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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1936-07-15 · 14 (15.7.1936) · p. Seite 309

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
12 (1936)
Issue
14 (15.7.1936)
Date
1936-07-15
Page
Seite 309 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 309 Von neuem hob Mosche an: Verflucht seist du Sonne! Warum hast du dich nicht verfinstert, als der Feind'ins Heiligtum drang? Die Sonne antwortete ihm: Bei deinem Leben, Mosche, du treuer Hirt! Wie hätte ich mich verfinstern könnnen? Es wurde ja nicht geduldet; mit sechzig feurigen Ruten peitschte man mich und sprach zu mir: Zieh aus und laß dein Licht leuchten! Und wiederum begann Mosche und sprach: Wehe um deinen strahlenden Glanz, o Heiligtum, wie ist er verdunkelt! Nun ist der Temepel verbrannt, die Kinder in der Schule erschlagen, und ihre Väter gehen unter dem Schwert in Gefangenschaft und Verbannung. Weiter sprach Mosche: Ihr wilden Räuber, bei eurem Leben beschwöre ich euch: Tötet sie nicht eines grausamen Todes, vernichtet sie nicht ganz und gar, erschlaget nicht den Sohn vor den Augen des Vaters oder die Tochter vor dem Angesicht der Mutter! Sonst kommt die Stunde, da Gott euch dafür strafen wird. Aber die Chaldäer, die Ruchlosen, verfuhren nicht so. Sie legten den Sohn der Mütter in den Arm und sagten zum Vater: Auf und töte ihn! Es weinte die Mutter, die Tränen rannen über ihn hinweg, und sein Vater erhängte sich selbst. Da sprach Mosche vor Gott: In Deiner Tora hast Du geschrieben (III M.22,28): Ein Rind oder Schaf, es und sein Junges sollt ihr nicht an einem Tage metzen. Hier aber tötete man Kinder mit ihren Müttern einmal übers anderemal und Du schweigst! In diesem Augenblick sprang unsere Mutter Rachel vor, sie trat vor den Heiligen gelobt sei er und sprach: Herr der Welt! Vor dir ist offenbar, daß Jaakob mich mit übergroßer Liebe liebte und um meinetwillen meinem Vater sieben Jahr diente. Als diese sieben Jahre um waren und die Zeit gekommen war, für meinen Herrn die Hochzeit zu rüsten, da faßte mein Vater den Entschluß, an meiner statt die Schwester meinem Herrn zuzuführen. Schwer über alle Maßen fiel mir das auf die Seele, denn mir ward jener Entschluß kund. Ich gab auch meinem Herrn Kunde davon und verabredete ein Zeichen mit ihm, damit er zu unterscheiden wisse zwischen mir und meiner Schwester und mein Vater sie ihm nicht an meiner statt zuführen könne. Danach aber packte mich Reue über mein Tun, ich bezwang mein Begehren und hatte Mitleid mit meiner Schwester, daß sie nicht in Beschämung komme. Am Abend führten sie meinem Herrn die Schwester an meiner statt zu — da gab ich ihr all die Zeichen, die ich mit meinem Herrn verabredet hatte, auf daß er meine, sie sei Rachel. Nicht genug daran! Ich zwängte mich unter das Bett, auf dem er mit meiner Schwester lag, er sprach zu ihr, sie aber schwieg und ich gab jedesmal Antwort, damit er nicht an der Stimme erkenne, daß es meine Schwester ist und nicht ich. So erwies ich ihr Liebe, war nicht, eifersüchtig auf sie und ließ nicht zu, daß sie in Schande und Beschämung käme. Ich, ein Geschöpf aus Fleisch und Blut, Staub und Asche, war auf meine Nebenbuhlerin nicht eifersüchtig, ließ sie nicht in Schmach und Beschämung kommen, und Du, der König, der ewig bleibt und lebt in Barmherzigkeit, wie kannst Du auf Götzen eifersüchtig sein, an denen keine Wirklichkeit ist, meine Kinder in die Verbannung schicken, die durchs Schwert erschlagen lassen, daß die Feinde ihre Lust an ihnen hatten? Da brach das Erbarmen des Heiligen gelobt sei er hoch auf und er sprach: Um deinetwillen, Rachel, führe ich Israel wieder heim an seinen Ort. Das ists was geschrieben steht (Jer. 31, 15): So spricht ER: Eine Stimme ist in Rama zu hören, ein Wehgesang, ein Weinen der Bitternis. Rachel verweint sich um ihre Söhne, weigert, sich trösten zu lassen um ihre Söhne, ach, keiner ist da! Und weiter heißt es dann (Jer. 31,16): So spricht ER: Wehre deiner Stimme das Weinen, deinen Augen die Träne, denn es west ein Lohn deinem Werk — SEIN Spruch —: aus dem Feindesland kehren sie heim! eine Hoffnung west deiner Zukunft — SEIN Spruch — Söhne kehren in ihre Gemarkung! Rede auf Theodor Herzl Zum zweiunddreißigsten Todestag am 20. Tammus Gehalten von Manfred Sturmann in München, am 8. Juli 1936 Diejenigen, die nicht mehr das Glück hatten persönlich Anteil zu nehmen an dem Wirken dieses großen Sohnes seines Volkes, neigen nur zu oft dazu, die Gestalt Theodor .Herzls ins Mythenhafte zu kleiden. Gewiß, die Größe dieses Menschen hat in den zweiunddreißig Jahren, die hinter seinem Tode liegen, etwas Legendäres angenommen. Dennoch wollen wir uns hüten, Herzl „jenseits von Gut und Böse" zu betrachten, etwa als einen verklärten Schöpfer seiner Bewegung. Der Zionismus ist das Werk Herzls, ist die lebendige, vom Willen tatbereiter Juden durchpulste Bewegung geworden und als solche gewachsen. Wir dürfen Herzl nur in der Mitte dieser Bewegung sehen und keinesfalls darüber. Sie alle kennen sein Leben. Es kommt nicht darauf an, dieses Leben nochmals zu erzählen. Mehr kommt es darauf an, gerade in dieser Zeit, da das jüdische Palästina eine harte Bewährungsprobe zu bestehen hat, das Motorische in Herzls Leben aufzuzeigen. Was ist denn eigentlich so außerordentlich an diesem Leben gewesen? Durch seinen ganzen Ablauf .ziehen sich die Phasen eines Zweifrontenkrieges, wenn mir diese Bezeichnung einmal gestattet ist. Zwiefachen Kampf hatte Herzl zu führen: Der Kampf gegen die nichtjüdischen Gegner war ein harter Uberzeugungskrieg. Der verlachte, als Phantast und Träumer hingestellte Jude Theodor Herzl hatte zunächst einmal unter Beweis zu stellen, daß es ihm ernst war, wenn er den Judenstaat verlangte. Der Kampf aber gegen die eigenen Brüder, gegen die Phalanx der Indifferenten und Satten unter den Juden, war der härtere und aufreibendere Kampf. In diesem Ringen mit den eigenen Brüdern zerrieb er sich buchstäblich. Denn sicher war es einfacher, einen europäischen Regenten von der Größe seiner Konzeption zu überzeugen, als einem jüdischen Geldmagnaten der damaligen Zeit auch nur eine Nuance von Sympathie abzuringen, von einer materiellen Tat ganz zu schweigen. In einem Brief aus dem Jahre 1901 schreibt Herzl im Hinblick auf diese Kategorie von abseits stehenden jüdischen Menschen: „Müde hab' ich mich gelaufen und bin.. nicht einmal angehört worden." Und es spricht gegen die These, daß Herzl ein Träumer war, wenn er in diesem Briefe also fortfährt: „Es wird Pech und Schwefel regnen müssen, damit diese Steine weich werden." Es war doch aber der Sinn von Herzl's großer Konzeption vom Judenstaat, wenn er die Judenfrage als eine permanent offene Frage erklärte; wenn er auch ohne Katastrophen die Juden der Welt zu der Erkenntnis bringen wollte, daß ihre

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