Ben Chananja
- Journal
- Ben Chananja
- Volume
- 5 (1862)
- Issue
- 27 (4.7.1862)
- Date
- 1862-07-04
- Page
- Seite 230 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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230 mangelhaftes Verständiß hat. Folgende Punkte heben wir besonders hervor. 1. Die Katechismen. In der vormendelSsohnischeu Zeit hatte daS jüdisch religiöse Leben eine solche Richtung genommen, daß die Jugend in religiöser Beziehung mehr ab gerichtet als unterrichtet wurde. Die Einführung eines eigentlichen Religionsunterrichtes gehört zu den neueren Bestrebungen; dieselbe wurde aber schon von Hartwig Wessely warm befürwortet. Im 6>ten Abschnitte seiner ״Worte der Wahrheit und des Friedens" spricht er sich mit allem Nachdrucke dafür ans. ״Es ist Sache der Gelehrten," sagt er, ״ans den ersten Quellen zu schöpfen; für Anfänger müssen Kompendien abgefaßt werden, nach welchen die Jugend über die Wahrheiten der Religion unterrichtet werde." So schrieb der fromme Hartwig Wessely 1782. Seitdem sind in allen Europäischen Sprachen Katechismen für die jüdische Jugend geschrieben worden. Die Wortführer der verschiedenen Partheien und Richtungen, die überhaupt auf dem Standpunkte der Kultur stehen, sind darüber einig, daß die Glaubens- und Sittenlehre, so wie Jsrael's Geschichte der jüd. Jugend nach Kompendien beigebracht werden müsse, was natürlich einen dem Alter der Jugend angemessenen Unterricht in den RcligionSurkunden nicht ausschließt. Und nun wagt der junge Dr. R. gegen die ganze Katechismusliteratur zu Felde zu ziehen! ״Der Geist des Judenthmnö kann nur durch sich selbst be-- griffen werden, indem man zu den Quellen zurückkehrt (S. 22)." Dies ist eine sehr wohlfeile Fräse, deren Begründüng dem Hrn Dr. wirklich sehr schwer fiele. Wer den Geist des Judenthums durch Quellenstudium anffassen will, muß sich mit einem großen Apparate filologischer und archäologischer Kenntnisse auSrüsten, was natürlich nicht jedem Bekenner des Judenthums zugemuthet werden kann. Es sind aber Auffassung des Geistes des Judenthums und Quellenstudium desselben so sehr getrennte Dinge, daß es Juden gibt, die vom Geiste des Judenthums durchdrungen sind, ohne ׳u dessen Quellen zurückaekehrt zu sein, während Andere mit diesen Quellen vertraut sind, ohne ein Durchdrungensein v. Geiste des Judenthums an d. Tag zu legen. Daß aber ein zweckmäßiger Religionsunterricht sehr geeignet sei, die Jugend eben mit dem Geiste des Judenthumes vertraut zu machen, ist die Ueberzeugung aller Sachverständigen seit Hartwig Wessely bis auf den heutigen Tag. 2. Die Verfasser der Katechismen: ״Was uns im Katechismus gelehrt wird, ist nicht der Geist des Judenthums, sondern der Herren eigener Geist." Eine höchst unglückliche Anwendung eines bekannten Spruches aus Göthe's Faust! Hr. Dr. R. tväre in der peinlichsten Verlegenheit, wenn er aufgefordert würde, seine Behauptung auch zu beweisen. In der jüd. Katcchismusliteratur sind alle Partheien vertreten: Pleßner und Holdheim haben Katechismen geschrieben. Nun ist es natürlich, daß die Anhänger HolheimS in PleßnerS Katechismus nicht den Geist ihres Judenthums finden. Die verschiedenen Richtungen sind nun einmal unter den Bekennern des JudenthnmS vorhanden, und cs ist natürlich, daß sie sich, wie in d. Literat, überhaupt, so auch in den für d. Ing. bestimmten Schriften geltend zu machen suchen. Dasselbe würde aber geschehen, wenn keine Katechismen vorhanden wären. Denn auch der Bibelunterricht kann von der Richtung des Lehrers nicht unberührt bleiben; er blieb es auch in der vormendelssohnischcn Zeit nicht. Nach der Theorie des Hern Dr.'S N.: ״Religion muß werden, aber nicht gelehrt werden (S. 25)," wäre freilich aller Religionsunterricht entbehrlich; aber die Thora will, daß die Religion eben g elehrt und den Kindern e i n g e s ch ä r f t werde. Die Bernfenen werden daher nach wie vor fortfahren, diesem so hochwichtigen Unterrichtszweige ihre Thätigkeit zu widmen, und die darauf bezügliche Literatur zu bereichern.*) Ueber die unritterliche Animosität gegen die abwesenden Rabbinen so wie über die albernen und vermessenen Ausfälle auf das ״moderne Nabbinerthum" wollen wir einen Schleier werfen! Der uitil.-D. Mil klie Meller llrlhodoxie. Baba Mezia 83, b.?חמץ בן יין ער מתי את־ מוסר Zur Zeit der Leitung des Kultus- und Unterrichtsministeriums durch den Herrn Grafen T. und des großen Einflusses, den damals der Herr Uuterstaatösekretär Baron H. auf die Geschäfte dieser Zweige der öffentlichen Verwaltung übte und der auch jetzt in kaum gcniinderter Stärke fortznbestchen scheint, in jenen Zeiten der Vorbereitung zum Konkordale also, des Abschlusses und der Durchführung des Konkordates, spielte ein Geldwechsler und Banquier mosaischen Glaubens in der Regelung jüdischer Verhältnisse eine sehr bedeutsame Rolle. Er war nämlich gewissermaßen der Vertrauensmann der beiden genannten Staatsmänner, sobald diese irgend welche Auskünfte, jüdische Ge- Nieinder, Kultus- und Schnl-Angelcgenheiten betreffend, benöthigten. Nebenbei bemerkt, scheint, wie die Thats achen bezüglich der Stellnng der.Israeliten von 1850—1860 zeigen, der Einfluß dieses Geld- Wechslers und BanqnierS seinen Glaubensgenossen nicht besonders wohl bekommen zu haben. Doch das hat mit unserer Geschichte nicht viel zu thnn, wohl aber der Umstand, daß der Herr Geldwechsler und Banquier, der orthodoresten Richtung angehörend, keine Gelegenheit vorübergehen ließ, um seinen minder orthod. Gtaubensgenossen entgegcnzutreten. Die Reformen im Kultus, d. sich im Jndenth. bemerkbar machen, die aber d. Wesen desselben nicht im Entferntesten berühren, waren ihm besonders widerwärtig. Das rasche Anwachsen der jüdischen Gemeinde in Wien beunruhigte ihn, weil er das ״Seelenheil" Vieler bedroht sah. War doch *) S. d. Aufsatz ״Religionübücher oder lediglich Bibel" von Hecht im ״B- Chan." 3, 24. 85. 131.