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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-01-01 · 1 (1.1.1934) · p. Seite 9

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
1 (1.1.1934)
Date
1934-01-01
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. l Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 9 Die Juden Wiens c H a u s~ T i e t z e , D i e J u d e n Wien s. Geschichte — Wirtschaft "— Kultur. Mit 30 Tafeln, Bildern und Plänen. Leipzig und Wien (E. P. Tal &'Co.) "1933. In/dem Augenblick, in dem wir um das Schicksal der Wiener Juden bangen, erscheint von Hans Tietze die bedeutende Geschichte der Juderigemeinde Wien, einer Gemeinschaft, die sich von den typischen Schicksalen der jüdischen Großgeriieinden Westeuropas, besonders Deutschlands, merkwürdig unterscheidet. Hans Tietze ist der Verfasser der modernsten Kunstgechichte Wiens; dementsprechend behandelt er die Juden der Donaustadt nicht von der innerjüdischen, sondern von der Wiener Seite her. Bezüglich der eigentlichen j ü - dischen Geschichte, also der Schicksale der jüdischen Körperschaft, ihrer Leiden und Verfolgungen, ihrer geistigen Leistungen und Ansprüche muß er sich, nicht von unserer Seite kommend (j,als der hebräischen Sprache unkundig") auf die reiche ■■■■Vermittlungsliteratur.- zweiter Hand verlasseh. Tietze will von sich aus nur ein Stück Wien, eben die jüdische Besonderkeit dieses Stückes Wien und dieses Stückes westeuropäischer Judenheit beschreiben. Er ist sich der historischen-Stunde, in der er dieses Werk vorlegt, durchaus bewußt. Er schreibt darüber: „Dieses Buch war geplant und begonnen, ehe die Ereignisse in Deutschland die europäische Judenfrage auf einen neuen Boden gestellt haben. Wenn den deutschen Juden trotz leidenschaftlicher Hingabe an ihr Vaterland und trotz einer Füll** überragender Leistungen im Rahmen der deutschen Kultur das Wentel leben in dieser mit der unerbitterlichsten Grausamkeit verweigert wird, so erscheint auch das Wiener Judenproblem zur Revision gestellt. Wie alle anderen Gruppen westeuropäischer Juden haben auch die Wiener an der gegensätzlichen Doppelheit völkischer Gemeinschaft und kultureller Assimilation teil; zwischen den beiden Polen völliger nationaler Behauptung und restlosen Aufgehens in der Umgebung hat sich auch hier eine spannungsreichc Fülle von L ö s u n g s v er such e n entwickelt. Wirft nun die brüske Verweigerung der Assimilation die Juden lediglich auf-die Rettung im/ Eigenvölkischen, so scheint auch diese Reaktion gegen äußeren Druck der ganzen Geschichte des jüdischen Volkes und dem ganzen WTesen seines Glaubens und Denkens so sehr zu widersprechen, daß auch sie für die ins Europäische untergetauchten westlichen Juden kein Ausweg ist. Die noch lebenden Generationen dieser westlichen Juden können sich von der erworbenen Kul tur nicht lösen, ohne zugrunde zu gehen. Vor das Dilemma der Vernichtung da oder dort '<*c stellt, werden viele dem vergeblichen Versuch, sich dadurch zu retten, d«ß' sie die Nationalitälenidee, die sie zermalmt, gleichfalls vergotten, das selbstmörderische Festhalten an dem Humahitütsgedanken vorziehen. d<T ihre jüdische Mission ist; ihr Bestand als- Volk, das inmitten anderer Völker zu leben hat, hat für sie nur so lange Sinn, als sie dadurch für die Überwindung der völkertrennenden Schranken Zeugnis ablegen. Wenn die einzige Wähl, die ihnen geblieben ist, die Form des Zugrundegehehs ist, dann ist es besser, sie wählen jene, die die stärksten Keime künftigen JPruchtbarwerdens enthält, jene, die den Traum einer sich einst verbrüdernden Menschheit nicht verleugnet, sondern für einen Tag hütet, der vielleicht doch dereinst kommt. Ist dies das erschreckende Dilemma, das dem westeuropäischen Judentum — wie immer einzelne sich eine persönliche Daseinsmöglichkeit erkämpfen mögen — gestellt ist, so ergibt sich daraus die individuelle Verpflichtung, das Schwere dieses Schicksals in jedem persönlichen Tun fruchtbar zu machen: im sittlichen Handeln der Gesetze der Menschlichkeit um so bewußter zu bleiben, im künstlerischen Schallen größere Tiefe und Weite zu gewinnen, in der wissenschaftlichen Arbeit der Erkenntnis der Wahrheit um so unbedingter zu gehorchen.Vk Soweit Hans Tietze in seinem Oktober 1933 datierten Vorwort! Er empfiehlt also den Juden die nicht-zionistische Form des Zugrundegehens zu wählen, ,,die den Traum einer sich einst verbrüdernden Menschheit nicht verleugnet". Wir halten diese Alternative für eine voreilige und luftige Konstruktion und die Empfehlung, was wir ,,wählen" sollen, für ..Gerede", aber wir sehen dem Verfasser diesen guten Rat" nach, um der nachfolgenden auf Jeder Seite fesselnden und selbständigen Darstellung von den Anfängen der Wiener Juden über die beiden oft geschilderten Austreibungen 1420-und 1()70 hinweg bis zur Gegenwart. Das Schwergewicht liegt auf der Entwicklung der neuen und neuesten Zeit, auf der Schilderung der Wiener jüdischen Presse, der jüdischen Literaten und Künstler, des Problems, das mit der ..Verjudung Wiens" am kürzesten gekennzeichnet wird. Nirgends wax Hingabe an die Umgebung so vollkommen wie bei den Wiener Juden, nirgends jüdische Selbstironie und jüdischer Selbst haß so ätzend; Otto Weininger, Karl Kraus. Arthur Trehitseh sind für unsere Begriffe pathologische Gestalten. Nirgends aber haben auch die Ideen des jüdischen Nationalismus eine so prägnante Fassung gefunden wie auf diesem alten jüdischen Kulturgrund. Ans dem Wiener Journalismus ging Theodor Herzl hervor. Richard Beer Hof mann. . . *> , - KOSTÜME-'. KLEIDER'. MÄNTEL . PELZ-iE.

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