Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 52 (1911)
- Issue
- Heft 45 (9.11.1911)
- Date
- 1911-11-09
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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fcette 4 45 Der ISrarttt Kritik des Alten Testaments enthalten, die oft jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt. .Erst der letzte Abschnitt enthält eine vollständig kritiklose Abhandlung — über das Evangelium. Hier wird der schonungslose Kritiker zu einem Meister der Synthese, der es versteht, die Gegensätze auszugleichen und alles, was danach angetan ist, die Hcilslchrc in einem besseren Lichte zu zeigen, als unantastbare historisch? Wahrheit nimmt. Ta heute leider auch in den Kreisen unserer Jugend mit der Opposition gegen die jüdische Tradition die Wellhausenschen Phantastereien immer mehr an Platz gewinnen, so erklärt sich der Kamps der gntjüdischcn Kreise gegen eine Anstalt, die diese Anschauungen zum Prinzipe ihres Bibelunterrichtes nimmt, ohne weiteres." Als einzig richtige Art des Bibelunterrtchtes im Allgemeinen, meint B. weiter, könne auch heute noch nur diejenige gelten, die im Sinne der Tradition die scheinbar unverständlichen und rätselhaften Stellen erklärt usw. Auf jeden Fall, so schließt B. ist es erfreulich, daß durch die Antwort des Herrn Scheinkin nunmehr volle Klarheit über den Geist des Gymnasiums geschaffen ist. Dies scheint auch uns das Erfreulichste an dieser neuen Preßfhede über einen Gegenstand der in jüdisch gesinnten Kreisen als erledigt betrachtet werden darf. Das TiaiRo der Judenmission. II. Des Juden Familienstun läßt sich in den paar Tropfen Taufwaffer nicht ertränken. Unendlicher Jammer erfaßt Herrn Cohen, so er an die Kleinen denkt, an die in jener jüdischchristlichen Sphäre großwerdenden Kinder, in deren Interesse doch eigentlich die meisten Ueberläufer in den Westoterteln der Großstädte sich zu diesem Schritte noch entschließen. Er schreibt: „Wie die Singe fyeute liegen, wachsen unsere Kinder auf, von Eltern erzogen, von denen beide, oft aber nur der eine Teil hebräischer Abkunst ist — — In einem solchen Heim ist nichts, wodurch dem Kinde sein nationaler Zusammenhang mit dem Volk Israel veranschaulicht wird. Und hören sie uns etwa von unsevm Volk reden, so klingt es, als gehörten wir ihm gar nicht mehr an. So wachsen unsere Kleinen auf, ohne daß sie nur eine Andeutung bekommen, daß sie Israel verwandt sind, oder Anteil haben an einer großen Geschichte, deren Ergebnis sie doch sind. Aber nun kommt der Tag, an dem wir unsere Kinder zur Schule schicken, und da werben sic zu ihrem Erstaunen als „Juden" angesehen und mit der ganzen Unfreundlichkeit behandelt, deren ihre Schulkanteraden fähig sind. Natürlich behandelt man sie nicht schlechter, als andere hebräische Kinder. Nur ist der Unterschied der, daß jene Müder in einer Atmosphäre ausgewachsen sind, da man sich unzertrennlich eins weist mit dem Volk Israel. Das gibt solchen Kindern einen inneren Halt, der sie befähigt, sich, über jene Aergerlichkeiten hinwegzusetzen, die an Verfolgung grenzen. Unsere Kinder dagegen, die in keiner solchen Luft gelebt haben, werden von den Wogen widerstreitender Gefühle ergriffen und haltlos hin- und hergeworfen. Und je deutlicher sie sich ihrer unhaltbaren Situation bewußt werden, wenden sie sich und lernen das Volk verabscheuen, das sie lieben sollten. Wie jammervoll, daß unsere Kinder verurteilt sind, eine solche Stellung einzunehmen. Wir geben einen besonders ergreifenden Fall wieder, der das traurig illustriert, was wir meinen. Ein judcnchristlichos Elternpaar, das die unselige Stellung tief empfand, in der seine Kinder waren, erzählte uns, wie einer der Knaben aus der Schule heimgekommen sei und gefragt habe, ob es denn wirklich wahr sei, daß er ein Jude sei. Ter kleine Bursche meinte dann, wenn man ihm nur einen andern Namen gäbe, als Tantel, wie er hieß, dann würden es die andern doch nicht so merken und ihn nicht mehr „Jude" schimpfen! Es ist ja traurig genug, wenn solche Tinge sich in den Tagesschulen zutragen. Noch schlimmer aber ist es, wenn solches auch in den Sonntagsschulen sich findet. Es sind uns Fälle von judenchristlichen Eltern berichtet worden, deren Kinder sich entschieden weigerten, in die Sonnlagsschule zu gehen, weil man sie da als Jubelt' behanoele. So wachsen unsere Kinder aus in dem Bewußtsein, daß sie von den Juden verachtet werden, weil sie Kinder von Abtrünnigen sind, und von den Völk?rck:risten, weil sie hebräischer Abkunst sind. .Kinder aber, sd lange sie nicht selbst bekehrt und wahre Christen geworden sind, haben nicht die Gnade, das Stigma eines Meschummod zu ertragen, und da sic keinen Rückhalt haben am hebräischen Volksbcwußtfein, unterliegen sie den Beleidigungen der Völkerchristen. Kein Wunder, wenn sie dann gar bald ihre hebräische Abkunft verleugnen. Es ist fürwahr tief zu beklagen, wenn Kinder hebräischer Eltern so ganz außer Fühlung sind mit ihrer eigenen Nation, daß es ihnen ein Leichtes wird, ihre nationale Zugehörigkeit zu verleugnen, und sich dabei einer beständigen Unwahrheit schuldig zu machen. Wahrlich, ein System, das direkt oder indirekt solche Resultate zeitigt, kann nicht gottgefällig sein. Ohne Zweifel gibt es auch hier wieder Ausnahmen, aber in der Mehrzahl von Fällen liegen die ° Tinge so, wie wir sie gefchiildert haben. Was uns aber das Herz am meisten bewegt, ist, daß wir durch unsere Assimilation und Entjudung noch ein Band lockern oder zerreißen, das womöglich noch zarter ist, als das eben genannte. Wir ineinen, wenn unsere Kinder so auswachsen, ohne jedes Bewußtsein von Zusammengehörigkeit mit ihrem Volk, daun treiben wir sie unvrrmeidlich zur Entfremdung von ihren nächsten Angehörigen. Wir mögen versuchen, was wir wollen, um uns diese häßliche Sache zu beschönigen, aber damit wird an der Sachlage nichts geändert, und die Entfremdung bleibt. Das kann nicht der Wille Gottes sei n." Voir dein Willen Gottes ist einem Manne voll dem Schlage des Herrn Philipp Cohen, der nach der ganzen Art seines Auftretens aus dem russischen Ghetto zu stammen scheint, vielleicht noch erinnerlich, lvas mo mo heißt. Wenn die Meschumnwdim frevelhafter Werse das Band zerrissen haben, das sie an ihre Eltern knüpfte, so dürfen sie sich nicht darüber beklapunkte nicht ablaufen, so sind allen Beteiligten Abstandsgelder gezahlt worden. Nur die Toynbeehalle darf über den 1. Januar hinaus bis zum Frühjahr, bis die Saison zu Ende ist, wohnen bleiben. Mit stiller Wehmut denk ich schon au den Tag, wo ich dort Vorbeigehen werde, und die Bauarbeiter dieses charakteristischste und für die Berliner und alle deutschen Juden so denkwürdige und bedeutende Haus avdeckrn und eiuschlagen werden. Tie Gipsstraße ist eine der interessantesten Straßen Berlins. Man kann fast sagen: man kann das „jüdischste" Leben führen, ohne je diese Straße zu verlassen. Tenn alles, was man zu einem jüdischen Leben braucht, findet man hier. Einen jüdischen Kindergarten und Kinderhort, eine Religionsschule, einen Fortbildungsverein, die Toyubeehalle und das wichtigste, eine Synagoge (in der früheren Bachurimfynagoge wird noch jetzt täglich gebetet). In dieser Straße gibt es eine koschere Fleischhandlung, eine Bäckerei. Ein Kolonialwarengeschäst, eine Eierhandkung, ein Zigarrcngcschäst, die den Schabbos achten. Hier woljnen »iabbincr unb Lehrer usw. So stellt sich uns heute die Gipsstraße dar. Wahrhaftig, eine „jüdische" Straße. Aber wäre sie das je geworden, wenn nicht Esriel Hildesheimer hier sich niedergelassen, von hier seinen Kampf gegen den Abfall geführt, von hier das Thora,vvrt verkündet? Wo sind die Zeiten hin, da die Synagoge am Sabbath überfüllt war, weil alles den „Rcbbe" hören wollte Heute finden wir gefüllte Betstätten nur höchstens noch am Jomkippur. Oder — — Oder matt mich einmal am Sabbath Vormittag nach Schuwuaus oder Ssukkaus in die Synagoge Lützowstraße gehen, tvenn die Einsegnungen der Mädchen stattfinden. Vor der Synagoge schon scheu wir, was „los" ist. Kutschen und Automobile en masse — eine ganze Wagenburg. Und drinnen überfüllt. Alle Gänge dichtbesetzt. In den Hinteren »leihen stellen sie sich ans die Bank', um die in 'Weiß gekleideten Mädchen zu sehen, die aus dem mit Blattpflanzen geschmückten Almemor sitzen und aus Chorgosang, Orgelklang und Predigt wohl wenig achten, nur erregt die Minute erwarten, wo sie ihren „Spruch" aussagen müssen, lim sodann weiter zu träumen, von den Geschenken, d m Aben essen, denl Tanz Wie merkwürdig doch solch ein 'Gottesdienst ist in einer Synagoge, wo die Schamossim, pardon Aufseher (so heißen sie und nicht etwa Synagogendiener), wo also die Aufseher mit Btcchnnmmern geschmückt, gehen, wie die Kellner in Gartenlokalen, wje di" Omnibnsschasfner: ja eigentlich alles in einer Synagoge, wo der Oberschammes (als einziger außer dem Rabbiner) den ganzen Vormittag mit dem schön schmal znsammengelegten Tallis umhergeht — „die Würde des Amtes zu üben." Ja, ja, in Berlin wird es intmer hübscher. Die Liberalen sind aut Ruder und sie achten kaum der Ratschläge anderer. Aber sie sind auch zu wunderlich, die guten Ratschläge, die man ihnen nracht. In einer Berliner jüdischen'Wochenschrift gibt jemand die Anregung, den einzelnen (Kemeindes'ynagogen »kamen zu geben und sie nicht ganz prosaisch nur nach der Straße zu benennen. So gibt' er als Beispiel an: Schaar- Tephillah. Nun, für die neueste Synagoge in der Fasaneustraße würde ich folgenden Vorschlag machen: Man nennt sie in Erinnerung an ein Standard- Werk unserer Literatur (Pietät soll man ja üben!) —7 Midrasch Rabbah und übersetze es ins Deutsche mit: Großes Gepredige, was man nachher ausfassen kann, wie man will. 9 November 1911 gen, Wenns ihre Kinder gerade so nkachen. Davon wird auch durch Quacksalbermittelchen wie Bildung einer judenchristlichen Gemeinde nichts Aeändert werden. Solange sie auf dem Wege verharren, den sie durch freie Wahl eingeschlagen haben, bleiben sie eben „Meschummodim". Ein Meschummod aber heißt nach Erklärung des Herrn Cohen (S. 11) einer, der (durch die Taufe) sich von seinem Volke abgeschnitten oder deshalb als abgeschnitten gilt. — Dabei bleibts. Und dabei soll es nach Ansicht eines anderen Kollegen und Stammesgenoffen des Herrn Cohen auch bleiben. Herr Pastor Christlieb I. Ltpschytz vertritt in einer soeben unter dem Titel: „Der Ebionitismus in der Judenmission" erschienenen Broschüre, ohne auf seinen Amtsbruder und Letdesgenossen direkt Bezug zu nehmen, eine entgegengesetzte Ansicht. Auch er, der Herr Christlieb Lipschytz, will den Inhalt des christlichen Glaubens von keinem besondern nationalen Bewußtsein abhängig machen, nichtsdestoweniger hält er den Vorschlag einer „hebräischen Kirche" für ganz unvereinbar mit dem Geiste der Evangelien und der gegenwärtigen Oekonomie (?). „Edle Naturen zahlen mit dem, was sie sind!" denkt wohl der gute Herr Lipschytz, und er denkt auch von seinen Stammesgenossen edel genug, um ihnen die Fähigkeit zuzutrauen, „alles für die neue Erkenntnis aufzugeben". So im Brustton der tiefsten Ueberzeugung ist all dieses und manches andere in der mit Zitaten aus Evangelien und Kirchenvätern voll gespickten Broschüre des Herrn Lipschytz nicht gerade gesagt. Aber in der wortreichen Art, wie dieser Herr die dem Christentum von der hebräischen Kirche des Herrn Cohen drohende Gefahr abzuwehren sucht, spiegelt sich genau das gleiche Bild ab töte in all den andern Schriften dieses Genres in letzterer Zeit:*) Es zeigt einmal die tiefe Tragik unter der Marter der schlimmsten Seelenzerriffenheit lebender Menschen, die noch von Zeit zu Zeit in trügerischen Phantasiegebilden Linderung suchen, und im Zusammenhänge damit das völlige Fiasko der Judenmission. *) Zu diesen mit wenig Witz und viel Behagen die Judensrage „lösenden" Schriften gehört auch „Die Judenfra^e und der Schlüssel zu ihrer Lösung" von Dr. Mo- Green, aus dem Enalt chm übersetzt von Elisabeth Delttscki <J. C. Hinrlch'sße BuchhandlU'm, Lewftg). Der Finder dieses Gedankens sagt selbst, daß das ganze eine Kleinigkeit ist. Und ich bin sicher, daß, wenn wir erst das Parochialsystem haben, auch diese Synagogennamcn, kommen werden. Genau so, wie jeder Synagogenverein, wird sich jeder Synagogenbezirk einen bezeichnenden Namen zulegen. Und es ist besser, daß er dann erst kommt, als daß'man jetzt vom grün?« Tisch ans Synagogen vom Ritus der Fasanenstraße irgend einen tieffinmgen, einen Ijebräifdjm 9lamni beilegt, der tut: die Faust aufs Aitge paßt. Was wohl sonst noch in Berlin „los" ist. Nun Herr Professor S o m b a r t wird, wenn :r von seinem Portrage aus Belgiens Hauptstadt zurückkommt, auch Berlin mit einem Vortrage beglücken. Thema: „Tie Zukunft der Juden." Sehr interessant, sehr aktuell. Und obwohl man weiß, Herr Professor «sombart sagt nichts Besonderes, wird man doch hinlausen — ein Christ, ein Professor über das Judentum. Auch sonst quält man uns gar sehr mit Vortrügen. Bekannte und Unbekannte, Christen und Juden sprechen über das Judentum. Jtttmerhin noch das dankbarste Thema heutzutage. Von einer vor kurzem stattgchabten Versammlnng muß ich noch etwas berichten. Von der Delegiertenversammlung des „Verbandes für jüdische Wohlttttigkeitspslege", der gewißlich sehr segensreich wirkt. Aber die Anschauungen der Herren über die Motive, die zutu Wohltun führen sollen! Nicht das Herz, das jüdisch? Herz, so meint man dort, soll d:m armen Hilsesitchenden geben, sondern — der Verstand — Diese edle Ansicht kennen wir sa schon. Sie war es, die die Wanderarmenkassen organisierte. Als ich so die Herren ihre realen Ansichten entwickeln hörte, da wußte ich tatsächlich nicht, mich zurechtzuftnden. Warum, so fragte ich mich immer wieder, warum eigentlich üben diese Herren WohlfriT'ilVff i lil iflti