Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 3 (August 1927)
- Article
- Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus
- Date
- 1927-08-01
- Page
- 289 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Typen des deutschen Judentums in ihrer Beziehung zum Sozialismus auch nicht ihre Beweggründe und ihre menschlichen Begleiterscheinungen. Wesentlich ist nur die sich vergrößernde Distanz vom rein jüdischen Kultlirkreis und die abnehmende zum neuen Kulturkreis. Diese Bewegung kann aber keine ganz geschlossene sein, jeder kann ihr Ziel verschieden weit und hoch hinaus setzen. Von dem Wunsch, lediglich die politische und juristische Gleichberechtigung zu erreichen, bis zu dem Gedanken, völlig aufzugehen in dem räumlich und seelisch verbundenen Volk, ist eine Fülle von einzelnen gedachten und angestrebten Möglichkeiten da, die alle untereinander das gemeinsam haben, daß sie keine logisch und emotionell glatte Lösung bieten. Hier setzt die zionistische Idee ein, mit einem zunächst einfach und klar formulierten Ziel: Die Juden.sind eine Nation, man muß sie nur noch zu einer bewußten Nation machen. Im Brennpunkt steht also die Aufgabe, ein nationales Ganzes wieder hervortreten oder neu erstehen zu lassen. Kaum ist aber das Programm so einfach wie möglich formuliert, so enthüllt sich das Ziel als ein ungeheures Problem. Der Formel, die etwa Moses Hess findet: Die Juden sind eine Nation, folgt die neue Betonung: ja, sind sie eine Nation? Moses Hess' Anregungen sind akademisch geblieben, die Fragestellung trat überhaupt wieder aus dem Interesse zurück, bis Theodor Herzl die Bewegung in Westeuropa aufgriff und neu begründete. Aber wie anders und mit welch anderem Rüstzeug als Moses Hess! Hess geht als geschulter Sozialist aus von einem im Ganzen festgerammten Gedankengebäude, er hat Methode, er hat System und wenn er zu falschen Schlüssen gekommen sein sollte, so hat er sie legitim errungen. Bei Herzl ist der Zionismus zunächst eine reine Angelegenheit der Reaktion auf den Antisemitismus, auf die Elendlage mancher Judengruppen. Von irgendeinem gedanklich fundierten Bau ist nichts zu spüren. Die Bewegung soll marschieren, alles andere kann sich nachher finden. Die beiden großen Fragen, die nationale und die soziale, werden bei ihm konkret und klar überhaupt nicht gestellt Aber diese gedanklich verwaschene Stellung, die bei Herzl offenbar einem theoretischen Unvermögen entstammt, kann nicht darüber täuschen, daß diese beiden Fragen die Säulen des zionistischen Gebäudes sind. Und für die westeuropäischen Zionisten ist die nationale Frage eine so schwere Aufgabe, daß sie im Ganzen mit ihr vollbeschäftigt sind. Die Idee, eine Nation zu rekonstruieren, oder besser, neu zu konstruieren, stößt für die bereits irgendwie assimilierten westeuropäischen Juden auf ungeheure geistige Schwierigkeiten. Die Ebene, auf der sich eine nationale Willensbildung vollzieht, hat aber zwangsläufig überhaupt keine Verbindungen 19 289