Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 64 (1923)
- Issue
- Heft 52 (27.12.1923)
- Date
- 1923-12-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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fcuilleton Beilage Der Israelit Nach Berlin. Ein ftuttutbilb aus dem vorigen Jahrhundert von M. £. wm (Fortsetzung.) Rabbi Joseph schwieg, und Rabbi Daniel sah eine Zeit lang nachdenkend da. Dann sagte er: „Ihr mögt nicht ganz Unrecht haben. Aber warum habt Ihr diese Antwort nicht meinem Schwiegersöhne gegeben?" „Würde sich Herr Friedländer mit dieser Antwort wohl einverstanden erklärt haben? Würde er nicht tausend Einwendungen dagegen gehabt haben? Hätte ich nicht vielleicht da Ansichten zu hören bekommen, die es mir unmöglich gemacht hätten, mit ihm friedlich zu verkehren? Da bin ich ihm lieber aus dem Wege gegangen, habe jedem Streit vorgebeugt, indem ich erklärte, daß ich von allen diesen Dingen nichts wisse und verstehe. — Hat mir Rabbi Daniel noch sonst etwas zu sagen?" „Nicht, daß ich wüßte." % „So will ich zu meinen Studien zurückkehren. Guten Morgen, Rabbi Daniel." „Eulen Morgen, Rabbi Ioseph." Rabbi Ioseph kehrte in sein Studierzimmer zurück. Schon vor längerer Zeit war ihm die Rabbinerstelle in Frankfurt an der Oder angetragen worden. Er war nicht daraus eingegangen, weil er wünschte, ungestört dem Thorastudium leben zu können. Ietzt war ihm seine Stellung im Hause Rabbi Daniels verleidet. Er schrieb sofort nach Frankfurt und akzeptierte den ihm angebotenen Posten. Unterdeß saß Rabbi Daniel, den Kopf auf die Hand gestützt, auf der Veranda. Seine gute Laune war verflogen. Er fühlte, daß er in David Friedländer keinen Schwiegersohn nach seinem Wunsche gefunden. „Hätte ich den Iungen vorher so gekannt," so sagte er vor sich hin, „so hätte ich ihm meine fromme Fradche nicht gegeben." In der Tat bereitete Friedländers unreligiöses Leben der frommen Tochter Rabbi Daniel Itzigs später viel Herzeleid. „Ziehst Du, Fradche," pflegte David Friedländer Freitag Abends, wenn er in später Nachtstunde die Lichter auslöschte, zu seiner Frau 3U sagen, „was für einen guten Schidduch Du an mir getan. Du sparst die Schabbesgoie." IV. Während Rabbi Daniel in trüber Stimmung auf der Veranda saß, trat ein ärmlich gekleideter Mann vor ihn hin. „Was wollt Ihr?" herrschte der reiche Mann den Fremden an. „Rabbi Daniel," sagte der Fremde schüchtern, „ich habe eine große Bitte an Euch, ich bin ein armer Mann und habe eine Tochter zu verheiraten. Da möcht ich Euch bitten . . ." „Hier, nehmt!" sagte Rabbi Daniel, dem Fremden einen Thaler reichend. Der Fremde nahm den Thaler nicht. „Ich bin nicht deshalb gekommen," sagte er stammelnd, „ich wollte . . ." „Nehmt, sage ich Euch noch einmal, ich habe nicht länger Zeit, ich mutz fort in das Geschäft." „Ich bitte Euch, Rabbi Daniel, hört mich an. Ich heiße David und bin aus Friedland." „Ah, ein zweiter David Friedländer! Und da meint Ihr, weil Ihr gerade so heißt, wie mein Schwiegersohn, so dürftet Ihr größere Ansprüche an mich machen." „Nicht doch, Rabbi Daniel, ich heiße David Weschner: ich möchte Euch bitten, mir hier in Berlin behilflich zu sein, daß ich die Nedan für meine Tochter zusammenbringe: ich brauche tausend Thaler . . ." „Ich glaube, Ihr seid ein wenig verdreht im Kopf. Ihr seid ein armer Mann und wollt Cure Tochter ausstatten wie ein Kozin! Belästigt mich nicht mit solchen Torheiten. Da nehmt Euren Thaler und geht Eurer Wege." „Kennt mich denn Rabbi Daniel garnicht mehr? Waren wir doch einst gute Freunde, als wir zusammen bei Mendel Roßkamm in Dessau . . ." „Ihr seids! Mein alter Kamerad David! Ia freilich, das ist etwas Anderes! Seid mir herzlich willkommen! Ich hätte Euch nimmer wiedererkannt. Freilich, das ist schon lange her, wohl an die vierzig Iahre! Nun setzt Euch da her und frühstückt bei mir!" Rabbi Daniel zog an der Schelle und befahl dem eintretenden Bedienten, ein Frühstück zu servieren. Bald saßen die beiden gemütlich beisammen, der große, berühmte Millionär, in dessen Hause königliche Prinzen zu verkehren pflegten, und der arme Händler. Sie hatten sich so viel zu erzählen! Was alles hatte sich doch in den vierzig Iahren, in welchen sie sich nicht gesehen, ereignet, wie waren doch ihre Wege so weit auseinander gegangen! „Ihr hattet immer hochfliegende Pläne," sagte David, „und träumtet Euch schon als reicher Mann, als Euer Vermögen noch keine fünf Groschen betrug. Erinnert Ihr Euch noch, wie Euch mein Federmesser so gut gefiel, Ihr aber nicht das Geld haltet, um es mir abzukaufen?" „Nein," sagte Rabbi Daniel, „ich erinnere mich nicht mehr." „O, es war ein schönes Federmesser mit vielen Klingen und einem Pfropfenzieher! Ihr tariertet es damals auf zwei Thaler,- aber, da Ihr so viel Geld nicht besaßet, so versprächet Ihr mir alles Geld, welches Ihr mehr erwerben würdet als zehntausend Thaler. Ich lachte Euch damals aus, denn ich konnte mir nicht träumen lassen, daß Ihr einmal ein so großes Vermögen erwerben würdet. Trotzdem ging ich darauf ein und gab Euch das Federmesser." Während David so sprach, war Rabbi Daniel schneeweiß geworden. Das alte, längstvergessene Ereignis trat plötzlich hell und klar vor sein geistiges Auge. Iedes Wort, welches der Andere gesprochen, war vollkommen der Wahrheit gemäß. Er hatte sein ganzes kolossales Vermögen bis auf die für seine jetzigen Verhältnisse ganz unbedeutende Summe von zehntausend Thalern für ein Federmesser verkauft. Er war plötzlich ein armer Mann geworden. Das Haus, der Garten, die Möbel, die Iuwelen seiner Frau und seiner Töchter, seine Wagen, seine Pferde, der Inhalt seines Geldschrankes, alles, alles, gehörte dem armen Mann aus Friedland, der neben ihm saß und mit großem Behagen die Schokolade schlürfte, einen Trank, wie er ihn so köstlich in seinem ganzen Leben nicht getrunken hatte. Ia, wenn Rabbi Daniel sein ganzes Vermögen hingab, so blieb er doch noch der Schuldner des armen Mannes aus Friedland. Hatte er doch seine verheirateten Töchter mit großen Summen ausgestattet, die er von Rechtswegen schon vor Iahren seinem alten Kameraden hätte abliefern sollen! Und dieser saß .nun neben ihm und verlangte von ihm weiter nichts als lumpige tausend Thaler zur Ausstattung seiner Tochter, und die nicht von denk Eelde, das eigentümlich ihm gehörte — Rabbi Daniel sollte es ihm zusammen machen. Und diesen Mann, den rechtmäßigen Eigentümer seines kolossalen Vermögens, hatte Rabbi Daniel noch vor kurzer Zeit für verrückt erklärt, weil er der Tochter eine für dessen ärmliche Verhältnisse so übergroße Mitgift geben wollte! David bemerkte, wie sich sein Freund entfärbte. „Um des Himmels willen," rief er, „was ist Euch, Rabbi Daniel?" „Mir ist nicht wohl," stieß der Angeredete mühsam hervor. „Ich bitte Euch, guter David, geht jetzt und kommt nachmittags wieder." David ging. Rabbi Daniel aber eilte ins Haus und suchte seine Frau auf. „Sara, mein Herz," sagte er zu dieser, „ich bin ein unglücklicher, armer Mann, ich habe mein ganzes Vermögen verloren!" Frau Itzig erschrak nicht wenig, aber sie war eine resolute Frau und verlor sobald den Kopf nicht. „Sei ruhig, Daniel," sagte sie. „Wenn es Gottes Wille fein sollte, daß wir arm werden, so sind wir deshalb noch nicht unglücklich. Und nun Erzähle mir. Was ist passiert?" Rabbi Daniel erzählte von seinem Iugendkameraden, der so plötzlich gekommen, und von seinem unüberlegten törichten Kauf, den er vor 40 Iahren abgeschlossen. Frau Itzig atmete erleichtert auf, als sie erfuhr, um was es sich handelte. „Die Sache liegt nicht so schlimm," sagte sie. „Der Mann wird mit sich handeln lassen." „Das glaube ich auch," entgegnete Rabbi Daniel. „Allein, was ist damit gewonnen? Mein Vermögen gehört ihm, und ich darf es ihm nicht vorenthalten, darf nichts davon abhandeln. Ich habe in meinem ganzen Leben mir nicht einen Groschen in unrechtmäßiger Weise angeeignet. Ich würde kehre ruhige Stunde haben, wenn ich mir sagen müßte, daß der Bissen, den ich esse, nicht mir gehört." „Du nimmst die Sache zu streng. Man sollte doch Wert gegen Wert bemessen, und man kann doch unmöglich viele hunderttausend Thaler für ein Federmesser geben." „Freilich, nicht gleich, aber wohl nach 40 Iahren. Ich habe einmal eine Rechnung gerechnet. Da wurde ausgerechnet, zu welch hohen Summen ein Pfennig anschwillt, der vor tausend Iahren auf Zinsen und Zinzeszinsen angelegt worden ist. Da kommen ganz erstaunliche Summen heraus, viele Millionen Thaler. Wenn David Weschner vor 40 Iahren das Federmesser für zwei Thaler verkauft, dafür Waren gekauft und diese mit Nutzen wieder verkauft hätte und so fort, so. ist garnicht zu berechnen, zu welcher ungeheuren Summe der Preis des Federmessers hätte anschwellen können." „Ich weiß nicht," sagte Frau Itzig nachdenklich. „ob Du Recht hast: ich kann mir nicht denken, daß Du nach Din Thora verpflichtet seiest. Dein ganzes Vermögen herauszugeben. Laß doch unsern Rabbi Ioseph Hereinrufen und frage ihn, wie es sich nach Din Thora damit verhält." „Nein, nein, nicht ihn: ich möchte ihm keinen Einblick in diese Verhältnisse gewähren!" „So laß anspannen und fahre zum Rabbiner. Trage ihm die Sache vor. Er ist ein kluger Mann. Du wirst sehen, er wird einen Ausweg finden, welcher Dein Gewissen vollkommen beruhigt." „Du hast Recht, das will ich tun." Rabbi Daniel begab sich in sein Zimmer, um sich zur Ausfahrt anzukleiden, während Frau Itzig dem Kutscher den Befehl erteilte, anzuspannen. (Fortsetzung folgt.)