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Der Morgen · 1925-06-01 · Heft 2 (Juni 1925) · p. 220

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
1 (1925-1926)
Issue
Heft 2 (Juni 1925)
Article
Shylock - Nathan - Judith
Date
1925-06-01
Page
220 (sequence 12)
Language
German
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Julius Bab Wahrhaft ist — denn daß er nur auf dem Zettel als ein Jude bezeichnet wird, das könnte eine bloße Demonstration aufklärerischen Willens sein. Aber nur aus einem tieferen Gefühlsgrunde konnten die Worte dieser Gestalt das zuhmerst jüdische Leben empfangen, das sie tatsachlich mit jedem Satz verraten. Von seinem ersten Auftreten an, wenn Nathan den hysterischen Überschwang der Da ja: „Gott sei ewig Dank, daß Ihr doch endlich einmal wiederkommt", mit der scharf geschliffenen Entgegnung bändigt: „Ja, Da ja, Gott sei Dank, doch warum endlich?" — bis zu jener kostbaren Stelle, wo Nathan die Beichte des edlen unbedacht heftigen Tempelherrn: „So fiel mir ein, Euch kurz und gut das Messer an die Kehle zu setzen", mit den Worten unterbricht: „Kurz und gut? Und gut? Wo steckt das Gute?" —--bis zu dieser Wendung, die mit fast grotesker Stärke den jüdischen Tonfall spiegelt, — es gibt kaum einen Satz im „Nathan", der nicht in seinem innersten Lebenstakt jüdisch ist, der nicht in irgendeiner Variation die besondere Fähigkeit zeigt, den tiefsten Ernst durch ein logisches Spiel herauszuheben, durch eine plötzlich grelle Beleuchtung des Worts den hinter dem Wort schlummernden Sinn aufzuscheuchen. In einem noch tieferen Sinn als Shylock, bei dem die Mischung von sinnlicher Bildhaftigkeit und logischer Kontrastschärfe auch schon erstaunlich echt war, — in einem noch tieferen Sinne spricht Nathan „jüdisch" — fängt in seinen Reden die innerste Eigenart jener Kräfte auf, die die Kulturgeschichte aus der urtümlichen Eigenart des jüdischen Volkes hat reifen lassen. Dergleichen kann keine noch so große Greschicklichkeit, noch so konsequent durchgeführte Absicht „machen", das kann nur in solcher Lebendigkeit aus einem vielfältigen Erlebnis in Jahren erwachsen. — Der Dichter dieses Nathan muß in seinem Leben einen Grund gefunden haben, für die Aussprache seiner innersten religiösen Überzeugung hier einen jüdischen Menschen einzusetzen. Man hat in diesem Zusammenhang oft und gewiß nicht ohne Grund von Lessings Freundschaft mit Moses Mendelssohn gesprochen, der im persönlichen Umgang des' Dichters sicher die bedeutendste Person darstellt, von der diese intimste Erfahrung jüdischen Tonfalls Lessing zuteil geworden sein kann. Aber mir scheint, daß die bescheidene Würde des Berliner Aufklärungsphilosophen nicht ausreichen kann, um das große Pathos zu erklären, mit dem Lessing hier einen Juden zum Repräsentanten seiner letzten Wahrheit macht Wir wissen aber, daß Lessing sich in seinen letzten Lebensjahren sehr ernsthaft mit jenem Philosophen beschäftigt hat, der in den Generationen zwischen Shakespeare und Lessing als der weitaus bedeutendste Einsatz der jüdischen 220

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