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Der Israelit · 1930-03-20 · Heft 12 (20.3.1930) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
71 (1930)
Issue
Heft 12 (20.3.1930)
Date
1930-03-20
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
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Seite 14 Nr. 12. Der Israelit 20. März 1930 Freunde nannten, in keinem Fache so gründlich beschlagen zu sein, wie die Anderen der Gesellschaft, aber von jedem hatte er doch etwas in sich ausgenommen und konnte damit, alles zusammengenommen, so etwas wie Universalgeist Vortäuschen. Er sprach mit der gleichen Sicherheit von Grammatik und Exegese, wie von Mathematik, Astrologie und Dichtkunst, fällte souverän Urteile über Menschen und Theorien, ob es sich um Naturwissenschaften oder metaphysische Dinge handelte. Dabei sah er sich stets vorsichtig um. War die Luft rein und der Hausherr außer Hörweite, kam es ihm nicht darauf an, Aeußerungen über Grundsätze des Glaubens und religiöse Einrichtungen zu tun, die sogar seine Freunde überraschten. Abraham, der Ger Zedek, war aufs Tiefste erschüttert. Gab es Menschen, dachte er, bei denen sich die Entwicklung, umgekehrt als bei ihm, von oben nach unten vollzog — bis ins Nichts? . . . Aelter und abgeklärter faß da ein kleiner Mann mit klugen Augen und gemessener Sprache, den sie Hartwig Wessely hießen, der sich selber aber lieber N a f t a l i Herz nannte. Er kannte sich in Bibel und Grammatik so gut aus wie Salomon Dubno und vor seinem strafenden Blicke und scharfen Worte verstummte der Spott Friedländers und die vorlaute Rede Hombergs. Wenn er zur Bekräftigung einer Ansicht sagte, „er" hätte so und so gesagt, wußte jeder, wer dieser „er" war, kein anderer, als der Def - sauer Moses, auf den sie hier alle schworen, dessen Namen sie hier, so schien es Abraham, aussprachen wie in Amsterdam, Prag und Wilna den Namen des Rabbi Elie. Wessely begeisterte sich für die Ethik des T a l m u d s, die „Sprüche der Väter", zu denen er einen Kommentar geschrieben hatte. Neu und viel gewagt schien Abraham die von Naftali Herz mit Eifer und Pathos vertretene Meinung, der b i b l i s ch 's K a n. o n sei n i ch t vollständig, es fehlten die „letzten Schrift e n " , die die Griechen, wohl noch aus der „Siebenzigübersetzung", besäßen. Eines dieser Bücher, die „Weisheit Salomos", ein Buch, so wichtig und bedeutsam wie „Mischte" und „Koheleth", habe er, Wessely, in klassisches Hebräisch übertragen, gewissermaßen für die jüdische Bibel zurückgerettet. Er las Stellen aus dem Manuskripte vor, die, mgut gemeißelten Sätzen, wie echte Bibel klangen. Abrahams Zweifel; seine Meinung, es könnte ein spätgeborenes Werk sein, in das ein Verfasser mit Namen Salomo seine eigene Weisheit hineingoß, empfand Wessely fast als eine persönliche Kränkung und wehrte sie energisch ab. Abraham kannte die Schrift im griechischen Original, Wessley übersetzte sie aus dem Deutschenhatte sie aus dritter oder vierter Hand, und sie machten große Augen, als der fremde Mann im Barte und altmodischen Rocke an Hand der griechischen Quellen auf Jrrtümer und Mißverständnisse in der Uebertragung aufmerksam machte. Als aber der junge Homberg unter Zustimmung Friedländers die naseweise Frage wagte, ob es von den anderen, uns bekannten teilen der Schrift fo fest und sicher stände, daß sie alle von den Propheten und Weisen stammen, denen wir sie zuschreiben, brach Abraham schaudernd und angewidert das Gespräch mitten im Satze ab. (Fortsetzung folgt.) Sein Schutzengel. Von Bobby Heimann. tSchluß.) Er mochte wohl eine halbe Stunde herumgewandert sein, als er in der Ferne ein Licht, eine flackernde Flamme auftauchen sah. Er fühlte sich so erleichtert, daß er hätte weinen können. Hier war die Rettung! Eine Novembernacht unter freiem Himmel ohne Schutz irgendwelcher Art und in dem ermatteten Zustande, in dem er sich befand, hätte ihm schlecht bekommen können. Auf das Licht zuschwankend entdeckte er, daß es von einer Hütte ausging, die im Schatten einiger HANSA 25865 DIE NEUE TELEFONNUMMER VON DEM ANNONCEN-BÜRO JULIUS SCHMIDT FRANKFURT-M., LANGESTRASSE 7 dichter Baumstämme versteckt lag. Sie schien die rohgezimmerte Behausung einer Köhlerfamilie zu sein und war von allen Seiten fest geschlossen. Die Läden warendavor, durch eine von ihnen drang der schwache Lichtstrahl durch eine Ritze. Leo klopfte an.; als er Stimmen zu hören glaubte, ohne daß die Tür geöffnet wurde, klopfte er nochmals und stärker. Die Luke wurde geöffnet, ein Mann stand auf der Schwelle und fragte barsch und unfreundlich nach seinem Begehr. Leo erzählte ihm, was geschehen war und bat, dort übernachten zu dürfen. Der Mann — ein Mittelding zwischen Bauer und Köhler — vierschrötig und verrußt, sah aus, als wäre er durchaus geneigt, Leos Bitte, in seiner Hütte übernachten zu dürfen, abzuschlagen. Jedoch, nachdem er nochmals den schmächtigen Jungen in seinem verkommenen Zustand gemustert hatte, hieß er ihn hineintreten. Durch ein Zimmer, in dem wohl zwanzig Männer um einen Tisch saßen, ihn mehr als mißtrauisch musternd, führte der Mann ihn in eine Nebenkammer, wo er ihm bedeutete, daß er hier seine Sachen oblegen und seine Schlafstätte aufschlagen. konnte. Darauf .entfernte er sich. Leo schnallte den Geldbeutel ab und legte ihn auf den Tisch, worauf er sich auf die Bank setzte und den Rest eines Brotes zu verzehren begann. Der Mann, struppig und barsch, kam wieder herein, in der einen Hand eine Decke, in der anderen ein Stück Wurst haltend. „Iß," sagte er kurz. Und als Leo es unberührt vor sich stehen ließ, — „bist wohl bange, du wirst hier vergiftet, he?" Leo beeilte sich, diesen Verdacht von sich abzuweisen, indem er ihm erzählte, daß er als Jude keine fremde Fleischspeise genießen durfte. Der Mann erstaunte offensichtlich, lächelte etwas weniger abschreckend, beinahe wohlwollend, griff nach Leos Geldbeutel, lachte, warf ihn in die Höhe, fing ihn wieder auf und schmiß ihn unter nochmaligem Gelächter, das Leo unheimlich vorkam, wieder auf den Tisch. Er fragte den Jungen nach seiner Heimat und Beschäftigung aus, ließ sich von ihm von der Krankheit des Vaters und seiner eigenen Beschäftigung erzählen, nickte kurz und verließ ihn mit einem „Gute Nacht". Leo war zu müde, um irgend einen. Gedanken zu fassen oder über seine Lage nachzudenken. Er ließ sich auf die Bank fallen, börte das Gespräch der Männer nebenan wie ein immer schwächer werdendes Murmeln, hörte vielleicht im Traume noch, daß sie aufbrachen, und schlief tief und fest bis zum nächsten Morgen. Erwachend, erinnerte er sich sogleich, wo er war und dachte mit Angst an den Vater, nur schwach beruhigt bei dem Gedanken an den Nachbaren, einen freundlichen Tischlermeister, der dem Vater tagsüber einige Handreichungen gab. Das Haus war still, wie ausgestorben. Durch ein offenes Fenster strömte die Morgenluft kühl und wunderbar erfrischend hinein. Neben seinem Packen lag ein Zettel mit folgendem Inhalt: „Geh etwa sieben Meilen in südöstlicher Richtung, bis du an ein Wirtshaus kommst, dann bieg rechts ab." Darunter war ein Kreuz gesetzt. Maßlos erstaunt über das Verschwinden sämtlicher Bewohner lud Leo seine Packen wieder auf den Rücken, schnallte den Geldbeutel um und begab sich auf den Weg, die angegebene Richtung einhaltend; richtig fand er den Krug „Zur Waldschenke", wo er rechts abbog und sich wenige Stunden später aus der Landstraße, die nach Nakskov führte, befand. Wie anders war die Wanderung heute als die gestrige! Der Schlaf hatte ihm gut getan, die Gefahr war überstanden, und die Kühle des Morgens war ihm nie fo stärkend und belebend vorgekommen, die Novembersonne nie so strahlend! Schwer konnte sich der alte Nessel über die ausgestandene Angst und die gefahrilche Lage des Sohnes beruhigen, unermeßlich war seine Freude, ihn unbeschädigt wieder vor sich zu sehen. Als er wieder zu sich gekommen war, mußte Leo genau alles schildern, auch die Hütte und den zurückgelegten Weg beschreiben. Er tat es denn auch, und war so eifrig dabei, daß er nicht die Blässe des Vaters bemerkte, und die Unruhe, die ihn bei der fortschreitenden Erzählung ergriff. Er schwieg jedoch auch noch,, als der Bericht fertig war. Am nächsten Freitagabend, — Leo schickte sich gerade an, in die Synagoge zu gehen, und ließ sich wie gewöhnlich vom Vater vorher benschen. Mit zitternder Stimme sagte der Vater den Segensspruch, wobei ihm Tränen über die Wangen liefen. „Mein Sohn," sagte er bewegt, „wenn du heute abend in Schul die Gebete sagst, so sage sie mit doppelter Andacht, und wenn du zu dem Satz „Ki Malochow Jezaweh Loch" kommst, so versäume nicht, ein besonderes Dankgebet zu Gott, dem Allmächtigen, emporzusenden. Du warst in einer Gefahr, der du ohne Seinen Beistand nicht entronnen wärest. Die Hütte, in der du übernachtet hast, ist eine der Zufluchtsstätten des Köhler-Michels und seiner Bande, — der, mit dem du gesproche hast, wird er selbst gewesen sein. Ich zittere noch, wenn ich nur daran, denke, was — Gott behüte — hätte passieren können." Das weiße Gesicht des Knaben zu sich heranziehend, fügte er hinzu: „Lerne, mein Sohn, daß selbst in eines Räubers Höhle sich der Spruch bewahrheitet: „Ki Malochow Jezaweh Loch Lischmorcho bechol derochecho." Die Freude am Backen, die wohl den meisten Frauen innewohnt, wird erhöht, wenn man Zutaten verwendet, die ein Mißlingen der kleinen Kunstwerke häuslicher Backkunst ausschließen. Zu diesen gehört echtes Palmin, bei dessen Verwendung man nie Gefahr läuft, den Geschmack des Backwerkes durch das so unangenehme Vorschmecken des Fettes beeinträchtigt zu sehen. Palmin ist nämlich völlig frei von störendem Eigengeschmack, fast unbegrenzt haltbar und außerordentlich ergiebig, deshalb auch das im Gebrauch sparsamste Koch-, Brat- und Backfett. Die bekannte Kurpension H e l l m a n n in Bad Tölz eröffnet am 11. April zu den Pesach-Feiertagen die diesjährige Sommerfaison. Die behaglichen, modernen Wohn- und Gesellschaftsräume des renommierten Hauses, mit seiner hervorragenden Küche, sind zum Empfang der Gäste bereit. Die alte Tradition des Hauses, „Vom Guten das Beste", wird auch dieses Jahr hochgehalten und sichert den Gästen einen in jeder Hinsicht angenehmen Aufenthalt. Während der Feiertage und jeden Samstag Gottesdienst im Hause. Wochenkalender. v. 22.-29. März 1930 / v. 22.-29 Adar 5690 Samstag 22 22 ms 's Kiwi »s Sonntag 23 23 Montag 24 24 vienstag § 25 •ns 25 Mittwoch Z 26 26 vonnerstag 27 27 freiiaa 28 28 VINN 1’3-oa nu>s Vnp’i Samstag 29 0 Der Mauled ist Eamst. abends 9 Uhr 7/o Min. Verantwortlich für den allgemeine» Teil und das Feuilleton S. Sch achnowitz, Frankfurt a. M.; Inserate i. B.: S. Schachnowitz, ebenda. — Für die pädagogische Beilage: Lehrer L. Kaufmann, in Sprendlingen lKr. Offenbach). — Verlag Israelit", G. m. b. H., Frankfurt a. M. — Druck: Hermon Verlag und Druckerei, Frankfurt a. M.

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