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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-06-15 · 12 (15.6.1934) · p. Seite 244

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
12 (15.6.1934)
Date
1934-06-15
Page
Seite 244 (sequence 4)
Language
German
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244 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 Eine Zeit stirbt Georg Hermanns neuer Roman (Jüd. Buch-Vereinigung, Berlin). Von Dr. B e r t h a B a d t - S t r a u ß. Dor holech-we dor ba: eine Zeit geht und eine Zeit kommt ■— ob Georg Hermann an die Worte des königlichen Predigers und Ahnherrn aller jüdischen Dichter dachte, als er den schwermütigen Namen für sein neues Buch fand? — Wahrscheinlich nicht — sicherlich nicht, möchten wir sagen. Denn in dieser auffälligen Gleichheit der Namenswahl offenbart sich mehr als geistreiche Lust am Zitieren, wie sie manchem unserer allzu gebildeten Stammesgenossen nicht fremd ist. Hier enthüllt sich unser aller Los, das über alle Jahrhunderte hinweg das gleiche bleibt und vor dem König ebensowenig Halt macht wie vor dem Bürgersmann. Als König Salome jung war, da sang er das Lied der Lieder — und die Liebenden aller Zeiten sangen es ihm nach — und die dunkle Schönheit der Hirtin Sulamith. die durch die nächtliche Stadt irrt auf der Suche nach dem Liebsten, rührt uns noch heute ans Herz. Aber als er alt geworden und vieler Menschen Los, Leid und spärlich Glück gesehen hatte, da wußte er neue Weisheit: „Alles ist nichtig!" Und halb verzichtend, halb tröstlich klingt dann bei ihm der neue Ton: daß immer wieder „eine Zeit stirbt und eine Zeit kommt" . . . Wenn man einmal Schlichteres mit Größerem vergleichen darf: König Salomos Weg ist unser aller Weg — er ist auch der Weg Georg Hermanns. Als Georg Hermann jung war, da blühte der Frühling im Schloßpark von Charlottenburg und das blütenjunge Jettchen Gebert begegnete in aller Lust und in allem Leid der Liebe dem heimlichen Freunde Kösling. Nun ist Georg Hermann . . . zwar noch nicht alt, denn sein Griffel gehorcht der geübten Hand wie ehedem, aber doch älter geworden und hat vieler Menschen Schicksal gesehen, auch im eigenen Leben das Auf und Ab von höchstem Glück und bitterster Oual erfahren; und nun schrieb er dies nachdenkliche, in allen Farben des Lebens vom schillernden Glanz eines Herbstsonnenscheins bis zur nachtschwarzen Tragik einer Winternacht spielende Buch. Wer Georg Hermanns frühere Werke kennt, dem sind die Menschen dieses Buches keine Fremden mehr; aber auch für den neuen Gast an seiner reichbesetzten Tafel hat der Wirt in einem gedankenreichen Vorwort, das selbst schon wie ein schmackhaftes Vorgericht wirkt, den Zusammenhang zwischen den fünf Romanen hergestellt, die jeder einen anderen Querschnitt an einem anderen Wendepunkte des Weltgeschehens und der Einzelschicksale darstellen. Drei Generationen von Berliner Juden tauchen vor uns auf: mehr oder minder aber ist es doch jenes Geschlecht, das zwischen 1870 und 1S80 zur Welt gekommen ist. Männer und Frauen des bürgerlichen Berliner Mittelstandes, Ärzte, Juristen, Schriftsteller, große Kaufleute ... sie alle erleben hier, daß ihre „Zeit stirbt". Menschen mit aller geistigen Beweglichkeit, aber auch mit allen Gebrochenheiten und Zerrissenheiten ihrer Generation; umweht von einem Hauch von Schwermut über eine „Welt, in der sie sich nicht mehr zurecht finden". Mitten unter allen diesen Typen-Menschen, die doch wieder jeder seine eigene Komödie oder Tragödie zu agieren haben, spielt sich der lezte Akt des Einzelschicksals ab. das uns schon in den früheren Büchern „November Achtzehn" und dem noch unveröffentlichten Buche „Ruths schwere Stunde" bewegte. Der nicht mehr ganz junge Schriftsteller Fritz Eisner — „unjung und nicht mehr ganz gesund" — ihn mit Heines Worten zu bezeichnen, wäre zwar ein wenig hart, aber nicht ganz unwahr — hat nach der Enttäuschung einer ersten Ehe in der Vereinigung mit der jungen, schönen, lebenskräftigen Ruth ein neues schmerzvolles Glück gefunden. Wir nahmen von den beiden Abschied, als die Wirren der Revolution von 1918 Berlin durchtobten; wir finden sie jetzt wieder im Frieden eines Heidelberger Herbsttages, aus dem sich die junge Ruth doch fortsehnt in das Treiben der großen Stadt, wo man mitraten und mittun kann an dieser lustigen und traurigen, immer aber ergötzlichen Welt. Schon hier zeigt es sich, daß auf diesen Seiten zwei Welten von Menschen und Geschlechtern wiedergegeben sind. Gewiß,, alle diese Freunde von Fritz Eisner sind uns heute fremd und ein wenig gespenstisch geworden; wir kennen sie noch, in jeder Familie gibt es vielleicht noch irgendwo bei Vettern oder Basen Frauen wie Hannchen und „M'chen" oder Männer wie Paul Gumpert mit seiner Schauspielerin. Wir kennen sie noch — und müssen ihnen noch jetzt manchmal eine Visite machen, von der wir immer ein wenig verwundert „das es das noch gibt!" und ein wenig traurig, aber immer noch gefesselt zurückkehren an den Ambos des täglichen Lebens. Aber mitten unter ihnen steht Eine, die zu uns gehört: das ist die junge Ruth, die letzte Liebe des Mannes von vorgestern. Die schöne, kluge, immer wache junge Frau spielt, wie die kluge Fränze meint, die schwere Rolle einer „Brücke zwischen einer Zeit, die stirbt und einer Zeit, die es noch nicht gibt". Ganz Feuer, ganz Tatkraft — aber von einer Tatkraft, die über den engsten Lebenskreis hinaus in den Bereich der Gemeinschaft verlangt. Nur darum kann sie es in der weltabgeschiedenen Stille des Neckartales nicht länger mehr aushalten, weil es sie drängt, am Bau der neuen Zeit mitzuhelfen . . . wenn auch nicht viel darüber gesagt ist, wie und wo sie sich diesen neuen Bau vorstellt. Gewiß, sie ist so wenig bewußte Jüdin wie alle die andern bürgerlichen Großstadtjuden ihres Kreises; aber man kann sie sich unschwer vorstellen, wie sie, wenn sie diese Zeit und diese Tage miterlebt hätte, auch einmal eine Chaluzah hätte werden können, die mit Hand und Herz am Bau einer neuen Welt mithilft; oder eine Hinaufziehende zu neuem Ziel — denn neue Ziele sind der Feuerstrom, in dem allein sie atmen kann. Und gerade diese Jugendfrische muß sterben. Von Kindheit an trägt sie den Keim zu verhängnisvoller Krankheit in sich, gegen die es keine Rettung gibt. Nun äst der Tod ein vertrauter Gast in Georg Hermanns Büchern. Das arme Jettchen sucht ihn, jung und doch lebenssatt wie sie sich empfindet, nachdem sie herbste Enttäuschung mitten in der Erfüllung erlebt hat. Doeinsame Doktor Herzfeld sucht die letzte Zuflucht, als ihn die Einsamkeit und der Graus der Zeit begräbt. Und der „kleine Gast" in einem der ergreifendsten Bücher Georg Hermanns, das winzige Mädelchen, das seinen Eltern doch schon so Vieles bedeutet, findet den Tod, ohne zu suchen — ja, ohne überhaupt erst recht gelebt zu haben. — Aber dies hier ist ein anderer Tod. Die schöne junge Ruth stirbt und will leben, leben mit jeder Faser ihres Leibes und ihrer Seele. Es ist, als ob sie ein Opfer jener Zeit würde, der sie ihre Liebe geweiht hat . . . sie, die doch „aus andren Zeiten kam und in andre Zeiten zu gehen koffte". (Woher diese Worte stammen, das wird selbst der zitierfreudige Georg Hermann nicht oder wahrscheinlich nicht erraten können. — Ich will es ihm sagen: sie gehören niemand andern als ... Theodor Herzl.) Um dieser Ruth willen, deren Sterben mit reifster Kunst geschildert wird, um dieser Sterbenden willen lebt dieses Buch — auch für uns, die wir andre Menschen und andre Juden wurden und zu andern Zielen streben. Aber ist dieser Tod, dies Ende einer Zeit, die unterging und untergehen mußte, rechter Anfang und rechtes Omen für eine Jüdische Buch-Vereinigung, die mit diesem Buche ihre erste Jahresreihe eröffnet? — Man hat es oft bezweifelt. Dennoch scheint es uns recht getan, mit diesem Erzeugnis einer reifen, schmerzlich lächelnden jüdischen Erzählerkunst den neuen Weg zu beginnen. Jedes wahre Ende ist zugleich ein Anfang; hier „stirbt eine Zeit", damit das Erdreich umgepflügt werden kann für neue Saat. Im Koheleth. dem lebensverneinendsten Buche unsrer alten Schriften, steht neben dem bittern Wort über die Nichtigkeit aller menschlichen Eitelkeit das Endwort . . . „aber die Erde bleibt ewig besteh n". Und diese ewigen Kräfte der Erde sind es endlich, die auch in Georg Hermanns Buche den Enkeln dieser sterbenden Zeit „ewigen Bestand" verbürgen: Kräfte der Erde, wie sie in Himmelswolken und Ackerboden leben; und Kräfte des Bluts, wie sie sich etwa in dem wortlosen Einheitsgefühl eines Vaters und seiner Tochter kundtun ... Tretet ein: auch hier sind Mächte der Ewigkeit! Was aber die neugegründete Jüdische Buch-Vereinigung angeht: sie wird in ihrem ersten Jahres-Programm sich bestreben, Vergangenheit und jüdische Zukunft lebendig zu verbinden: Elbogens Geschichte der Juden in Deutschland und ein Palästina- Buch werden einander die Hand reichen. Und soeben kündigt sie Mitgliedern und allen denen, die es noch nicht sind, aber bald werden sollten, an, daß das große Nachlaßwerk Jakob Wassermanns, der Roman „Joseph Kerkhovens dritte Existenz" als nächstes ihrer Bücher erscheinen soll. Damit erfüllt sie nicht nur einen Wunsch, sondern auch eine Ehrenpflicht des jüdischen Wesens.

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