie gesunde. Bon diesem Augenblick an.wich die Krankheit der Prinzessin und am Morgen des ersten Sukkottages konnte sie schon ihr Lager verlassen. Fürst Radziwill ließ noch einmal den Arzt Rabbi Jehuda Hurwitz rufen, und fragte ihn, wie er dem heiligen Rabbi für die Genesung seiner Tochter danken könnte.