Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 157 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Jiid. Kulturbund in Bayern Ortsgruppe München Ein jüdischer Vollcsschriftsfeller Zum 6. April, dem 12 5. Geburtstag von Aaron David Bernstein Von Dr. Siegmund Hirsch Im gleichen Jahre wie Berthold Auerbach geboren, durch seine ausgezeichnete Mitarbeit an dessen Deutschem Volks-Kalender oft mit ihm verbunden, ist Aaron Bernstein einst so bekannt gewesen wie der Erzähler der Schwarzwälder Dorfgeschichten. Beide haben, ursprünglich zum rabbinischen Beruf bestimmt, einen anderen Weg eingeschlagen und ihr Schaffen in den Dienst der Allgemeinheit gestellt; beide sind berühmte und beliebte Schriftsteller geworden. Aber die Kunst des Fabulierens rührt weitere Kreise, als die Gabe, die Gesetze der Natur und die Ergebnisse strenger Forschung dem einfachen Leser nahezubringen: drum klingt der Name des Schöpfers vom „Barfüssele", vom „Tolpatsch", vom „Diethelm" vielen noch vertraut, während der Verfasser der ausgezeichneten „Naturwissenschaftlichen Volksbücher" fast vergessen ist. Und doch ist Aaron Bernsteins Wirken viel bedeutungsvoller und reicher gewesen, und er ist, trotz Auerbachs wohltuender Anhänglichkeit an seine Gemeinschaft in viel tieferem Sinne ein jüdischer Volksschriftsteller. Nur ist Bernstein, im Gegensatz zu Meister Bertholds übersprudelnder Freude an jedem Erfolg, schlicht hinter seinen großen Leistungen zurückgetreten. So schlicht, daß sein vielfältiges und oft bahnbrechendes Schaffen wie etwas Selbstverständliches gern hingenommen und nie mit der Lebhaftigkeit gefeiert wurde, die sich in den Huldigungen für Auerbachs erste Dorfgeschichten aussprach. Bernsteins Geschichten „Vögele der Maggid" und „Mendel Gibbor" hätten, als sie vor etwa hundert Jahren ganz unscheinbar in jüdischen Kalendern erschienen, bei den Juden, die sie bald auch in Buchform lesen konnten, eine ähnlich begeisterte Aufnahme verdient. Denn auch hier war Neuland erobert: die beiden Geschichten waren die ersten Ghettonovellen. Da lasen wohl Generationen den Namen Bernstein. Aber wer dachte daran, daß dieser Erzähler derselbe Mann war, der durch eine astronomische Arbeit Aufsehen eregt hatte, der in Wort und Schrift seine jüdische Gelehrsamkeit zeigte, der schwierige wirtschaftliche und naturwissenschaftliche Probleme in neuartig volkstümlichen und doch immer gediegenen Zeitungsaufsätzen zu behandeln wußte, der mit ernst zu nehmenden Erfindungen hervortrat, der sich besonnen und tapfer zugleich in Leben und Glauben für eine fortschrittliche Entwicklung einsetzte! Und gerade dieses vielfältige, in die Weite gehende Wirken Bernsteins, das nie spielerisch dilettantisch war, erscheint als etwas großartig Einheitliches, wenn man auf die Wurzel sieht, aus der es erwuchs und von der es sich nie losriß: auf sein Judentum. Man hat gesagt, der in seinem Denken so ganz Moderne, weithin Anerkannte habe auch auf der Höhe des Erfolgs immer noch Geist und Art eines alten Rabbi gezeigt. Ein treffendes Urteil und ein hohes Lob: Bernstein ist wirklich ein jüdischer Volksschriftsteller und Volkslehrer gewesen. Über den mühseligen Aufstieg, über, die Notzeit, die der arme Danziger Talmudstudent in Berlin überwand, hat Heinrich Laube berichtet: „Bernstein schrieb kleine Hilfsartikel für Journale, welche elendiglich honoriert wurden. Er war arm wie eine Kirchenmaus, und ich sogar, der auch nur wenig zu brechen und zu beißen hatte, erschien wohlhabend neben ihm. So kam er denn eine Zeitlang gewöhnlich um die Mittagszeit zu mir......Er kam immer nur einen Tag um den andern, sicherlich aus Bescheidenheit, denn wahrscheinlich speiste er an den dazwischenliegenden Tagen gar nicht." Heinrich Laube sah ergriffen, wie sich der Unermüdliche, immer Frohe in die schwierigsten geistigen Gebiete hineinarbeitete und er fand den Antrieb für diesen Schaffenseifer in der alten rabbinischen Schulbildung, die „eine ruhelose Tätigkeit des Denkens" bei Bernstein erweckt hatte. Aber nicht wie ein rücksichtsloser Wissensraffer erschien dem christlichen Beurteiler der emporstrebende junge Jude. „Bescheidenheit", sagt Heinrich Laube, „reiche Herzensgüte, tiefes Wohlwollen für die ganze Welt sprach aus Uli seinen Äußerungen, aus seinem ganzen Wesen." Diese Verbindung von Verstandesschärfe, Gemütstiefe und ausgeprägtem Sinn für Gemeinnutz ist für Bernsteins Wirken bestimmend und erfolgreich geworden. Was er mit Liebe lernte und erforschte, das hielt er mit Liebe fest: als er im religiösen Denken wie in seinem äußeren Leben schon vieles Überkommene abgelegt hatte, wußte er, der nie den armen Talmudschüler von Fordon an der Weichsel verleugnen wollte, das Bild der kleinen frommen Posenschen Gemeinde in seinen beiden Erzählungen mit wunderbarer Treue festzuhalten. Kein Strenggläubiger hat Brauch und Satzung des jüdischen Lebens, die Höhepunkte des jüdischen Jahres mit so viel Ehrfurcht, Zartheit und Zauber lebendig werden lassen wie der Mann der religiösen Entwicklung, der an dem Aufbau der Jüdischen Reformgemeinde in Berlin, in versöhnlichem Geist und immer die Bedeutung des talmudischen Wissens betonend, mitgearbeitet hat. Es ist eine Freude, daß der Schocken - Verlag Bernsteins Geschichten „Vögele der Maggid" und „Mendel G i b b o r" in der fast verschollenen Urfassung neu dargeboten hat. Der Gefühlsüberschwang, die Breite, sollen niemand abschrecken. Alle, die später auf diesem literarischen Neuland weiterschufen — und die meisten west- und ostjüdischen Ghettoerzähler haben von Bernstein gelernt — haben sich wohl von diesen Anfangsmängeln entfernt. Aber nicht alle erwecken wie Bernstein die Teilnahme am altjüdischen Leben; nicht bei allen quillt sie so aus der Seele. Wohl bemerkt Ludwig Laistner, der Mitherausgeber von Paul Heyses Neuem Deutschen Novellenschatz, treffend, in „Vögele der Maggid" stehe das eigentlich Novellistische noch stark zurück hinter der bloßen Schilderung von Charakteren und Zuständen. Gewiß, aber wir spüren mit Rührung, wie jüdische Schriftweisheit in diesen Gestalten Fleisch und Blut und lauteres Menschentum geworden ist, so in den beiden Schwestern, besonders in Vögele mit ihrem hellen Verstand, ihrer munteren Laune, ihrer Lernbegierde und ihrem Talent der Rede, das ihr den Ruf eines Maggid zugezogen. Wie fromm und würdig ist mit dem Liebesidyll aus dem Lebenskreis der Bachurim, der hier, wie die enge Gemeinde überhaupt, voll heiterer Gefühlswärme ist, die ernste Geschichte von der Beglückung der Kinderlosen verbunden! Und wenn bei den liebenden jungen Menschen das Herz spricht, dann wird Wort und Stimmung des Hohen Liedes lebendig. Dieses Werk unseres Schrifttums hatte Bernstein in einer feinsinnigen Ubersetzung, die Leopold Zunz eingeleitet hatte, herausgegeben, auch hier ward ihm, wie immer, Lernen zum Leben. In „Mendel Gibbor" gewann der Erzähler, nach Laistners richtigem Urteil, erst die volle Sicherheit seines eigenen Stils. Großartig ist die Ge- Zum Jackenkleid die fesche jJ^»^CÄ sportlich......7.50, 5.90 DKI&S& elegant, in entzückenden Ausführungen. «J«unjalltd-d1Xa«i«£fe in 3u((adex und Sfricic- Tfäa&tümen Aparte Schals, Kragen, Westen, Jabots Strümpfe, moderne Frühjahrsfarben RK-Hausmarke 1.50 Reine Seide, II. Wahl 1.95 Sportliche Strümpfe in vielen neuen Mustern ROSA KLAUBER THEATINERSTRASSE 35 FILIALE MARIENPLATZ 2