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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1934-07-01 · 13 (1.7.1934) · p. Seite 264

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
10 (1934)
Issue
13 (1.7.1934)
Date
1934-07-01
Page
Seite 264 (sequence 4)
Language
German
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264 Bayerische Israelitische Gemeiridezeitung Nr. 13. daß der gleiche Mann, der eben mit Kaisern und Königen wie ein Gleichberechtigter verhandelt hatte, im nächsten Augenblick mit Herzklopfen wie ein Schuljunge die Redaktionsstube betrat, weil er fürchtete, wegen unentschuldigten Fortbleibens mit Entlassung bestraft zu werden. Die „Neue Freie Presse" hat niemals in ihren Spalten von der Lebensarbeit ihres berühmtesten Mitarbeiters Notiz genommen. Dazu kamen die Reibungen mit seinen Gegnern. Bekanntlich sollte der erste Zionistenkongreß in München stattfinden, aber man protestierte gegen seine Abhaltung, und so nahm ihn Basel auf. Theodor Herzl auf der Rheinbrücke in Basel, das ist ein Bild, das sich jedem Juden eingeprägt hat. Hier hatte er nicht nur das Ohr des Kongresses, sondern das Ohr der Welt. Im Jahre 1897 wurde von hier aus das Basler Programm verkündet, das die „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" forderte. Die Wirkung Herzls selbst war fortreißend. Die späteren Kongresse brachten viele Gegensätze ans Licht. Als sich die Aussichten für Palästina zerschlugen, dachte man zeitweise an die Besiedlung der Sinai-Halbinsel, dann auch an ein Territorium in Uganda. In einem Roman „Altneuland" hat Theodor Herzl versucht, auf andere Weise an die Manschen heranzukommen. Gewiß, wenn man dieses Buch heute liest, so erkennt man seine Zeitbedingtheit. So manches, was damals aus der Blütezeit bürgerlicher Zivilisation heraus geschrieben war, erscheint einem heute als Bote aus einer versunkenen Welt. Aber im ganzen ist diese Vision eines utopischen Romanesdoch richtig gesehen. Greifen wir etwa nur den einen Punkt heraus: Die Versorgung von Erez Israel mit elektrischer Kraft durch die Ausnützung des Höhenunterschiedes des Mittelländischen und des Toten Meeres. "~* ■ " ... Herzl war ein Westjude. Es fehlten ihm die Grundlagen jüdischen Wissens, wie sie vor allem im Osten unerschüttert sich erhalten haben. Er konnte es sich nicht vorstellen, daß im Lande der Väter einstmals die hebräische Sprache zu neuem Leben erwachen würde. Aus der Verbindung des politischen Zionismus von Theodor Herzl mit dem Kulturzionismus eines Achad Haam ist das Aufbauwerk entstanden. Wer zu dem Menschen Theodor Herzl Zugang sucht, der greife vor allem zu seinen Tagebüchern. Von dem Augenblick an, als er seine jüdische Sendung in sich spürte, hat er auch im Drang größter Arbeit alles aufgezeichnet, was ihn bewegte. Manchmal verzweifelt über die Widerstände, die sich ihm entgegentürmten, dann aber wieder vorwärts gepeitscht von der Aufgabe, die ihn beseelte, ist er seinen Weg gegangen. Frühzeitig hat seine Gesundheit unter dieser. ungeheuren Beanspruchung gelitten. Wohl hatte er . in seinem; Leben viele Gegner gehabt, aber es gab unter ihnen niemanden, der jemals die Reinheit seiner Gesinnung und, den Idealismus, der ihn erfüllte, angezweifelt hätte. Deswegen geht von der Gestalt Theodor Herzls, die in sich alles Edle, was Judentum je hervorbrachte, vereinigte, eine hohe und begeisternde Kraft für alle Juden aus. Jüdische Autorität Von Rabbiner Dr. Bruno Finkelscher er' Zu den vielen Punkten, wo die Entwicklung der letzten Jahrzehnte durch die Ereignisse der jüngsten Zeit völlig abgebrochen zu sein scheint, gehört die Stellung des einzelnen Juden zu seiner Gemeinschaft. Hier hatte ein unheilvolles Geschehen eingesetzt, beispiellos in unserer wie in anderen Gemeinschaften. Es war wohl das deutlichste Zeichen der Interesselosigkeit gegenüber jüdischen Dingen und des Mangels an jüdischem Verantwortungsbewußtsein, in welchem Maße Juden, teils aus materiellen Gründen, teils um die Bindungen mit dem Judentum nach Möglichkeit zu lockern und zu lösen, die Gemeinden verlassen haben und man kann ruhig sagen, im Stiche gelassen haben. Des preußischen Austrittsgesetzes von 1876 haben sich ja auch ganz andere Kreise bedient als die, für die es erlassen war. Wenn heute äußere Gründe — wir können in diesem einen Fall sagen: glücklicherweise — diese Entwicklung hemmen, so ist es erst recht notwendig, sich gedanklich mit ihren Grundlagen auseinanderzusetzen, um diese Flucht aus der Verantwortung in ihren Motiven geistig zu überwinden. Man hat zur Verteidigung des Austritts aus der Gemeinde in der Regel .das Argument der persönlichen Freiheit angeführt: Wer mit den ganzen gegebenen Formen des Judentums, mit jüdischem Denken und jüdischem Leben nicht einverstanden sei, dem diktiere die Ehrlichkeit die Verpflichtung, auch äußerlich vor den Folgerungen daraus nicht zurückzuschrecken, die geistig begründete Trennung auch förmlich zu vollziehen. Es ist das ein Argument, das uns heute recht gesucht vorkommen mag, vor wenigen Jahrzehnten aber eine beträchtliche Schlagkraft besaß, wo es irgend möglich war, seine sachliche Gegebenheit glaubhaft zu machen. Es ist heute interessant zu beachten, daß Hermann Cohen 1916 diese Frage noch ganz anders behandelte, als es unserem heutigen Denken entspricht. Denn für ihn stand der Wert der individuellen geistigen Freiheit so außer aller Frage, daß es sich für ihn nur um ihre Auslegung handeln konnte. Er betont, daß die Verantwortlichkeit "der Gesamtheit gegenüber „als eine intime Schuld in das Soll und Haben der persönlichen Freiheit" gehört, eine Verantwortlichkeit, die natürlich wächst^ mit den Angriffen gegen die Gemeinschaft. Dabei hat Cohen durchaus den Blick für die Wichtigkeit der Gemeinschaft, den Staat, den Staatenbund, in deren Rahmen die Einzelpersönlichkeit erst ihre, Reife findet. Es ist in vieler Hinsicht aufschlußreich zu beobachten,! wie sich seit 1916 unsere Stellungnahme zu all

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