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Der Morgen · 1938-09-01 · Heft 6 (September 1938) · p. 252

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
14 (1938)
Issue
Heft 6 (September 1938)
Article
Der Am Haarez
Date
1938-09-01
Page
252 (sequence 7)
Language
German
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Bertha Badt-Strauss: Der Am Haarez Doch auch der Chassidismus ward alt und betagt und verlor die Kraft, so schien es, junge Herzen noch fürder an sich zu ziehen. Wenn man die verwegenen Satiren, etwa die „Seelenwanderung", Jizchak Erters, oder die schlichten Erzählungen Brandstätters liest, so versteht man die Gefahren jenes Menschenlebens, in welchem „die Taten das Wissen vergessen ließen". Da erwachte eine neue jüdische Volksbewegung, — oder vielmehr, was in all in den Jahrhunderten Glut einzelner, inbrünstiger Herzen gewesen, wurde zur Bewegung des Volkes. Der Zionismus riß die Herzen der Jugend mit sich, und der Führer dieser größten jüdischen Volksbewegung unserer Epoche war wieder kein Gelehrter und kein Raw, sondern ein Mann, den man, wollte man nur den Umfang seines jüdischen Wissens bezeichnen, wohl als einen Am Haarez hätte bezeichnen können. Theodor Herzl ist in den ersten Kampfjahren oft von gelehrten Leuten und berühmten Rabbanim deshalb angegriffen worden: wie können wir einem Manne folgen, der kaum das Schema lesen kann;? Dennoch hat gerade ein Mann des Wissens wie Schemarja Levin in seinen Erinnerungen den tiefen Unterschied zwischen einem Manne, der alles wußte wie Achad Haam und dem Am Haarez Herzl geschildert: den ersten liebte man, verstand man, stritt mit ihm wie mit einem Genossen, dem andern aber folgte man ohne Besinnen, wenn er die Tat an die Stelle des Grübelns setzte. War es nicht vielleicht gerade die ursprüngliche Entfernung aus der Enge der Judengasse, 'die Weite des Blicks über die Völker der Welt, die ihm zu seiner Konzeption des Judenproblems verhelfen hatte? Man erinnerte daran, daß auch Mosche Rabbenu nicht bei den Seinen, nicht im engeren Kreis jüdischen Wissens aufgewachsen war, sondern am ägyptischen Königshofe Weisheit der Völker kennen gelernt und dem frevelnden Fremden gegenüber die Kraft der Hand zu üben gelernt hatte, ehe er zur Tat heranreifte. Mit gutem Grunde fand ein Schüler einmal „Mose und die Propheten" bei Theodor Herzl wieder, einer, der eben dabei war. sich vom Am Haarez selbst zum Wissenden, zum Talmid Chacham fortzubilden. Aber seines Wissens letzter Schluß sollte nicht die Gelehrsamkeit und nicht das Buch sein, sondern die Tat und das Leben. So bindet Franz Rosenzweig — denn er war dieser Schüler — nicht nur das Ende unserer Betrachtung an den Anfang, sondern auch die Pole jüdischen Menschentums werden in ihm geeint. Der Am Haarez bringt die Kraft des ursprünglichen Willens zur Tat und reicht dem Talmid Chacham, dem Mann des Buches, dem Matmid vergangener Jahrzehnte die Hand. Und so erst entsteht jener Menschentyp, zu dem wir uns entwickeln wollen: einer,, dessen Kraft der Tat der Weite und Klarheit seines Geistes entspricht. 252

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