Mannheim
Compact Memory

Ben Chananja · 1862-12-19 · 49 (19.12.1862) · p. Seite 418

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ben Chananja
Volume
5 (1862)
Issue
49 (19.12.1862)
Date
1862-12-19
Page
Seite 418 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2542917-2542971-2543021--2887-2546714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

418 Chorin'S noch einmal flüchtig an Den Blicken der geneig« ten Leser vorüberziehen zu lasten; vielmehr soll sie durch getreues Darlegen der Licht- und Schattenseiten ihres Helden, so wie durch wissenschaftliche Prüfung der von ihm angestrebten und befürworteten Reformen zur Lösung wichtiger, praktischer, noch immer vielfach veutilirter Fragen einen vielleicht nicht ganz unerheblichen Beitrag liefern. Die erzählten Thatsachen sind theilS anö den gedruckten Schriften Chorin'S, theils aus dessen eigenhändig geschriebenen, uns von einem Freunde zur Disposition gestellten Briefen, theils aus mündlichen Mittheilungen glaubwürdiger Manner geschöpft. Aron Chorin erblickte am 3. August 1766,— zwei Jahre nach dem Tode des als Pilpulisten gefeierten, als Kabbalisten verfolgten R. Jonathan Evb e schü tz er'S, — in Weißkirch en, Preraucr Kreises in Mähren, das Licht der Welt. Sein Vater Kalman war ein Weißkircher von Geburt; seine Mutter Schöndel war die Tochler des angesehenen Jesajas Donat in Boökowitz. Kalman ernährte sich vom Kleinhandel, sparte aber keine Kosten, um seinen Aron von dem renomirteften Lehrer der kleinen Gemeinde unterrichte» zu lassen. Hauptgegenstand des Unterrichtes waren die thalmudischeu Traktate Beza und Baba Mezia; Raschi'S Kommentar zur Thora und das Lesen des Thoratertes mit dem Trop (der herkömmlichen synagogalen Kantilene) beschäftigten die kleinen Thalmudjünger jeden Freitag. Außerdem wurde in drei bis vier halben Stunden wöchentlich das grammatische Werk Zohar ha-Theba von Salomon He na (Hanau), — welches wegen seiner pilpulistischen Elemente den wenigen grammatikfreundlichen Thalmudisten, zu denen Chorin'S Lehrer gehörte, am meisten Zusagen mußte, — vorgenommen. Auch zur Kaligrafie der jüdischen Kurrentschrift wurde Chorin in frühester Kindheit angeleitet. Seiner Schulgenossen erwähnte er in vorgerücktem Alter nicht, nur seinen Verwandten und nachmaligen Gegner Lob Reinitz, Rabbinats-Assessor in Leipnik in Mähren, pflegte er als seinen mehr fleißigen als begabten Schulkameraden zu nennen. Im I. 1780 übersiedelten die Aeltern d. 14 jähr. Aron nach Deutschkrenz im Oedenb. Kom. in Ung. Da jedoch dieser neue Wohnort Kalman's keine Gelegenheit zur weitern thalmudischeu Fortbildung bot, brachte derselbe seinen Aron nach dem benachbarten Mattersdorf, wo R. Jeremiaö eine nicht unbedeutende Jeschiba hielt. Derselbe stammte aus Polen, und glänzte neben R. Moseö Minz in Altofen und R. Me'ir Barby in Preßburg als Stern erster Größe am Himmel der thalmudischen Dialektik. Die hervorragendsten Rabbinen jener Zeit gaben ihm in den Approbationen, wolche sie zum Drucke eines Werkes von seinem Sohne R. Joab ertheilten, den Ehrentitel Gaon (1792). R. JeremiaS hatte eine besondere Vorliebe für die zivilrechtlichen Traktate der babilonischen Gemara; sie wurden auf seiner Jeschiba zumeist studirt. Er hatte auch als jüdischer Zivilrichter einen nicht unbedeutenden Wirkungskreis, indem nicht nur die in seiner Gemeinde, sondern auch die in der ganzen dortigen Gegend Vorkommenden Rechtöfälle vor sein Forum gebracht wurden. Der Knabe Chorin benützte seinen zweijährigen Aufenthalt in Mattersdorf so gewissenhaft, daß er, als er im Frühlinge 1782 nach Prag kam, bereits im Stande war, sich für die Vorträge R. Ezechiel Landau's ohne Hilfe eines Korrepetitor'ö gehörig vorzubereiten , und dieselben gründlich aufzusassen. Seine Hauptbeschäftigung blieb auch hier der Thalmud; er nahm aber auch das in Mattersdorf unterbrochene Studium der hebe. Grammatik wieder auf, lernte deutsch lesen und schreiben, und khat hin und wieder einen Blick in den Sohar. Einer seiner Prager Schulgenoffen, der Szegediner Rabbiner Hirsch Back, erzählte öfters, Chorin hätte in Prag längere Zeit in einem Hause gelebt, welches des SabbathäismuS verdächtiget wurde. Möglich, daß daselbst der ersten Keim zu seiner späteren resormatorischen Richtung in seine Seele gelegt wurde; gewiß ist, daß er sich in seiner Jugend dessen nicht bewußt war. 2. Unglückliche Geschäfte. Borbereituug auf das Nabbinat. Nach einem an der Prager thalmudischen Hochschule zugebrachten Triennium kehrte der neunzehnjährige Aron in die Heimat zurück, nicht etwa, um sich um ein Rabbinat zu bewerben, sondern —um sich zu verehelichen. Die Biografen jüdischer Gelehrten aus früheren Jahr- Hunderten erzählen in der Regel, ihre Helden wären frühzeitig zum Thalmudstudium angeleitet worden, weil sie ihre Eltern für den Rabbinerstand erziehen wollten. Dies berichten zum Beispiele die Biografen auch von Spinoza und Mendelssohn. Die Vorstellung, das Thalmudstudium sei bloßes Fach- und Brodstudium gewesen, beruht aber aus gänzlicher Verkennung der früheren, in Mittelu. Osteuropa zuch Theil noch herrschenden Anschauungen und Zustände. Nach diesen Anschauungen ist d. Theologie von der Religion nicht verschieden, und sollte eigentlich jeder Jude Theolog sein, um die Religionsvorschriften nach allen ihren Spezialitäten beobachten zu können; der Versuch, einen Theologen d. i. einen vollkommen religiösen Juden zu bilden, wurde daher mit jedem Sohne frommer Altern gemachl. Ferner galt das Studium des Thalmuds und dessen Zugehör an und für sich, auch abgesehen von der daraus geschöpften Anleitung zu einem religiösen Leben, für eine fromme, gottgefällige, zur Seligkeit führende Beschäftigung. Endlich war eS allein die Kunde des nicht nur

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.