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Der Israelit · 1929-11-07 · Heft 45 (7.11.1929) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
70 (1929)
Issue
Heft 45 (7.11.1929)
Date
1929-11-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 45. Seide 5 j" Z ‘- 7. Novembtsr 1929 Der Israelit Möglichkeit, di-e Jugend, die völlig verloren zu gehen drohte, zu halten uind zu Pionieren im Dienste der Thorcr heranzubilden. Die Schaffung des Milieus, den Zusammenschluß der das war es, was Esriel Hildesheimer nun überall in seiner Wirksamkeit erstrebte. In der Jeschiba in Eisenstadt, in den Anfängen der Adaß Jisroel, in der Begründung des Nabbinerfeminars, immer war diese Idee die herrschende. Nicht Absonderung um der Absonderung willen-, sondern nur innigster Zusammenschluß der Gleichgesinnten zu einer Familie gleichsam — und wer es nicht selbst mehr erlebt, weiß es aus den Berichten, die uns aus jener Zeit überkommen sind, daß die „Gründungen" Esriel Hildesheimers eine Familie darstellten. Was das Milieu für die Selbstfestigung, für die Erziehung bedeutet, das bedarf keiner weiteren Schilderung. Auch in das Milieu wirdman hineingeboren, und wenn Abstammung und Haus zum So-Werden des Menschen im allgemeinen prädestinierten und mehr als irgendwo für den thoratreuen Juden, „fo dient das Milieu der Erhaltivnig der ererbten und in der Kindheit im Elternhaus erworbenen religiösen Kräfte. Die Schaffung von Institutionen, die thoratreues Leben ermöglichen und erleichtern, ist wohl die der Zeit nach erste Tat in der Sondergemeinde. Aber sie ist nicht ihr letzter Sinn. Bolljude werden im gemeinsamen Streben mit dem Gleichgesinnten, Volljuden schaffen dadurch, daß mami das Zentrum verlebendigt und alle Macht des Milieus sich auswirken läßt, das ist nn&nnn nvya «fio 7i*?nn der ursprüngliche Zweckgedanke, wenn er sich auch später erst in die Wirklichkeit umsetzt. Und zuletzt: auch die Institutionen werden erst zu dem, was sie fein sollen, wenn der durch diese Konzentration schöpferische Geist ihre Aus- und Fortbildung beherrscht. Ist aber dies die Idee der Sondergemeinde und hat Esriel Hildesheimer, wie wir aus seinem ganzen Leben und Wirken glauben ablesen zu können, sich von dieser leiten lassen, dann ist es keine Frage, welche Mahnung er heute ain> uns richten würde. Was ist das Charakteristikum unserer Zeit? Die immer stärker werdende Nivellierung der religiösen Gegensätze. Das wäre eine freudig zu begrüßende Tatsache, wenn es sich um eine wirkliche Annäherung an das überlieferte- Judentum in Lehre und Leben handelte. Aeußerlich gesehen liegt eine solche vor. In einem über das Maß der PrinzipiMfestigkeit hinausgehenden Entgegenkommen werden thoratreue Institutionen von ihren Gegnern gefördert. Und es darf zugestanden werden, daß dies nicht bloß aus einem als Notwendigkeit empfundenen kalten Rechtsprinzip heraus gewährt wird, sondern aus.der Ueberzeugung, daß die Bekenner des thoratreuen Judem»- tums als Bewahrer des altüdischen religiösen Gutes erkannt und anerkannt werden. Aber ist die Angleichung innerlich erfolgt? Bringen wir, anstatt uns in Allgemeinheiten zu ergehen, nur eirn Beispiel aus jüngster Zeit. Auf der Tagung der Vereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands wurde das Thema einer Reform der jüdischen Ehegesetzgebung. erörtert. Welch ein Unterschied im Tone des Referats gegenüber den Angriffen auf die „Orthodoxie", wie sie in den früheren aus der Geschichte der Reformbewegung bekannten RabMierversammlungen, Synoden und Kongressen üblich waren! Welch erschreckender Mangel aber auch an Verständnis für die Grundlagen des Judentums, wie sie von uns auf dem Boden der Anerkennung der schriftlichem. und mündlichen Lehre angenommen werden muffen-, wenn an uns die Forderung gestellt wird, die Initiative zu ergreifen zu Aenderungen, die das sinaitische Gesetz aufheben, wie etwa daß statt des Mannes in Verhinderungsfällen ein Beth-Dinden Scheidebrief überreicht? Aber noch mehr! In Wahrheit ist eine Ängleichurg. zum mindesten eine Annäherung vieler im Leben Thoratreuer an die Gedankengänge der liberalen Weltanschauung erfolgt. Nicht von den Äelteren ist die Rede, Sie mias?--ton min Vv erwachsen sind. Sie sind gefestigt. Aber wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören, der weiß, wie es in einem beträchtlichen und nicht dem schlechtesten Teil der Jugeind gährt. Me sie, um es ganz kraß zu fassen, sich mit dem Gedanken vertraut macht: Alles darf man bezweifeln, wenn man nur praktisch das Religionsgesetz nicht verletzt. Und wie es d r ü b e n jetzt eine Reihe von Männern gibt, die ganz ex officio die liberale Weltanschauung vertreten, aber nicht.einmal am Sabbat tragen, so hüben bei uns viele, die kein Gebet, keinen einzigen Fasttag auslassen, geschweige denn, daß sie einbiblisches Gesetz übertreten, aber die Bedingung, ohne die alle Religionsgesetzgebung sinn- und zweckwidrig ist, den Glauben an die sinmtische Offenbarung verleugnen. Ich halte es für abwegig — das ist meine persönliche Meinung —' die Schuld hierfür auf jüdisch-politische Konstellationen zu schieben. Es genügt vollkommen zur Erklärung, daß die geistige Assimilation an unsere Umwelt bei denen, die den Einflüssen der modernen Kultur zugänglich sind, (und welcher geistig interessierte Mensch könnte sich ihnen verschließen) trotz alles Geredes von der Renaissance des Judentums immer größere Fortschritte gemacht. Gegen diese geistige Assimilation sich zu wappnen, ihr mit allen Mitteln entgegenzutreten, ist heute mehr noch als vor einem Menschenalter das Gebot der Stunde. DM Kampf im Innern muß jeder kämpfen. Bundesgenosse ist mehr noch als der Lehrer, ja mehr als der geistige Führer der Freund, der Gleichgesinnte, mit dem man sich eins fühlt m gleichem Streben. Auf die Kinder wirken die Kinder aus den gesinnungsverwandten Häusern, aus'den Stätten, wo der gleiche Rhythmus religiösen Lebens schlägt. , Ist aber ein geschlossenes Milieu, wie wir das auch oben ausgeführt, eines der gewichtigsten Mittel, um den gefährdenden Kräften der Außenwelt zu begegnen, dann ist es keine Frage, wie heute die Mahnung Esriel Hildesheimers an uns lauten würde: Schließt euch noch mehr zusammen, haltet noch mehr zu einander! Die Sondergememde ist nicht bloß' ein! Zweckverband zur Sicherung rituell einwandfreier Institutionen. Sie soll ein religiöses Zentrum von intensivster Spannung sein, das alles, was in seinen- Wirkungskreis gerät, geistig beeinflußt und seelisch beherrscht, das seine zentripetale Kraft bei den stärksten zentrifugalen Einflüssen bewährt, das die Menschen in seinem Bereich modelt nach seinem Ideal, das eine gesicherte Heimstätte bietet für die, die in die Irre zu geraten drohen. Nicht die Zahl ist das entscheidendena Tijn ■wnV nrpm nnsn rpTjrw. . Aber sie ist wahrlich nicht zuvernachlässigen. Alle Gefahren des Sektenwefens drohen einer Minderheit, die sich auf sich selbst beschränkt und den Anspruch erhebt, in ihrem Sondersein ein Besonderes zu sein. Wie wir schon oben gesagt: die stärkste Konzentrierung nach innen, das Sich-Ablösen von den der Religion! uns entfremdenden Mächten darf nur Durchgcmgspunkt sein! zur Wirkung nach außen. Ein unjüdischer. Stand Punkt wäre es, zu sagen: Mag dort alles zu Grunde gehen, wenn wir nur unsere eigene Seele gerettet. Soll der Zusammenschluß der D’irp von Bedeutung sein, so muß er vorbildlich fein für die andern, d. h. nicht nur die Gemeinde soll apv darstellen, jedes Mitglied soll seini oder, sagen wir bescheidener, soll sich bemühen-, ein 'r? my zu werden im Sinne Jesajahs. Ach nein! das selbstgefällige: Wie haben wir es herrlich weit gebracht, das selbstgerechte Herabsehen auf die andern-, die schaffen es nicht, und da brauchen wir nicht einen neuen, da haben wir den alten Esriel Hildesheimer als leuchtendes Wahrzeichen auf unserem Wege. Wie er.Muster und Vorbild war für die andern, wie er me h r als im Kampfe durch seine Persönlichkeit und sein Leben gesiegt, fremde Seelen geführt unter die Fittiche b>er Schechma, so muß ein jeder von uns Muster und Vorbild fein, soll sich die Daseinsberechtigung unserer Gemeinschaft allgemeine An- EINE VORZÜGLICHE GARR E G• /V\• H O LZ erkennung erringen. Erleuchtendes Licht und befruchtende Wärme können nur von den Strahlen eines reinen ungetrübten Zentrums ausgehen. In Variierung eines bekannten! Wortes sagen wir: Für den thoratreuen Juden versteht sich das Religionsgesetzliche von selbst! Aber soll der Mikrokosmus, den wir verkörpern', in Wahrheit ein Abbild des Makrokosmus sein, der aus Lehre und Gottesdienst und Liebestaten beruht, dann müßte das Ideal zur Wirklichkeit werden: Den Spuren R. Esriel Hildesheimers folgend müßte ein! jeder von uns „lernen", ein jeder pünktlicher Besucher des Gottesdienstes sein, ein jeder: edel, hilfreich und gut! So spricht zu uns ein Menschenalter nach seinem Tode unser großer Meister und Führer! Das Erziehungswerk der gefehestreuen Zudenheik. Das von dem Direktor des Keren Hathora auf der zweiten Kenefsio Gedaulo gehaltene eindrucksvolle Referat liegt zu einem ausführlichen Bericht erweitert, nunmehr auch im Druck vor.*) Schon der äußere Umfang des Buches vermittelt einen Eindruck von dem Umfang der Arbeit, über die hier Rechenschaft gegeben wird. Einleitend führt der Verfasser aus, wie die geistige Bewegung der letzten Jahrzehnte in Europa zum vollständigen Zusammenbruch des Materialismus geführt hat. Gegen das heute sich herauskristallisierende neue religiöse Weltbild kämpfe aber wiederum einte materialistische Strömung aus Osten an. Dieser allgemeinen Spaltung des europäischen Geistes unterliege auch das jüdische Geistesleben, das rm Westen religiöse Erneuerung, im Osten religiösen Abfall zeigt. An letzterer Erscheinung trage vor allem der Krieg und die aus ihm folgende Verwahrlosung zahlreicher jüdischer Kinder Schuld; sowohl in Osteuropa, wie in Litauen, Amerika, Palästina werden nur mehr ein geringer Teil jüdischer Kinder religiös erzogen. Um dieser Lage abzuhelfen-, sei durch das Manifest der religiösen Führer der Keren Hathora geschaffen worden. Durch Bildung von 30 Landesverwaltungen und durch Abhaltung zahlreicher pädagogischer Konferenzen wurde in fünf Richtungen intensive Arbeit geleistet: Ausbau der Organisationen», Hilfstätigkeit für die Jefchiwoth, Gründung der zentralen Talmudhochschule Lublin, Förderung des Knabenschulwesens, Entwicklung des Mädchenschulwerkes „Beth Jakob". In einer bemerkenswerten Darstellung der Entwicklung und des Wertes der Unterschiede Zwischen den Jeschiwoth Polens, Litauens und Ungarns, (Chassidismus, Misnagdismus, Mussar) begründet der Verfasser die Notwendigkeit des Bestandes und der unparteiischen Unterstützung aller Jeschiwoth. Der Keren Hahtora kann auch aus nicht unbeträchtliche materielle Erfolge Hinweisen; insbesondere brachte die 1925 durchgeführte Entschuldugns-Aktion 120.000 Goldmark zustande, dennoch aber stellt der durchschnittlich im Jahr für die Jeschiwoth aufgebrachte Betrag von Dollar 50.000 kaum ein> Zehntel des wirklich Notwendigen dar. In einem eigenen Kapitel wird dis Errichtung der großen Talmudhochschule in Lublin besprochen und insbesondere die unvergleichliche Werbetätigkeit von *) Dt. Leo Deutschländer, „Das Erziehungswerk der gesetzestreuen Judenh eit" (Hermon-Verlag, Frankfurt a. M. 5639, 1929, kavkvnimert RM. 2.—, öfter. S. 3.— Doll. 0,50, ZI.4—, in Leinwand um 1 RM. mehr.).

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