Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 6 (1930)
- Issue
- 12 (15.6.1930)
- Article
- Über die jüdische Familie
- Date
- 1930-06-15
- Page
- Seite 189 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 189 stellung von dem Leben, das unsere Väter führten. Es vermittelt einen kulturgeschichtlich hochinteressanten Beitrag zur jüdischen Familienforschung, wenn auch das Judentum in der weiteren Behandlung des Stoffes recht stiefmütterlich behandelt wird. Ludwig Hatwany gibt in seinem Roman „B ondy jr."- eine umfassende Familienchronik ungarischer Juden. Er erzählt, wie Simon Bondy im Jahre 1790 von Mähren nach Ungarn wandert, nach Miskolcz, eine dort bestehende Handlung dank unermüdlichen Fleißes in die Höhe bringt und so den Grundstock für die spätere Millionenfirma Bondy legt. Die Erzählung handelt nach kurzer Erwähnung des Sohnes Max, über den nicht viel zu sagen ist, in behaglicher Breite von dem dritten Bondy, von dem Freiheit- und Heine-begeisterten (dabei doch Kapital-begeisterten) Hermann, der dem Hause Weltruf verschafft. Der zweite Teil des Romans ist der Kindheitsgeschichte eines weiteren Nachkommen dieser Familie gewidmet, dem zarten und doch so lebensklugen Sigi Bondy, dessen Aufstieg der Autor in einem weiteren Bande zu erzählen verspricht. Nach dem großen Vorbild der „Buddenbrooks" wird hier, allerdings nicht der Verfall, sondern der Aufstieg einer Familie geschildert. Sicher liegt die Stärke Hatwanys in seiner idyllischen Kleinmalerei, in der geruhsamen Art, wie er in den Ablauf des Lebens hineinleuchtet: Geburt und Schulzeit, Brautwerbung und Hochzeit, Berufsarbeit, Tod und Begräbnis — das zieht an uns vorbei wie eine bunte Bilderfolge. Während in Frankfurt die Juden um 1800 noch im Ghetto sitzen, sind sie in Ungarn schon zu Einfluß und Wohlstand gelangt. Auch dieser Roman ist eine hervorragende Kulturstudie, handwerklich gut gearbeitet, aber ihm fehlt es irgendwie an Gesinnung. So aufschlußreich das Buch ist, so sehr es in psychologischer Hinsicht zu schätzen sein mag — hinter der Schilderung jüdischer Dinge, die uns sehr ernst sind, sehen wir die Fratze des Spötters. Drei Masken Verlag, München. Ich wünschte diesem Buche keine christlichen Leser: sie könnten nicht scheiden zwischen dem Tragischen und dem Lächerlichen. Wir jüdischen Leser bringen die Wärme für das Jüdische mit; nehmen wir aus dieser Chronik das Beste heraus: das Bild der jüdischen Familie Das dritte Buch ist Ludwig Lewisohns Roman „Das Erbe im Blut",3 das hier schon besprochen wurde und auf das in diesem Zusammenhänge erneut hingewiesen werden muß. Auch dies ist eine jüdische Familienchronik, aber hinter der nüchternen Aufzählung von Fakten — sicher geschieht es zuweilen nicht so dichterisch wie bei Hatwany — steht die leidenschaftliche Liebe zum Judentum und seiner Art. Lewisohn erzählt von dem jämmerlichen Leben Reb Mendels, eines Melameds in Wilna, wie er sich frei macht von der Enge des Lehrhauses und einen weltlichen Beruf ergreift. Er öffnet der Assimilation Türen und Fenster: sein Sohn ist schon Kaufmann in Insterburg. Er heißt bereits Ephraim Levy. Dieser hat wiederum zwei Söhne. Der eine wird Christ und stirbt, der Familie entfremdet, in Berlin, der andere geht nach Amerika und wird ein reicher Mann, der alles Jüdische abstreift. Nur zuweilen, an einem Festtag, dämmert ein Erinnern an Vater und Großvater herauf. Doch der Urenkel Reb Mendels, der Arzt Dr. Arthur Levy, entdeckt wieder „Das Erbe im Blut", er findet zurück zum Judentum. Und wie kommt er dazu? Durch eine Mischehe. Die psychologische Schilderung dieser Mischehe ist geradezu meisterhaft. In dem Roman Lewisohns hat jene neuerwachte Liebe zur jüdischen Vergangenheit, von der wir sprachen, eine wunderbar gültige Fassung erhalten. Diese drei Bücher sollten uns anregen, über den Sinn der jüdischen Familie nachzudenken, auf daß wir mit Bewußtsein Macht und Wert dessen erkennen, was wir — leider nur zu oft — unbewußt lieben. 3 Verlag Paul List, Leipzig. Lin Münchner §rauenbuck Die „Geschichte der Jugend" beschreibt Hermine Han e l in einem interessanten Buch, das Einblick in ein modernes Frauenschicksal gibt und den merkwürdigen Zusammenklang lebendig tönen läßt, den Romantik und Sachlichkeit geben. Hermine Hanel „Die Geschichte meiner Jugend (Koehler u. Amchang, Leipzig 1930)" führt zuerst in die böhmische Heimat Prag und läßt die historische Stadt mit ihren Kunstschätzen, ihren malerischen Winkeln und Gegensätzen vor uns neu entstehen. Die Familie der Dichterin, die äußeren und seelischen Verhältnisse der Rassenmischung erklären den eigenartigen Charakter der schönen Frau, die erste unglückliche Ehe, den großen Charme, den die lebhafte junge Dame auf alle ausübte, die mit ihr zusammenkamen. Bedeutende. Männer, deren Namen jetzt schon historisch anmuten, werden geschildert, kluge Gedanken, feinsinnige Aphorismen sind eingeflochten. Von ihrem Gatten geschieden, widmet sich Hermine der Kunst, München ist ihr nächstes Ziel, die Stadt Lenbachs mit ihrer harmlosen Heiterkeit erscheint im Bild — so fern und doch so nah für jene, die noch Altmünchens Zauber erlebten. Erinnerungen werden wach, die Künstlerfeste, die schöne persönliche Freiheit, die Landschaft in weitem Umkreis. Hermine Hanel schreibt: „Man ist ein Mensch, eine Persönlichkeit, ein Sonderling, ein Geselliger oder ein Abseitiger, wie es einem beliebt und wird nicht wie ein gefangener Schmetterling auf eine Nadel gespießt, in einen Kasten gesperrt und mit einer Etikette versehen." Sie konnte sich in gehaltener Freiheit austollen, konnte reisen, die Welt sehen, Eindrücke von Wien, Aussee, Italien, Ungarn vervollständigen den Kreislauf des reichen Künstlerlebens, dessen Wanderfahrten schließlich in harmonischer Ehe wieder in München Abschluß fanden. Interessant ist die langjährige Freundschaft der Verfasserin mit dem österreichischen Politiker Baron Johann Chlumecky, dessen Wirken unter Franz Josephs Regierung der Geschichte angehört. Bekannte Schriftsteller, Künstler von Namen, die Wien und München in der Vorkriegszeit charakterisierten, ziehen vorüber, Porttäts und Reproduktionen hübscher Zeichnungen vervollständigen das Buch. Hermine Hanel ist keine Jüdin, nie eine gewesen, aber sie ist die Tochter einer jüdischen Mutter, die — als erste Prager Jüdin — ohne überzutreten, einem Katholiken die Hand zum Ehebunde reichte. Der Mutter kostete die Geburt der Tochter das Leben. Da ihr Vater eine neue Ehe schloß,, wurde Hermine — die am Vorabend des Versöhnungsfestes geboren ist — im Hause der Großeltern, dem „Zehnmäderlhaus", von ihren neun Tanten erzogen. Sie wuchs ohne Religionsunterricht auf. Aber sie erzählt von jüdischen Bräuchen: „Ich bedauere, daß ich die alttestamentarischen Feste, die Heinrich Heine in seiner „Prinzessin Sabbath" besingt, nicht kennen lernte und die alten Bräuche frommer Familien bei uns nicht gepflogen wurden. Wir knabberten wohl zu Ostern das ungesäuerte Brot, doch feierten wir nur die Feste der Kirche." Der Großvater, ein wohlhabender Hopfenhändler und Besitzer eines schönen Hauses mit Garten und Speicher, hält auf Zucht und Ordnung. Hermine schildert ihren jüdischen Ahnherrn besonders liebevoll. Als er hinausgetragen wird zum „guten Ort", erschüttern sie die hebräischen Trauergesänge. Als sie in Dresden in Pension ist, werden die Backfische auch in die englische und in die russische Kirche geführt. Hier gefällt ihr das Mystische, Bunte des orthodoxen Ritus, während der evangelische Gottesdienst, der sich — statt an die Sinne — an das Gefühl und den Verstand wendet, ihr Herz leer läßt. Unverkennbar sind die Neigungen und Eigenschaften von der Mutter her: ihr starker jüdischer Familiensinn, ihre Zielstrebigkeit, ihre Rassenzähigkeit, mit der sie an dem für recht Erkannten feschält, ihre vorurteilsfreie, schrankenlose Menschenliebe, die niemals nach Bekenntnis, Nation und Stand fragt, und das felsenfeste Bewußtsein der Geborgenheit in Gott. Hermine Hanel ist auf ihre jüdische Abkunft stolz. Sie führt Robert Browning an, der die jüdische Rasse mit einem starken spanischen Wein vergleicht: Wird dieser unvermischt getrunken, so mundet er nicht; er ist aber so kostbar, daß, wenige Tropfen anderem Weine beigemischt, diesem Weine erst Aroma und Würze verleihen. Viele bedeutenden Juden kreuzten ihren Lebensweg, voran Arthur Schnitzler, Theodor Herzl und andere Persönlichkeiten aus dem Kreis der „Neuen Freien Presse". Der Hauptwert des Buches, seine Seele, liegt in der psychologischen Darstellung des eigenen Charakters, der bis in die feinsten Adern und Verästelungen erforscht, an jene klassischen Beispiele der Seelensorschung erinnert, der sich Männer und Frauen des romantischen Zeitalters widmeten; sie sahen ein Lebensziel darin, sich selbst zu erkennen und dadurch zu weiterer Vollendung zu bringen.