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Der Morgen · 1929-08-01 · Heft 3 (August 1929) · p. 235

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 3 (August 1929)
Article
Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen
Date
1929-08-01
Page
235 (sequence 16)
Language
German
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Moses Mendelssohn und seine Zeitgenossen jüdischen Kaufläden, die sonst nur bei Beerdigung eines Oberrabbiners zu erfolgen pflegte: „Von Sonnenaufgang bis zu Sonnenuntergang Sah ich der Wechsler Tische leer, Der Krämer Haus verschlossen, Des Handels Lauf gehemmt." Die Trauerkantate wurde in der Komposition des Kapellmeisters Wessely in mehreren Städten aufgeführt. Der Königsberger öffentlichen Aufführung wohnte Kant bei. Freilich sollte Mendelssohn auch von Kämpfen im eigenen Lager nicht ganz verschont bleiben! Schon im ersten Jahre ihres Verkehrs sah Lessing seinen Freund „im Voraus als eine Ehre seiner Nation an, wenn ihn anders seine eigenen Glaubensgenossen zur Reife kommen lassen, die alle Zeit ein unglücklicher Verfolgungsgeist wider Leute seinesgleichen getrieben hat". Nun, Mendelssohn hat sich in diesem Sinne durchgesetzt, aber ein wenig ist doch auch die Prophezeiung Lessings in Erfüllung gegangen. Gerade eine seiner verdienstlichsten Arbeiten trug ihm die Anfechtung der Nächsten ein: die Uebersetzung des Pentateuqhs (1778 und folgende Jahre). Der christliche Theologe Doederlein wünschte nach dem Probebogen sich und dem Judentum des ganze Alte Testament auf diese Art übersetzt — der orthodox-hierarchischen Richtung vieler Rabbiner, die in Polen ihre Ausbildung genossen hatten, war schön dieser erste Versuch zu viel! Man fürchtete, daß mit der Lockerung des einen Steines der ganze Bau des Judentums gefährdet werden könne; man fürchtete, und bisweilen ohne Zweifel aus ehrlicher Ueberzeugung, für die altüberkommenen Formen der Synagoge, für die jüdische Sprache und Lehre, für die Autorität des Rabbinertums. Dr. Salomon Ludwig Steinheim, ider Verfasser des i8£o in Hamburg erschienenen Büchleins „Moses Mendelssohn und seihe Schule in ihrer Beziehung zur Aufgabe des neuen Jahrhunderts", ist kein „Zeitgenosse" mehr, trug aber in sich noch so lebhafte Ueberlieferungen und Erinnerungen an die Tage des alten Judenelends und Mendelssohnscher Reformen, daß er bei aller Schärfe seines Urteils hier auch gehört zu werden verdient. „Man muß"> sagt er, „die damalige Aufregung, welche Mendelssohns Bibelwerk verursacht hätte, miterlebt haben, um die volle Macht jenes Eindruckes nach ihr zu ermessen. Begreiflich fühlte sich jene allmächtige Propaganda aus Polen im Inneren lebensgefährlich verwundet. Ihre ganze Weisheit war in Frage gestellt, 235

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